Meinung: Warum «Last Night in Soho» Edgar Wrights bester Film ist

Der Grossteil der OutNow-Redaktion feiert Edgar Wright bei jeder Gelegenheit ordentlich. Redaktor Marco hielt bis vor Kurzem tapfer dagegen. Doch dies hat sich nun geändert.

Thomasin McKenzie als Ellie in «Last Night in Soho» © Universal

Mit Regisseur Edgar Wright pflege ich eine gewisse Hassliebe. Einerseits schätze ich seinen Ideenreichtum als Filmemacher und seine eindeutige Leidenschaft für Genrefilme, doch sind mir sein Humor oft zu schrill und seine Referenzen zu plakativ. Gerade mit dem Duo Simon Pegg & Nick Frost, mit dem er die sogenannte «Cornetto-Trilogie» abdrehte, übertritt er kurzeitig immer wieder die Grenze zum Klamauk. Seine frische Art voller Regietricks und Sperenzchen hat er in Scott Pilgrim bis zur Reizüberflutung auf die Spitze getrieben und seine ansonsten geniale Actionfilm-Hommage Baby Driver hat mit den im Takt zur Musik geschnittenen Szenen definitiv ein Gimmick zu viel.

Als hätte mich der Brite erhört, beweist er mit einem neuen Werk, Last Night in Soho, dass er seinen Humor auch zurückschrauben kann und einen reinen Genrefilm zu inszenieren weiss. Obwohl er als Hommage an die Gialli der Sechziger- und Siebzigerjahre deren überzeichnete Art vergegenwärtigt, ehrt er diese, anstatt sie im Stile von Shaun of the Dead komplett durch den Kakao zu ziehen. So ist der Humor nicht in doofen Sprüchen zu finden, sondern dringt natürlich bei der Zeichnung gewisser Figuren durch wie zum Beispiel bei der herrlichen Jocasta.

Edgar Wright am Set von «Last Night in Soho»
Edgar Wright am Set von «Last Night in Soho» © Universal Pictures International Switzerland. All Rights Reserved.

Wie Hauptfigur Ellie zog mich die neonbeleuchtete Vision von London sofort in ihren Bann. Der organische Soundtrack, der im Tonbild teilweise ohrenbetäubend laut in den Vordergrund gerückt wird, ist toll eingesetzt. Wright schneidet zwar wieder gewisse Szenen danach, jedoch auf weit subtilere Weise. So blinkt die dreifarbige Leuchtreklame vor Ellies Zimmer plötzlich genau im Takt zur Musik oder lässt in gewissen Szenen zwei Farben weg. So schafft es der Film, eine Stimmung aufzubauen, die ich so dicht von Wright nicht erwartet hätte. Er baut eine Welt auf, die in sich geschlossen Sinn ergibt und nichts wie ein Fremdkörper wirkt, wie es für mich zum Beispiel beim Auftritt von Pierce Brosnan in The World's End der Fall war. Vor dem inneren Auge sah ich bereits die verschiedensten Groschenroman-Cover, welche zu diesem Mix aus Noir und Giallo passen würden.

Ich erhoffe mir, dass Edgar Wright noch ein wenig weiter auf diesem Weg bleibt, denn dieses Genre steht ihm gut. So könnte ich mir nach diesem Film sogar ein straightes Drama von ihm vorstellen, was mir zuvor unmöglich schien. Last Night in Soho ist für mich einer der besten Filme des Jahres und dies, obwohl ich den Regisseur bis anhin zwar toll, aber überbewertet fand. Das gehört nun jedoch definitiv der Vergangenheit an.

Marco Albini [ma]

2003 verfasste Marco seine erste Kritik auf OutNow und ist heute vor allem als Co-Moderator des OutCast tätig. Der leidenschaftliche «Star Wars»-Fan aus Basel gräbt gerne obskure Genrefilme aus, aber Komödien sind ihm ein Gräuel.

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Kommentare Total: 2

ma

"definitiv kein Scott Pilgrim, Hot Fuzz oder Shaun Of The Dead!"

Eben. Zum Glück! :-P

yab

Last Night In Soho kommt zu keiner Zeit an die besten Wright-Filme heran: Da fehlt der Charme, der Witz, die Verspieltheit. LNIS ist durchaus gut, aber definitiv kein Scott Pilgrim, Hot Fuzz oder Shaun Of The Dead!

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