Weniger fürs Kino, mehr fürs Streaming: Die Zukunftspläne von 20th Century Studios

In einem Interview mit dem Hollywood Reporter hat der Chef von 20th Century Studios offengelegt, wie es mit dem Hollywood-Riesen weitergehen wird. Kinofans müssen jetzt stark sein.

«The Predator», «Alien: Covenant», «Free Guy», «Avatar» © 20th Century Studios

Mit dem Kauf des Hollywoodstudios 20th Century Fox und seiner Tochterunternehmen - darunter die Oscar-Schmiede Fox Searchlight (The Shape of Water, Nomadland) - hat der Disney-Konzern nicht nur ganz viele neue Filme und Serien in seine Library geholt, sondern bestimmt nun auch, wie es mit dem ehemaligen direkten Konkurrenten weitergehen wird. Gegenüber dem Hollywood Reporter hat Steve Asbell - seit März 2020 der neue Chef von 20th Century Studios (wie das Unternehmen jetzt heisst) - verraten, was so die Pläne in den nächsten Jahren sein werden.

Weniger fürs Kino, mehr fürs Streaming

Wie wir berichteten, wird Don't Breathe-Regisseur Fede Alvarez einen neuen Alien-Film umsetzen, der dann aber nicht in die Kinos kommen, sondern direkt im Streaming angeboten wird. In den USA soll der Streifen auf dem Streamingdienst Hulu, in Europa auf Disney+ unter dem Banner «Star» veröffentlicht werden. Dies liess schon erahnen, dass zukünftige Filme von 20th Century Studios nicht im Kino, sondern mehrheitlich exklusiv im Streaming ihr Zuhause haben werden. Dies hat Asbell nun auch bestätigt.

«Wegen der Steigerung des Streaming-Outputs werden wir mit Ausnahme einiger weniger Titel alle unsere Filme in den USA auf Hulu und international auf Star herausbringen. Dies erlaubt es uns, jene Genres anzugehen, die wir lieben. Genres, die Disney in den anderen Geschäftsbereichen nicht macht und mit denen wir in den letzten Jahren nicht so viel spielen konnten, wie Komödie, Thriller, Horror.»

Dies bedeutet, dass eigentlich nur noch Filme von 20th Century Studios ihren Weg auf die Leinwand finden, wenn sie mit dem familienfreundlicheren Disney-Brand vereinbar sind. Asbell nennt Beispiele wie Avatar, Free Guy und die Planet of the Apes-Reihe. Dabei handelt es sich alles um etablierte Franchises, die ein sicheres Investment für Disney sind. Alles andere von 20th Century Studios geht in naher Zukunft direkt ins Streaming.

«Avatar»
«Avatar» © Twentieth Century Fox Film Corporation

Kino: Viel zu gewinnen, aber auch viel zu verlieren

Disney und 20th Century Studios reagieren damit auf einen sich verändernden Markt. In den letzten Jahrzehnten ist es immer teurer geworden, einen Film in die Kinos zu bringen. Besonders beim Marketing werden bei Blockbustern gerne mal Beträge im dreistelligen Millionenbereich fällig. Zudem müssen sich die Studios die Box-Office-Einnahmen auch noch mit den Kinos teilen. Trotzdem verdient man potenziell im Kino immer noch am meisten Geld - bei einem Erfolg natürlich. Wenn aber ein Film nicht das Doppelte seines Produktionsbudgets wieder einspielt, dann schreibt er in den meisten Fällen rote Zahlen.

Um dies zu verhindern, setzt besonders Disney mehrheitlich auf Stoffe, die ein möglichst breites Publikum abholen - vom Kind bis zum Grosi. Auf der anderen Seite werden bei Filmen, die ein rein erwachsenes Publikum ansprechen, zur Risikominimierung die Budgets immer kleiner. 20th Century Fox hat dies in den letzten Jahren jedoch auch nicht geholfen. Steve McQueens Heist-Movie Widows spielte bei einem Budget von 42 Millionen Dollar gerade einmal 75 Millionen Dollar wieder ein, Bad Times at the El Royale kostete 32 Millionen Dollar, sammelte aber an den Kinokassen nur 31.8 Millionen Dollar.

«Widows»
«Widows» © 2018 Twentieth Century Fox Film Corporation. All Rights Reserved.

Die Verantwortlichen bei Disney werden diese Zahlen natürlich genaustens angeschaut und ihre Schlüsse gezogen haben: Originelle Filme für ein erwachsenes Publikum drohen im Kino mehrheitlich ein Verlustgeschäft zu werden. Viele Erwachsene scheinen immer weniger ins Kino zu gehen und schauen Filme eher zuhause. Bestätigt wurde man im vergangenen Jahr, in dem West Side Story, Nightmare Alley und The Last Duel alle floppten. Die Pandemie wird da natürlich auch eine grosse Rolle gespielt haben, aber sah man sich bei Disney trotzdem bestätigt. Die Entwicklung dieser Projekte begann übrigens schon, bevor Disney das Studio 20th Century Fox kaufte.

Da Disney nun fast alle dieser noch unter 20th Century Fox gestarteten Projekte entweder herausgebracht oder im Falle von The Woman in the Window und Deep Water verkauft hat, wird nun in die Zukunft geschaut. So wird 20th Century Studios in naher Zukunft nur noch zwei bis drei Kinofilme pro Jahr produzieren - einfach jene, die ein breites Publikum ansprechen und erfolgsversprechend sind.

«The Last Duel»
«The Last Duel» © 20th Century Studios

Eine Chance für «Erwachsenenfilme»

Gleichzeitig sollen aber zehn Filme pro Jahr für die Streamingdienste Hulu und Disney+ produziert werden. Das sind dann eher die Filme für die Erwachsenen. Das Gute am Streaming aus Disney-Sicht ist, dass das Risiko minimiert werden kann. Die Vermarktungskosten sind tiefer und zudem müssen bei einer Veröffentlichung auf der eigenen Streamingplattform nicht noch andere Parteien am Umsatz beteiligt werden. Aus diesem Grund soll bei den Streamingprojekten von 20th Century Studios Kreativität an erster Stelle stehen.

So spricht Asbell im Interview den Predator-Film Prey an, der im Jahr 1719 spielen soll. Im Kino dürfte es ein solcher Film momentan sehr schwierig haben - auch weil der 2018 erschienene The Predator bei einem Budget von 88 Millionen Dollar gerade einmal 160 Millionen Dollar einspielte. Da Prey nicht auf Geld an den Kinokassen angewiesen ist, sondern der Film durch die verkauften Abos von Hulu und Disney+ eigentlich schon refinanziert ist, durfte Regisseur Dan Trachtenberg (10 Cloverfield Lane) sicher etwas wildere Ideen in seinem Film umsetzen.

«The Predator»
«The Predator» © 2018 Twentieth Century Fox Film Corporation. All Rights Reserved.

Keine Patentlösung für die Ewigkeit

Von einem reinen Business-Standpunkt aus gesehen, machen diese Entscheidungen durchaus Sinn. Disney ist eine Aktiengesellschaft und die Aktionärinnen und Aktionäre möchten natürlich in jedem Jahr fette Gewinne sehen - besonders nach der schweren Covid-Zeit, in denen Disney seine gewinnbringenden Vergnügungspärke lange geschlossen halten musste. Also setzt man momentan im Kinobereich auf bekannte Marken, bei denen man davon ausgehen kann, dass bei Fortsetzungen, Reboots und Remakes die Leute dann auch auftauchen. Lieber jetzt auf Nummer sicher gehen.

Ob es irgendwann zu einem Umdenken kommt, bleibt abzuwarten. Es wäre jedoch zu wünschen. Denn erwachsene Filmreihen wie Alien, Predator oder auch Die Hard mussten ja irgendwann ihren Anfang nehmen. So erfolgsversprechend Filme wie «Avatar 2» oder «Free Guy 2» sowie das Marvel Cinematic Universe und Star Wars für Investoren klingen, es braucht auch in der Zukunft frische und neue Ideen. Endlose Fortsetzungen, Reboots und Remakes bringen nicht ewig Erfolg. Bleibt für die Kinos zu hoffen, dass dies nicht zu spät realisiert wird.

«Free Guy»
«Free Guy» © 20th Century Studios

Chris Schelb [crs]

Chris arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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Hollywood Reporter
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