«Chuchichästli wurde nicht mein Lieblingswort!» - Unser Interview mit «Mad Heidi»-Darstellern Alice Lucy und David Schofield

Im Rahmen des 18. Zurich Film Festivals durften wir mit Alice Lucy (Mad Heidi) und David Schofield (Alpöhi) über ihre Zusammenarbeit, spassige Szenendrehs und Sprachdifferenzen sprechen.

© Swissploitation Films

Guten Morgen! Wie geht es euch nach der gestrigen Premiere im Kongresssaal vor ausverkauftem Haus? Lange Nacht?

Alice Lucy: Lange Nacht, aber gute Nacht.

David Schofield: Ja, es war ein grossartiger Abend.

Wie hat es sich für euch angefühlt, den Film zum ersten Mal mit einem Schweizer Publikum zu sehen?

Alice Lucy: Es war wirklich etwas ganz Besonderes. Es waren auch viele Investoren des Films im Publikum, die zum ersten Mal etwas anderes als Social-Media-Posts oder kurze Teaser-Trailer gesehen hatten. Es war also ein ganz besonderes Gefühl, dass wir alle diesen Moment gemeinsam erleben durften.

David Schofield: Mir geht es da ganz genauso. Es war einzigartig, sich in einem Raum voller Menschen wiederzufinden, die sich nicht nur wegen ihrer Leidenschaft für den Film engagieren, sondern auch damit begonnen haben, ihr Geld in die Hand zu nehmen, und das ist wirklich einzigartig.

David Schofield spielt den rebellischen, Schrotflinte schwingenden Alpöhi.
David Schofield spielt den rebellischen, Schrotflinte schwingenden Alpöhi. © Swissploitation Films

Da wir gerade von der Schweiz sprechen, welches ist euer Lieblingswort - Schweizerdeutsch oder Deutsch im Allgemeinen -, das ihr am Set gelernt habt?

Alice Lucy: Ich habe ein paar. Das, von dem alle erwarten, dass es mein Lieblingswort ist, ist nicht mein Lieblingswort, aber alle wollten mir «Chuchichäschtli» beibringen.

Oh ja, das ist ein Klassiker.

Alice Lucy: Alle meinten, das würde mein Lieblingswort. Meine Favoriten sind aber «Genau» und «Ja, sicher». Das haben alle gesagt. Sie machten mir die Haare und das Make-up und sagten ständig «Ja, sicher». Also, «Genau» und «Ja, sicher» sind meine Favoriten.

David Schofield: Für mich ist es einfach das gleiche Wort, egal wo ich hinreise: Wie man «Ein Bier, bitte.» sagt und verstanden wird.

Um beim Thema Schweizerdeutsch zu bleiben: Wie war es für euch, an einem Set zu arbeiten, an dem, nehme ich an, die meisten Leute nicht Englisch sprachen?

David Schofield: Ich spreche keine andere Sprache als meine eigene. In gewisser Weise ist das eine Schande für mich. Ich wünschte, ich spräche eine. Wir haben aber das Glück, dass viele Leute am Set sehr sensibel mit uns Briten umgehen. Ich hatte nie das Gefühl, dass jemand über mich in einer Sprache spricht, die ich nicht verstehe.

Alice Lucy: Ich persönlich habe während der Dreharbeiten eine grosse Entwicklung durchgemacht. Ich spreche fliessend Spanisch und Katalanisch, sodass ich in den meisten Ländern, wie zum Beispiel Frankreich und Italien, eine Menge verstehen kann. Aber Schweizerdeutsch ist nicht einmal eine geschriebene Sprache, und jeder Schweizer spricht eine etwas andere Version. Für mich als jemand, der es gewohnt ist, die meiste Zeit zu wissen, was vor sich geht, hatte ich das Gefühl, dass ich die Kontrolle über vieles abgeben und mich einfach auf den Moment einlassen musste. Und das fiel mir schwer, weil ich gerne die Kontrolle habe und weiss, was vor sich geht und den Plan kenne. Aber es gab mir ein Gefühl der Freiheit und einen gewissen Spielraum. Das war dann nicht mehr beängstigend, sondern sogar ziemlich aufregend.

Und es muss interessant sein, mit jemandem wie Max Rüdlinger zu arbeiten, der, glaube ich, gar kein Englisch spricht, oder zumindest nicht viel.

Alice Lucy: Am Anfang sprach er so viel Englisch, wie ich damals Schweizerdeutsch sprach. Und doch konnten wir uns irgendwie durch Geräusche verständigen, aber je länger es dauerte, desto mehr versteht man sich und desto wohler fühlt man sich miteinander. Es war mir manchmal peinlich, wenn ich versuchte, Schweizerdeutsch zu sprechen, so wie ich glaube, dass er sich beim Englischsprechen fühlte, und je wohler wir uns miteinander fühlten, desto mehr konnten wir kommunizieren. Aber er ist eine Legende. Es war «epic», mit ihm zu arbeiten.

David Schofield: Er ist ein cooler, freundlicher Typ. Solange man also das Gefühl hat, dass die gegenseitigen Freundschaftsangebote ankommen, findet man einen Weg, miteinander zu kommunizieren, nicht wahr?

Max Rüdlinger als Kommandant Knorr
Max Rüdlinger als Kommandant Knorr © Swissploitation Films

Ich glaube, eine Frage, die oft gestellt wird, lautet: «Was war das Schwierigste beim Dreh?». Aber ich würde gerne wissen: Was war erstaunlich angenehm beim Dreh?

Alice lacht und hält kurz inne.

David Schofield: Jetzt wirds schwierig, nicht wahr?

Alice Lucy: Nein, ich versuche, mich an etwas zu erinnern, das in dem Film tatsächlich eklig war, aber wirklich Spass gemacht hat … Ah, es war der Nachtdreh! Natürlich weiss niemand, dass es ein Nachtdreh war; ich spreche von der «Yodel me this»-Szene. Die haben wir mitten in der Nacht gedreht, um zwei oder drei Uhr morgens, weil es dafür draussen dunkel sein musste. Auf dem Papier hat es geregnet. Es war eiskalt. Du weisst schon, Mitte September. Wir waren alle stundenlang wach, und ich glaube, wir kamen in ein solches Delirium, weil wir so erschöpft waren, dass wir nur noch lachten, und ich glaube, das waren meine liebsten zwölf Stunden am Set, einfach weil wir in diesen Zustand der traumhaften Vorstellung eingetreten waren. Und, du weisst schon, ich Spoiler und Spoiler steche jemanden mit einem Spoiler in den Spoiler. Es war so lächerlich, es hat einfach so viel Spass gemacht. Aber wenn man sich den Film dann anschaut, ist es eigentlich eine ziemlich grausame Szene.

David Schofield: Alle meine Nahaufnahmen. Lacht. Spass beiseite, das Gegenteil. Je mehr Leute in einer Szene sind, desto mehr Spass macht sie.

In der Schweiz kennt natürlich jeder Heidi. Wie war eure Beziehung zur Figur Heidi und ihrer Geschichte vor diesem Projekt?

David Schofield: Ich kannte sie eigentlich nur als Kind, war also nicht so vertraut mit ihr. Obwohl ich eine gewisse Erinnerung an Heidi und die Schweiz habe. Es war fast eine Art heimatlicher Blick auf die Schweiz, weisst du. Und so war ich absolut begeistert, als ich am Set ankam und herausfand, dass mein Haustier ein Bernhardiner war - mit einem Fass um den Hals!

Alice Lucy: … mit Schnapps drin.

David Schofield: Diese ikonischen Bilder kenne ich noch aus meiner Kindheit. Ich bin dann aber nicht zurückgegangen und habe mir alle Originalfilme angesehen und das Original gelesen, weil es nicht das war, was wir drehten. Das ist die Heidi-Geschichte von Johannes und Sandro, und die spielt natürlich, nachdem Heidi erwachsen geworden ist. Wir haben also nicht Heidi gemacht, wir haben Mad Heidi gemacht.

Alice Lucy: Ich kannte Heidi. Ich habe Heidi als Kind gelesen. Es war eine meiner Gute-Nacht-Geschichten, die mir meine Mutter immer vorlas. Ich wuchs bis zu meinem siebten Lebensjahr in den schottischen Bergen auf. Ich hatte einen Hund und sie und ich stürmten einfach durch die Berge, und meine Oma, mein Onkel und meine Mutter nannten mich Heidi. Als dann das Drehbuch kam, sagte ich, dass ich das mache muss. Ich musste den Kreis schliessen.

Heidi, mad.
Heidi, mad. © Swissploitation Films

Wie habt ihr euch auf die Rollen vorbereitet? Habt ihr für ein paar Wochen in den Bergen gelebt?

Alice Lucy: Das hatte ich bereits getan! Ich war einen Monat lang in der Schweiz, bevor wir mit dem Dreh anfingen, und ich glaube, es ging einfach darum, jeden Tag anwesend zu sein und sicherzustellen, dass wir uns voll reinhängen und keine Gelegenheit ausliessen, einfach immer 100 % zu geben.

David Schofield: Ich habe mir nur einen Satz sehr effektiver Thermohosen gekauft.

Ihr beide befindet euch in eurer Schauspielkarriere an ganz unterschiedlichen Stellen. David, du bist schon seit Jahrzehnten Schauspieler, Alice, du fängst gerade erst an. Was habt ihr bei diesen Dreharbeiten voneinander gelernt?

David Schofield: Nun, ich fange an, wenn ich darf. Ich habe gelernt, dass die Leidenschaft, die ich hatte, als ich so alt war wie Alice oder noch jünger, und die mich in diese ganze Welt des Geschichtenerzählens gebracht hat - sei es im Film, im Fernsehen oder im Theater -, in unserer neuesten Generation von Schauspielern lebendig und gut ist. Das war also das Aufregendste.

Alice Lucy: Ich habe so viel von dir gelernt. Ich massiere ständig dein Ego, was das angeht.

David Schofield: Sie hat meinen Agenten getroffen.

Beide lachen.

Alice Lucy: Das ist mein erster Spielfilm. Es gab einen Moment bei einer Probe, die ich mit David hatte, bevor wir überhaupt gedreht haben. Wir gingen gerade den Text durch und wir hatten Blickkontakt … Man macht so viele Übungen, wenn man übt oder mit Freunden schauspielert, und es geht darum, zuzuhören und präsent zu sein und auf das zu reagieren, was einem gegeben wird. Und es war das erste Mal, dass du mir den Raum zum Atmen gegeben hast und ich mich tatsächlich mit dem verbunden habe, was ich als Schauspielerin war und wer ich als Figur war, weil du mir Vertrauen in meine Fähigkeiten gegeben hast. Denn ich habe dir vertraut, und ich glaube, das habe ich vorher noch nie erlebt, also war das etwas, das mich wirklich auf ein gutes Fundament für die Dreharbeiten gestellt hat.

David Schofield: Ein Regisseur, mit dem ich einmal zusammengearbeitet habe, Declan Donnellan, sagte: «Ich möchte, dass ihr alle heute Abend, bevor ihr auf die Bühne geht, euren Kopf so weit wie möglich leert. Und wenn ihr dann die Bühne betretet und euren Text sprecht, oder zuhört.» Es scheint so einfach zu sein. Das Wichtigste, was man dadurch lernt, ist die Fähigkeit, zuzuhören, was die Kollegen sagen und wie sie es sagen. Wenn du dich auf eine Rolle vorbereitest, machst du dich mit dem Text vertraut und versuchst vielleicht, lange Reden zu lernen - wie ein Papagei - und wiederholst sie einfach und wiederholst und wiederholst. Wenn man es zu Hause macht und mehr als eine Person in die Szene involviert ist, trifft man Entscheidungen darüber, was die andere Person tun wird, was man von ihr möchte, was man denkt, dass sie tun sollte, und das ist nicht unbedingt das, was sie tun wird, wenn sie vor einem sitzt. Die eigentliche Vorbereitung findet in diesem Moment statt. In dem Moment, in dem du jemandem in die Augen siehst. Und du vertraust ihr.

Mad Heidi läuft ab dem 24. November 2022 in den Deutschschweizer Kinos. Hier geht's zum Kinoprogramm.

Nicolas Nater [nna]

Nicolas schreibt seit 2013 für OutNow. Er moderiert seit 2017 zusammen mit Marco Albini den OutCast. Ausser für Geisterbahn-Horrorfilme, überlange Dramen und Souls-Games ist er filmisch wie spielerisch für ziemlich alles zu haben. Ihm wird aber regelmässig vorgeworfen, er hätte nichts gesehen.

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