«Ich hoffe, dass ich weiterhin in die Ostschweiz gehen darf» - Das «Stürm»-Interview mit Joel Basman

Der gefeierte Zürcher Schauspieler («Wolkenbruch») verkörpert den Schweizer Ausbrecherkönig Walter Stürm. Wir sprachen mit Basman über verschissene Birchermüesli, Kunstbärte und die Dialekt-Polizei.

Joel Basman in «Stürm: Bis wir tot sind oder frei» © Ascot Elite

In Stürm: Bis wir tot sind oder frei ist immer wieder von einem «verschissenen Birchermüesli» die Rede, mit dem das Gefängnispersonal dem eingesperrten Walter Stürm die Würde nehmen will. Was gehört denn so in ein «verschissenes Birchermüesli», oder was hat in einem Birchermüesli für dich gar nichts zu suchen?
Meiner Meinung nach gehört alles in ein Birchermüesli. Bevor ich mich mit Walter Stürm befasst habe, wusste ich auch gar nicht, was ein Birchermüesli alles ausmacht. Ich habe mich dann über Dr. Max Bircher-Benner, der das Müesli erfunden hat, schlaugemacht und weiss nun, was in ein klassisches so alles reingehört, wie Haferflocken und über die Nacht eingeweichte Äpfel. Aber ich persönlich bin da überhaupt nicht konservativ. Für mich kann man da auch noch Choco-Pops reinschmeissen. (lacht)

Du darfst im Film ganz unterschiedliche Verkleidungen tragen. In diesem Zusammenhang: Wie fest kratzt eigentlich so ein Kunstbart?
Es ist der absolute Horror. Das Schlimme ist der Leim, der dir direkt auf die Haut geschmiert wird und die an den Klebestellen dann nicht atmen kann. Anders als Perücken auf dem Kopf werden Kunstbärte ohne Netz gemacht, also wird eigentlich jedes einzelne Haar auf deine Haut geklebt. Wenn es dann etwas windet und die Haare dir in der Nase kitzeln, darfst du nicht mit den Fingern, sondern nur mit einem speziellen Kamm dorthin. Der Horror!

Joel Basman als Walter Stürm
Joel Basman als Walter Stürm © Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Walter Stürm sagt im Film einmal den Satz «Wüsset sie, was für mich frei isch. Wenn's eifach machsch, wenn's Herz ghörsch rase. Das gits nöd ide Theorie, das muess mer lebe.» Wie sehr trifft der Satz auf deinen Beruf des Schauspielers zu?
Das ist sicher ein essentieller Teil des Berufs. Mit diesem Gefühl beginnt auch viel. Du musst aus deiner Komfortzone heraus und etwas wagen. Nicht viel überlegen, sondern einfach machen. Bis jetzt bin ich sehr gut damit gefahren.

Ein paar der Ausbruchszenen im Film sehen sehr halsbrecherisch aus. Wie gefährlich waren diese Szenen am Set?
Diese waren eigentlich recht sicher, weil man die sehr genau durchplant. Meine Verletzungen am Set von Stürm waren eher kleinere Kratzer an den Händen von Szenen, wo ich während des Autofahrens etwas suchen musste. Zudem habe ich mir auch mal das Schienbein angeschlagen. Aber das kommt davon, wenn man viele Szenen hat, wo es hektisch zu und her geht, wie zum Beispiel wenn ich von etwas davonrennen muss. Am Abend kam ich jeweils nach Hause und sah aus, als hätte ich den ganzen Tag im Garten gearbeitet. (lacht)

Auf der Flucht: Joel Basman als Walter Stürm
Auf der Flucht: Joel Basman als Walter Stürm © Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Als Walter Stürm sprichst du mit einem Ostschweizer Dialekt. Musstest du dafür einen Sprach-Coach nehmen?
Mein Coach war Walter Stürm selbst, also die Interviews, die es von ihm gibt. Ich mag den Dialekt sehr. Den haben irgendwie schon alle Schweizer mal nachgemacht und mit Freunden drifte ich aus Jux auch mal gerne in den Ostschweizer Dialekt ab. Aber ich bin dank dem Film nun ein grösserer Fan geworden und hoffe, dass ich auch nach dem Release weiterhin in die Ostschweiz gehen darf.

Ja, da muss man schon aufpassen, dass man nicht von der Dialekt-Polizei geschnappt und ins Gefängnis gesteckt wird.
Wenigstens wüsste ich jetzt aber auch, wie ich von dort wieder herauskommen könnte. (lacht)

Marie Leuenberger als Anwältin Barabara Hug und Joel Basman als Walter Stürm
Marie Leuenberger als Anwältin Barabara Hug und Joel Basman als Walter Stürm © Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Hast du also auch einige Ausbruchs-Tipps gelernt?
Es ist durchaus immer noch möglich, aus einem Gefängnis auszubrechen. Das Problem heutzutage ist mehr das Untertauchen. Du musst heute nur einen Fehler machen und schon ist dein Bild überall verbreitet. Auch dass wir immer mehr mit Karten bezahlen, macht es schwierig. Die meisten werden aber wohl geschnappt, weil sie auf Social Media irgendwelche Dinge posten.

Was kann die Schweizer Bevölkerung deiner Meinung nach von Walter Stürm lernen?
Er zeigt uns, dass man durchaus das Maul aufmachen darf und sich nicht einfach einordnen muss. Zudem hilft es manchmal, wenn man den Leuten etwas auf die Nerven geht - aber das muss man dann schon mit Schalk machen. Nicht das täubelnde Kind im Laden sein, sondern mit Stil die Leute nerven.

Stürm: Bis wir tot sind oder frei läuft ab dem 25. November 2021 in den Deutschschweizer Kinos.

© Ascot Elite

Zum Film: Die Anwältin Barbara Hug will die Popularität des «Ausbrecherkönigs» Walter Stürm nützen, um den Schweizer Strafvollzug zu reformieren. Eine radikale Partnerschaft im Spannungsfeld zwischen staatlicher Repression und persönlicher Freiheit.

Chris Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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