Worum geht es bei der Lex Netflix? Die Sache mit den 4 Prozent Investitionspflicht

Streamingdienste wie Netflix und Co. sollen in Zukunft vier Prozent ihres Umsatzes in die Schweizer Filmindustrie investieren. Wir beleuchten, was ein Ja genau bedeuten würde.

«Haus des Geldes» © Netflix

Nachdem wir (hoffentlich) die etwas hohle Diskussion um die 30-Prozent-Quote mit dem vorherigen Artikel begraben haben, fokussieren wir uns nun auf die Investitionspflicht. Das neue Filmgesetz will, dass Streamingdienste, die in der Schweiz tätig sind, 4 Prozent ihres Umsatzes in der Schweiz wieder ausgeben sollen. Bei internationalen Playern wie Netflix, Disney+ und Co. würde sonst fast alles ins Ausland abfliessen.

Es handelt sich hier um den wohl grössten Streitpunkt bei dieser Vorlage und es lohnt sich hier sicherlich zu diskutieren. Wir können noch so viele Artikel zur «Lex Netflix» schreiben, am Ende muss du entscheiden, wie du abstimmen möchtest. Fairerweise muss gesagt werden, dass es dir nicht gerade einfach gemacht wird. Denn die ganze Situation ist kompliziert.

Das Beispiel Spanien mit «Haus des Geldes»

Netflix produziert auf der ganzen Welt Serien und Filme. Aus Spanien kommt Haus des Geldes, aus Frankreich Lupin und aus Italien Suburra. Ein beliebtes Argument der Befürworter ist, dass alle diese genannten Titel durch die Investitionspflicht (Spanien hat 5 Prozent, Frankreich 26 Prozent und Italien 20 Prozent) möglich gemacht wurden. Wie Matthias Müller von «Nein zum Filmgesetz» richtig sagt, stimmt dies nicht - oder nur bedingt.

Haus des Geldes begann im Mai 2017 als Serie auf dem spanischen TV-Sender Antena 3. Netflix kaufte sich die Streamingrechte an den ersten beiden Staffeln, die dann auf dem Streamingdienst ein riesiger Hit wurden. Netflix kaufte daraufhin gleich die Rechte an der ganzen Serie und steckte Geld in die Produktion von weiteren Staffeln. Spanien führte dann erst im November 2020 eine Investitionspflicht von 5 Prozent für Streamingdienste ein.

«Haus des Geldes»
«Haus des Geldes» © Netflix

Aber wieso machte Spanien denn das?

Es kann hier sehr gut argumentiert werden, dass Spanien eine Einführung der Investitionspflicht gar nicht nötig gehabt hätte. Netflix pumpt mit der Produktion von Haus des Geldes ja schon Geld in die spanische Film- und Serienindustrie. Das ist richtig, aber Spanien wollte sich absichern. Denn es ist nicht klar, dass Netflix nach dem Serienende von Haus des Geldes auch weiterhin in Spanien produzieren wird. Netflix könnte sich entscheiden, Filme und Serien für ein spanischsprechendes Publikum in einem anderen Land umzusetzen, wo es günstiger wäre.

Die Gesetzesgeber in Spanien wollten es aber nicht darauf ankommen lassen und haben die 5-Prozent-Investitionspflicht eingeführt, um die eigene Film- und Serienindustrie zu schützen. Man kann das von einem marktwirtschaftlichen Standpunkt blöd finden («Netflix soll doch frei sein und dort produzieren, wo es für sie am besten ist»). Spanien war aber die Arbeitsplätze in der Film- und Serienproduktion wichtiger und hat so diese vor Netflix gestellt.

Auf die Schweiz angewendet

In der Schweiz bestimmen wir als Bevölkerung genau über diesen Punkt. Der Unterschied ist einfach, dass Netflix - Stand jetzt - kaum Geld in der Schweiz ausgibt. Wir sind mit unserem Reichtum zwar ein Haus des Geldes, haben aber keine erfolgreiche Serie wie Haus des Geldes. In der Schweiz haben wir momentan das, was Spanien unbedingt verhindern wollte. Der deutschsprachige Content auf Netflix wird mehrheitlich im Ausland in Deutschland produziert. Netflix tut dies, weil es mit Serien in Hochdeutsch gleich drei Märkte abdecken kann - Deutschland, Österreich und die Schweiz.

Finanziert wird dies unter anderem auch mit den Abos, die wir in der Schweiz bezahlen. Das macht für Netflix von einem marktwirtschaftlichen Standpunkt aus Sinn, und so musste Deutschland auch keine Investitionspflicht einführen - jedoch muss Netflix dort 2.5 Prozent vom Umsatz direkt an die Filmförderung abgeben. Das deutsche Argument: «Wo soll Netflix denn sonst den deutschsprachigen Content produzieren?» Es gibt deutlich weniger Länder, in denen Deutsch gesprochen wird als Spanisch. Es bleiben neben Deutschland eigentlich nur Österreich und die Schweiz übrig. Das führte dazu, dass Schweizer Shootingstars wie Luna Wedler nach Deutschland mussten, um genug Arbeit zu kriegen.

Luna Wedler in «Biohackers»
Luna Wedler in «Biohackers» © Netflix

Die Streamingdienste können selber bestimmen

Die Anpassung des Filmgesetzes will nun, dass Netflix für den deutschsprachigen Raum nicht mehr nur in Deutschland und Österreich (die Miniserie Freud war eine Co-Produktion zwischen dem ORF und Netflix) Geld ausgibt, sondern auch in der Schweiz. Dafür soll Netflix 4 Prozent des in der Schweiz verdienten Umsatzes in das hiesige Film- und Serienschaffen investieren. Das Wort «investieren» ist hier entscheidend. Denn in Deutschland muss Netflix 2.5 Prozent abgeben und kann nicht bestimmen, was mit dem Geld passiert. In der Schweiz kann das Unternehmen jedoch selbst entscheiden, wofür das Geld verwendet wird. Netflix kann bei Annahme des Filmgesetzes aus vier Optionen wählen.

1: Netflix produziert selbst Schweizer Filme und Serien

Der Streamingdienst macht sich schlau, was es für Stoffe hierzulande gibt und setzt diese um. In den meisten Fällen läuft dies so ab, dass Drehbuchautorinnen und -autoren ihre Skripte einschicken und dann entschieden wird, ob ein Skript gut genug ist für eine Umsetzung oder nicht - bei der staatlichen Filmförderung des Bundes läuft dies genauso ab. Hat Netflix ein spannendes Projekt gefunden, wird eine Crew angeheuert, die dann aus dem Drehbuch einen Film oder eine Serie macht. Alle diese angeheuerten Leute (für die Kameraarbeit, das Bauen von Sets, die Catering-Abteilung, die Person für den Regiestuhl und noch viele mehr) erhalten für ihre Arbeit einen Lohn. Der bezahlte Lohn und alle anderen Produktionskosten wird Netflix dann gegenüber dem Bund als Investition in das Schweizer Filmschaffen ausweisen.

Weil Netflix den Film oder die Serie alleine gestemmt hat, wird der Streamingdienst den am Ende entstandenen Titel nur bei sich und auch weltweit anbieten, wie das bei anderen von Netflix produzierten Titeln wie «Squid Game» und «Stranger Things» der Fall ist. Denn die Rechte müssen mit niemandem geteilt werden und Netflix kann so tun und lassen, was es will.

Im Idealfall hat Netflix dann ein schweizerisches Haus des Geldes an der Hand, für das dann Personen, die noch kein Netflix haben, ein Abo lösen. Frau Schweizerin und Herr Schweizer möchten ja in der Kafipause im Büro mitreden können.

2: Netflix produziert mit anderen mit

Es gibt ein super-cooles Projekt, für das eine Partei alleine nicht das ganze Budget stemmen möchte? Kein Problem! In einem solchen Fall spannen mehrere Parteien zusammenspannen, teilen die Kosten untereinander auf und machen Deals bezüglich der Auswertung. Ein Beispiel: Sagen wir, Netflix produziert mit dem SRF eine Serie. Ein Deal könnte so aussehen, dass das SRF die Serie zuerst jeweils am Sonntagabend auf SRF1 ausstrahlt und Netflix sie bei sich dann einen Tag später weltweit im Streaming anbieten darf. Netflix wird dann dem Bund ausweisen, wie viel Geld es zur Co-Produktion beigetragen hat.

Solche Deals gibt es häufig. Bei Freud gingen der österreichische Sender ORF und Netflix so vor und bei der Dracula-Miniserie hiessen die Parteien BBC und Netflix. Sogar die Schweiz hatte mit Tschugger schon ein solches Projekt. Hier produzierte SRF mit dem Streamingdienst Sky. Das Schweizer Fernsehen sicherte sich die Rechte für SRF1 und den Schweizer Streamingdienst Play Suisse und Sky zeigt die Serie jetzt auf Sky Show in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Zudem arbeitet Sky an einer englischen Synchronfassung, um Tschugger auch in Grossbritannien zu veröffentlichen - und macht mit den kultigen Walliser Dorfpolizisten dann auch dort beste Werbung für die Schweiz.

3: Netflix kauft bereits existierende Filme und Serien

Der Streamingdienst muss bei Annahme des Gesetzes nicht mal selbst Kameras in der Schweiz anwerfen. Das Gesetz sieht vor, dass Netflix auch einfach Schweizer Filme und Serien in sein Programm aufnehmen kann. Wenn Netflix zum Beispiel Platzspitzbaby zeigen möchte, muss es die Streamingrechte beim Rechteinhaber kaufen. Der ausgegebene Betrag darf ebenfalls an die 4 Prozent angerechnet werden. Weil viel Content für ein Unternehmen wie Netflix wichtig ist, werden dann wahrscheinlich nicht nur die Rechte für die Schweiz gekauft, sondern gleich für ein grösseres Gebiet (z.B. ganz Europa oder auch weltweit). Als erster Schweizer Film wurde Wolkenbruch weltweit auf Netflix herausgebracht. Das Schweizer Film- und Serienschaffen erhält so mehr Beachtung.

4: Netflix erhält einen Einzahlungsschein

Wenn Netflix keinen Bock auf Schweizer Filme und Serien hat, dann werden einfach 4 Prozent des Umsatzes an eine Förderstelle überwiesen, wie es in Deutschland der Fall ist. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass Netflix diese Option wählen wird, da es keinen Nutzen daraus ziehen kann, sondern dann ohne Einfluss zusehen muss, was der Bund mit dem Geld macht.

«Schweizer Filme und Serien sind eh doof»

Egal, für welche Option sich Netflix entscheiden wird, 4 Prozent des Umsatzes bleiben in der Schweiz. Netflix kann also 96 Prozent immer noch im Ausland ausgeben. Mit den 4 Prozent können in der Schweiz Projekte umgesetzt werden - was so Arbeitsplätze in der Filmproduktion sichert - wie es Spanien gemacht hat. Lehnen wir das neue Filmgesetz ab, dann müssen Filmschaffende weiterhin beim Bundesamt für Kultur für Fördergelder anklopfen, das laut Ansicht vieler Gegner nur Blödsinn fördert. Kommt mit der Investitionspflicht dann aber mit Netflix ein neuer Player auf den Markt, können auch coole Projekte gefördert werden. Denn Netflix weiss, was seine Abonnentinnen und Abonnenten cool finden und produzieren entsprechend. Wer also gegen das momentane Schweizer Filmschaffen wettert und das Gesetz ablehnt, vereitelt, dass sich was ändert und macht weiterhin mit hochrotem Kopf die Faust im Sack.

«Platzspitzbaby»
«Platzspitzbaby» © Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Das Teurer-Argument

«Wenn die Streamingdienste 4 Prozent von ihrem in der Schweiz erwirtschafteten Geld wieder in der Schweiz investieren müssen, dann schlagen sie diese 4 Prozent einfach auf die Abopreise obendrauf.» Ein sehr beliebtes Argument der Gegenseite. Und natürlich zieht es bei vielen, da es auf etwas Heiliges zielt: das eigene Portemonnaie! Wer will schon mehr bezahlen, nur damit dann Schweizer Filme und Serien auf Netflix sind?

Werden Netflix, Disney (Disney+) und Amazon (Prime Video) die Abopreise erhöhen, wenn wir das Filmgesetz am 15. Mai 2022 annehmen? Unsere ehrliche Antwort nach stundenlangen Recherchen: keine Ahnung! Es bleibt den Unternehmen überlassen, wie sie auf das Gesetz reagieren, und momentan halten sich viele bedeckt. Auf Anfrage des kollektiven Onlinemagazins Das Lamm lässt Amazon verlauten, dass es bezüglich Preisänderungen nichts anzukündigen hat und sich auch nicht an Spekulationen beteiligt. Netflix meldet, dass es die demokratische Entscheidungsfindung respektieren und abwarten wird.

Diese Antworten waren eigentlich zu erwarten. Hätte nur einer von ihnen zugegeben, dass die Abopreise bei einer Annahme gleichbleiben oder sicher erhöht werden, dann hätten sie grossen Einfluss auf die Abstimmung genommen und es wäre ein noch grösserer Streit zwischen den Befürwortern und Gegnern entbrandt. Netflix muss sich zudem auch gar nicht einmischen, da die Abstimmung den Spitznamen Lex Netflix trägt. Der Streaminggigant ist also eh in den Köpfen der Stimmberechtigten.

Eric Grignon, CEO von Sky Switzerland, sieht der Abstimmung derweil entspannt entgegen. Sky erfüllt auch wegen Tschugger die Anforderungen des Filmgesetzes schon. «Stand jetzt hätte das Gesetz keine Auswirkungen auf die Abo-Preise», so Grignon gegenüber Bajour.

Der grösste hörbare Widerstand kommt auch gar nicht von Netflix, sondern vom Schweizer Medienunternehmen CH Media sowie von deutschen Privat-Sendern wie RTL und PRO7, was wir in einem nächsten Artikel genauer beleuchten werden.

Von wie viel Geld reden wir eigentlich?

Die Frage bleibt also im Raum, was mit den Abopreisen passieren wird. In den Nachbarländern, die schon eine Investitionspflicht kennen (in Italien 20 Prozent, in Frankreich 26 Prozent), ist es nicht zu Preiserhöhungen gekommen. Eine Einschätzung der Universität Lausanne gelangt zum Schluss, dass die Preisüberwälzungen zwar theoretisch möglich sind, aber aufgrund der Schweizer Ausgangslage weit unter 4 Prozent bzw. gegen 0 Prozent tendieren dürfen.

Auch wird argumentiert, dass die Abopreise durch Kaufkraft bestimmt werden. Wenn Netflix das Gefühl hat, dass wir mehr bezahlen sollen und können, dann gehen die Preise nach oben - ungeachtet vom Filmgesetz. Denn erst gerade im Januar 2022 hat Netflix die Preise um bis zu 14 Prozent erhöht - wir bezahlen jetzt 40 Prozent mehr als im benachbarten Ausland. Früher bezahlten wir für das Premium-Abo 21.90 Franken, heute 24.90 Franken - eine Preiserhöhung von 3 Franken. Sollte Netflix die ganzen 4 Prozent wirklich auf den Abopreis draufschlagen, wären das 99 Rappen mehr.

© Screenshot Netflix

Netflix erhöht eher wegen dem Streamingkrieg die Preise

Wenn Netlix seine Preise erhöht, dann eher weil es 450 Millionen Dollar für zwei Sequels zu «Knives Out» verballert. Zudem plant Netflix dem Teilen von Passwörtern einen Riegel vorzuschieben, sodass dann jeder Haushalt seinen eigenen Netflix-Account haben müsste. Das alles hat wenig bis gar nichts mit dem Schweizer Filmgesetz zu tun, sondern damit, dass sich Netflix im Streamingkrieg gegen Disney+ und Co. durchsetzen muss und so für neuen Content immer mehr Geld ausgibt - momentan einfach kaum welches in der Schweiz.

Zusammengefasst

Die Diskussion um eine Preiserhöhung kann nicht mit Fakten untermauert werden, aber trotzdem wird wie wild darüber debattiert. Dabei sollten wir darüber reden, ob wir Arbeitsplätze in der Schweiz schützen möchten oder nicht. Bei anderen Abstimmungen ist dies mit den Arbeitsplätzen jeweils das Totschlagargument, bei der Lex Netflix ist es eine überhaupt nicht garantierte Preiserhöhung von maximal 99 Rappen. Aber eben: Die Preiserhöhung hat es in anderen Ländern mit Investitionspflicht auch nicht gegeben.

Coming soon

Es darf zudem auch nicht vergessen werden, dass mit der Investitionspflicht nicht nur die Streamingdienste betroffen sein werden, sondern ausländische Privat-Sender wie RTL und PRO7. Diese ziehen mit den Schweizer Werbefenstern auch ihre hier generierten Umsätze komplett ins Ausland ab.

Chris Schelb [crs]

Chris arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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