«Tiger King» - Season 2: Mexican standoff - Jeder gegen jeden

Endlich ist es soweit: Neuigkeiten aus den Leben der amerikanischen Zootier-Besitzer und deren schillernden Upcoming-Star Joe Exotic, der seine Zeit jedoch hinter schwedischen Gardinen verbringt.

© Courtesy of Netflix

Worum geht es?

Die schillerndste Figur der ersten Staffel, der irre Zootier-Besitzer Joe Exotic, sitzt seine Zeit hinter schwedischen Gardinen ab. Ruhig wird es um den exzentrischen, homosexuellen Countrysänger und selbsternannten Tigerkönig aber keineswegs. Selbst hohe Mauern und wenig Aussicht auf Begnadigung durch Donald Trump himself hindern ihn, über seine Erzfeindin Carole Baskin zu wettern. In Staffel 2 geht es jedoch primär um das Umfeld von Joe Exotic: Die Töchter von Don Lewis (dem verschwundenen Ex-Mann von Carole Baskin) suchen mit Anwälten nach Antworten rund um das Verschwinden ihres Vaters.

Tim Stark, selbst Besitzer eines Raubtier-Zoos, gelangt wegen der Haltung seiner Tiere in den Fokus der Behörden und verhält sich trotzig. Jeff Lowe, in Staffel 1 vom Freund zum Feind von Joe geworden, muss seinen Zoo zügeln. Dies, weil Joes ehemaliges Grundstück, das nun in Besitz von Lowe ist, durch einen Gerichtsbeschluss an Baskin weitergehen soll. Aus Feind wird Freund, aus Freund wird Feind. Diverse Charaktere profitieren vom Ruhm der True-Crime-Staffel 1 von Tiger King und versuchen sich zu profilieren und Profit daraus zu schlagen.

So finden wir es

Holy schmackes! Der Corona-Lockdown-Hit ist zurück und geht in die zweite Runde. Unvergessen ist der riesige Hype um Joe Exotic und sein Gefolge, welcher in einer ungewissen Zeit vielen Menschen den mühseligen Covid-Alltag aufgehellt und für ungläubiges Raunen und Staunen gesorgt hatte.

Die Fortsetzung ist nicht minder kurios, absurd und unglaublich, so viel sei bereits verraten. Die Ansammlung von Exzentrikern, Narzissten und realitätsentfremdeten Möchtegern-Klein-Gaunern gibt sich erneut die Ehre. Da Joe seine Zeit im Gefängnis absitzt, wird er hier jedoch zur Background-Story degradiert. Dafür drängen sich weitere Zeitgenossinnen und -genossen ins Rampenlicht. Dies stellt gerade auch den grössten Kritikpunkt der zweiten Staffel dar: Es wird nur wenig Neues geboten, vielmehr werden die True-Crime-Story neu aufgewärmt und die Hintergründe um die privaten Zoo-Besitzer genauer beleuchtet.

Wer davon absieht, dass die zweite Staffel das Rad nicht neu erfindet und sich an weiterführenden Konsequenzen des bisher Geschehenen und Gesehenen erfreuen kann, wird auch diesmal gut unterhalten. Hier offenbart sich die gesamte charakteristische Hässlichkeit gewisser Menschen: Von hinterhältigem Betrug über gewissenlose Lügen, gegenseitigen Hass bis hin zu unerwarteten Verbrüderungen wird alles geboten und gezeigt, und natürlich sind - wie bisher - die Leidtragenden erneut die Tiere. Vorwürfe aus Staffel 1 werden bekräftigt und zu trauriger Realität: Lieber würden einige Besitzer ihre Tiere erschiessen, als diese den Behörden zu übergeben, was die eine oder andere hitzige Schlammschlacht auslöst.

Obschon oder gerade weil es dermassen traurig wie absurd ist, fällt es beim Zusehen schwer, nicht mit offener Kinnlade vor dem Bildschirm zu verweilen. Bei den intrigenhaften Machenschaften, der Notwendigkeit an Selbstdarstellung und dem seriösen Hintergrund von Tier-Verwahrlosung fühlt man sich gleichermassen angeekelt wie auch fasziniert.

Etwas irritierend bleibt dabei jedoch die Aufgleisung der fünf Episoden und deren Anordnung: Nach diversen Verschwörungstheorien mit Cliffhangern in der ersten Folge, welche beinahe sämtliche Entwicklungsrichtungen anteasen, wird fortan der Fokus auf das Verschwinden von Carole Baskins Ex-Mann gelegt. Diese kleine Hetzjagd wird dann ad acta gelegt, weitere Charaktere gelangen in den Vordergrund und tragen ihren Teil zur Unterhaltung bei.

Alles in allem bleibt der Aufbau wild und chaotisch, der Überraschungseffekt der skurrilen Charaktere, der noch in Staffel 1 bestand, verfällt. So erreicht die zweite Staffel nicht mehr die Intensität und wahrscheinlich auch nicht mehr den Hype der ersten, bietet aber für Fans eine gelungene Abwechslung im immer noch existenten Corona-Alltag.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. Letterboxd
Teilen
Auf Facebook teilen  Auf Twitter teilen 
Datum
Quelle
OutNow