Kinosophie: «Spider-Man: No Way Home» - Mit Altem Neues beginnen

«Spider-Man: No Way Home» macht wohl viele Spidey-Fans glücklich. Mehr Fanservice geht nicht. Zeitgleich sollte er als Anfang einer neuen Film-Ära gesehen werden. Vorsicht Spoiler!

«Spider-Man: No Way Home» © Sony Pictures Releasing Switzerland GmbH

«Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust», stöhnt Faust in Goethes literarischem Meisterwerk «Faust I». Wer Filme schaut, kann das ebenfalls mit zwei Seelen tun; mit der filmischen und der emotionalen. Und ja, emotional funktioniert der neue Spider-Man Film, weil er sowohl film- wie auch figurengeschichtlich abschliesst.

Seit zwanzig Jahren schwingt Spider-Man - durch drei Darsteller verkörpert, in drei unterschiedlichen Universen und von zwei konkurrierenden Filmstudios produziert - über die Leinwand. Dass sich die Filmstudios einigen konnten, die drei Spinnenmänner endlich aufeinandertreffen zu lassen, sorgt bei vielen Fans für den folgenden Gedanken: Endlich! Jahrelang schwelte die Glut der Hoffnung in einem, wie und ob so ein Aufeinandertreffen aussehen könnte. Jetzt ist der Vulkan ausgebrochen. Dort, wo vorher ein Feuer der Spannung brannte, säuseln sich jetzt kleine Rauchschwaden der Erleichterung. Aber nicht nur dieses filmgeschichtliche Feuer ist nun erloschen.

Sowohl die Geschehnisse rund um Tobey Maguires wie auch Andrew Garfields Spider-Man waren noch nicht zu Ende erzählt worden. Zusammen mit Tom Holland als neustem Spinnenmann können sie Frieden schliessen, mit anderen, aber auch mit sich selbst. Der Maguire Peter Parker kann den Tod von seinem Osborn verhindern. Der Garfield Peter Parker kann den Tod von Holland Peter Parkers MJ verhindern und somit den Verlust von Gwen verarbeiten. Und Hollands Peter Parker gelingt es, die Superschurken zu heilen und seinen Freunden den Zugang zur Universität zu ermöglichen. Auch das figurengeschichtliche Feuer ist somit ausgebrannt.

«Spider-Man: No Way Home»
«Spider-Man: No Way Home» © Sony Pictures Releasing Switzerland GmbH

Damit gelingt Spider-Man: No Way Home das, was sich Aristoteles von einem gelungenen Theaterstück erhoffte und was das Blockbuster-Kino seit langem auszeichnet: Die Katharsis. Der antike Philosoph Aristoteles schrieb als einer der Ersten eine Theorie darüber, welche Funktion das Theater übernehmen soll. Auf Filme lässt sich die Überlegung ebenfalls übertragen: Wer als Zuschauer oder Zuschauerin einer Geschichte auf der Bühne oder der Leinwand folgt, sollte im besten Fall eine Achterbahn der Gefühle durchleben, was bei einer abgeschlossenen Handlung zu einer Katharsis, also einer Reinigung der Seele, führen sollte. Plakativ formuliert, ein Theaterstück oder ein Film dient als Ventil für die eigenen Gefühle. Wir sind mit Peter Parker verwirrt, als seine Identität aufgedeckt wird, wir weinen mit ihm, als seine Tante stirbt, wir spüren die Wut gegenüber ihrem Mörder, wir feiern seine Freundschaft zu MJ und Ned. Und am Ende des Films, nachdem sich jede emotionale Spannung auf positive Art und Weise gelöst hat, fühlen wir uns, wie Peter Parker, erleichtert, gereinigt. Und weil sich die Geschichten der beiden anderen Peter Parkers dazugesellen, erweist sich diese Erleichterung als umso höher. Mehr geht nicht, emotional gesehen.

Und auf die Kunstform selbst bezogen, ist der Film handwerklich gut, entfacht er ein Freudenfeuer? Diese Frage lässt sich mit einem eindeutigen «Jein» beantworten. Eine grosse Schwäche ergiesst sich wie ein Monsun über das Lagerfeuer: Das Drehbuch. Das grösste Problem stellt der vermeintlich pflichtbewusste Dr. Strange dar. Dass er diesen ach so gefährlichen Zauber einfach mir nichts, dir nichts ausführt, trotz Warnung von Wong, ist nicht nachvollziehbar. Und als er im Schlusskampf die Box endlich wieder in seinen Händen hält, betätigt er nicht augenblicklich den Knopf, sondern quasselt weiter. Dabei sind diese Schwächen nur die Spitze des Eisbergs.

«Spider-Man: No Way Home»
«Spider-Man: No Way Home» © Sony Pictures Releasing Switzerland GmbH

Auf der anderen Seite weist dieser Spider-Man Film etwas auf, was in vielen anderen Superheldstreifen häufig viel zu kurz kommt, dabei aber Filme als Kunstform auszeichnet: Bildsprache und Bildsymbolik. Und hier lodert beim Schauen ein Feuer in den Pupillen.

Erstens fällt auf, dass Maguire und Garfield über weite Strecken nicht mit Holland auf einer Aufnahme zu sehen sind. Erst im Schlussteil finden die drei nicht nur emotional, sondern auch aufnahmemässig zueinander. Das passt deshalb so gut, weil ab diesem Moment der Fokus eben nicht mehr nur auf Holland liegt, sondern auf allen drei Spider-Men und deren Geschichten.

Zweitens passt das Erscheinen von Maguire und Garfield in einem Wohnzimmer und nicht mitten auf einem Schlachtfeld. Wohnzimmer sind meist gemütlich, friedlich, ruhig, also im besten Sinne unbedeutend. Genau so wie die beiden alten Spider-Men. Aus Nostalgiegründen überzeugt ihr Auftauchen, aber wirklich brauchen, tut sie niemand. Die Szene im Wohnzimmer erinnert an ein Aufeinandertreffen von Freunden, die über die guten alten Zeiten sprechen. Aber spätestens mit diesem Film sind diese endgültig abgeschlossen.

«Spider-Man: No Way Home»
«Spider-Man: No Way Home» © Sony Pictures Releasing Switzerland GmbH

Dazu passt, drittens, der selbst genähte Anzug von Holland am Ende des Films. Holland erstrahlt im wörtlichen Sinne in neuem Glanz. Er legt die alte Rüstung ab und beginnt neu. Das heisst, er hat mit der Vergangenheit abgeschlossen.

Und viertens muss die Freiheitsstatue genannt werden. Als Baustelle weist sie darauf hin, dass eben noch keine Freiheit für Spider-Man herrscht. Erst nachdem der grosse Captain-America-Schild mitsamt dem Gerüst von der Freiheitsstatue fällt und man wieder die Fackel in der Hand sieht, sind die Figuren frei. Aber eben nicht nur die Figuren: Dass ausgerechnet der Schild von Captain America in diesem Film hinabstürzt, muss als Hoffnungszeichen gesehen werden. Als Hoffnungszeichen für das Ende der hollywood'schen Nostalgieära. In den letzten Jahren flimmerten immer wieder Neuauflagen über die Leinwand, immer wieder spielten Filme in den früheren guten alten Zeiten, meist in den Achtzigern mit entsprechender Musik, und gerade die Superheldenfilme bezogen sich immer aufeinander und man musste und muss gefühlt alle Marvel-Filme kennen, um sämtliche Anspielungen, Figuren und Handlungen verstehen zu können. Da aus den vorherigen Überlegungen deutlich wird, dass mehr Nostalgie als in Spider-Man: No Way Home nicht geht, muss damit nun aufgehört werden. Schon nur, weil am Ende gar ein Vergessenszauber über die Welt gelegt wird. Das schwelende Feuer der Hoffnung darf also endlich zu lodern anfangen, vor allem wenn alle bei null anfangen. Unterstützt durch die Aufnahme der Freiheitsstatue liegt die Messlatte an Erwartungen jetzt hoch. Hoffentlich nutzt Hollywood diesen emotionalen und symbolträchtigen Nostalgietrip, um wieder mehr Neues zu wagen. Oder in den Worten von Goethes Faust: «Alt wird man wohl, wer aber klug?»

Thomas Abplanalp [abt]

Thomas schreibt seit 2015 als Freelancer Filmkritiken für Outnow. Kinematografisches impressioniert nämlichen ohnegleichen: Filmisches ist leidenschaftlich multiplex. Originalität und traumhafte Nostalgie orchestrieren wunderbar.

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