«Und morgen seid ihr tot»: Das Interview mit Morgane Ferru

Während des ZFF 2021 trafen wir den Star des neuen Michael-Steiner-Filmes und sprachen mit ihr über ihre schwierige Rolle in dem Entfühungsdrama und das Treffen mit der Person, die sie verkörpert.

Morgane Ferru in «Und morgen seid ihr tot» © 2021 BVI (Buena Vista International). All Rights Reserved.

In Und morgen seid ihr tot spielt die 1991 geborene Morgane Ferru die Rolle der Daniela Widmer, die 2011 zusammen mit ihren damaligen Freund David Och entführt und den Taliban übergeben wurde. Eine nicht einfache Rolle, für die die Schauspielerin auch die «echte» Daniela Widmer traf.

Morgane, wie war es für dich, eine echte Person zu spielen?
Das war eine schöne Herausforderung und ein sehr berührendes Erlebnis, weil Daniela Widmer mir schnell ans Herz gewachsen ist . Sie hat mir sehr früh das Gefühl gegeben, dass sie mir vertraut und mich offen an ihrer Geschichte teilhaben lässt. Ich hatte den Anspruch, sowohl ihr als Person als auch ihrem Erlebten gerecht zu werden. Das hat mir eine grosse Verantwortung gegeben, gerade da es sich hier nicht um eine fiktive oder historische Figur handelt. Die Biografie einer Figur zu erfinden oder je nach Drehbuchvorgaben zu erweitern gehört für mich zur Vorbeitung einer Rolle dazu, und hier hatte ich aber zum ersten Mal den echten Menschen vor mir und konnte ihn alles fragen. Gleichzeitig habe ich aber auch eine Verantwortung dem Film gegenüber, der seinen eigenen erzählerischen Regeln folgt und Ansprüche an seine Protagonisten stellt. Dieser Spagat war manchmal etwas herausfordernd.

Wie bist du damit umgegangen?
Wenn ich nicht weiterwusste, habe ich das Buch von Daniela und David genommen. Ich habe es dreimal durchgelesen und immer wieder darin nachgeschaut. Auch wollte ich mich ihrem Dialekt annähern und habe ihn abends im Hotelzimmer geübt. Daniela hatte mir viele Sprachnachrichten im Aargauer Dialekt geschickt und sie hat mich dann erlöst, als sie sagte, dass ich ihr gerolltes R nicht übernehmen brauche, sie möge mein R so, wie es ist.

Morgane Ferru mit Sven Schelker in «Und morgen seid ihr tot»
Morgane Ferru mit Sven Schelker in «Und morgen seid ihr tot» © 2021 BVI (Buena Vista International). All Rights Reserved.

Wie viel konntest Du von dir selbst in die Rolle geben?
Meine Emotionen schöpfe ich aus mir selbst. Mir ist das aber nicht widerfahren. Ich kann das kognitiv und körperlich nicht eins-zu-eins nachempfinden, sondern mich nur mit ihrer Hilfe und mit meinem Einfühlungsvermögen daran annähern. (Diese) Gefühle wie zum Beispiel Angst, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit suchte ich in meinem Erlebten und versuchte, diese zu vergrössern. Dabei hat mir unter anderem Musik sehr geholfen. Ich habe eine Daniela-Playlist gemacht und die Musik auch in den schwierigen Momenten für die Konzentration gehört. Als ich Todesangst spielen musste, halfen mir die Vibrationen der Musik für diese Emotionen enorm. «Running Up That Hill» von Kate Bush oder «Signal To Noise» von Peter Gabriel habe ich mir sehr oft angehört.

Welche Szene war für dich am schwierigsten?
Die Panikattacke war für mich schwierig zu spielen. Ich habe noch nie erlebt, wie mein Körper so «unter Beschuss» reagiert. Beim Drehen der Szene hatten wir einen Bruchteil des Sounds, den wir im Kino hören. Ich kenne das Gefühl von Panik, aber in einem völlig anderen Kontext und Ausmass. Daher hatte ich viel Respekt vor dieser Szene und es war für mich eine Herausforderung diese Panikattacke authentisch rüberzubringen.

Wie hast du die Szenen im Kofferraum erlebt?
Sie waren ebenfalls sehr emotional. Wir spielten Daniela und David, die gerade realisieren, dass sie entführt werden und vielleicht erschossen werden. Wir waren ohne Pause unter dieser Decke, und als wir die Szene fertig gedreht hatten, hat es einen Moment gebraucht diese Emotionen wieder abschütteln zu können, aber Sven hat mich da sehr gut aufgefangen.

Morgane Ferru in «Und morgen seid ihr tot»
Morgane Ferru in «Und morgen seid ihr tot» © 2021 BVI (Buena Vista International). All Rights Reserved.

Wie hast Du dich auf die Rolle vorbereitet? Daniela Widmer musste während der Entführung ja hungern und war ausgemergelt.
Vor Corona haben wir versucht, chronologisch zu arbeiten. Sven musste während des Drehs wegen der Malaria-Szene drastisch abnehmen. Ich habe aus dem Buch entnommen, dass David 22 Kilo abgenommen, Daniela hingegen sogar eher etwas zugenommen hat. Es ist seltsam, wie unterschiedlich unsere Körper reagieren. In Indien haben wir Diät gehalten, was gar nicht so einfach war, da das Essen dort so wunderbar schmeckte. Wir haben es aber natürlich durchgezogen und danach kam plötzlich der Dreh-Stopp durch die Pandemie.

Wie hat dein Körper darauf reagiert?
Er fand das gar nicht lustig, denn wir hatten danach fast fünf Monate Pause. Daraufhin mussten wir uns für den Anschluss wieder herunterhungern. Dann ist wieder fast ein halbes Jahr vergangen bevor wir den Film dann im Dezember fertigdrehen konnten, auch wieder auf «Anschlussgewicht». Zwischendurch hatte ich andere Drehs, bei denen ich auch anders aussehen musste. Aber mein Körper hat mir die Schikane mittlerweile verziehen.

Und morgen seid ihr tot läuft seit dem 28. Oktober 2021 in den Schweizer Kinos.

© Buena Vista International

Giancarlo Schwendener [gia]

Giancarlo ist James Bond 15 Jahre lang auf Augenhöhe begegnet. Mit dem Abgang von Daniel Craig ist damit vorerst Schluss. Er liebt die grosse Anzahl an tollen Filmen, aber die Fab Five stehen für ihn eine Stufe höher: Sergio Leone, Marlon Brando, Robert De Niro, Sean Connery und Quentin Tarantino.

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