«Und morgen seid ihr tot»: Das Interview mit Daniela Widmer

2011 fiel Daniela Widmer mit David Och in die Hände der Taliban. Nun wurden die Ereignisse verfilmt. Ein Gespräch über Überzeugungsarbeit und darüber, was sie heute anders machen würde.

Daniela Widmer (r.) mit Hauptdarstellerin Morgane Ferru. © Sigi Bucher

Daniela, wie war es für dich, den fertigen Film zu schauen?
Ich habe den Film zuvor schon neunmal auf dem TV oder meinem Laptop gesehen. Das habe ich gemacht, um mich damit zu konfrontieren und um sehr gut auf die Premiere am Zurich Film Festival vorbereitet zu sein. Ich wollte den Film dort ohne erhöhten Puls schauen können. Es ist aber alles ganz anders gekommen.

Wie hast du dich während der Premiere gefühlt?
Die Premiere war bereits im Vorfeld aufwühlend und der Druck nahm stetig zu. Am ZFF war es alles auf einmal: intensiv, emotional und manchmal schön zugleich. Der Film ist sehr nahe an der Realität, was es für mich als Zuschauerin schwieriger macht. Der Kongressaal in Zürich war voll besetzt mit 1'200 Leuten, die Stimmung war angespannt. Ich war erleichtert, als das Publikum wohlwollend reagierte.

Daniela Widmer (ganz rechts) mit den Schauspielerin Morgane Ferru und Sven Schelker
Daniela Widmer (ganz rechts) mit den Schauspielerin Morgane Ferru und Sven Schelker © Sigi Bucher

Welche Szene im Film war für euch am schwierigsten anzusehen?
Das Telefonat mit den Eltern war am heftigsten. Es ist für meine Eltern noch heute sehr schwierig, damit umzugehen. Meine Schwester Seraina hat den Film an der ZFF-Premiere zum ersten Mal gesehen. Als wir im Corso von der Bühne heruntergekommen sind, war sie dort und hat so sehr geweint. Sie hatte grosse Mühe damit, als das Publikum im Corso klatschte, weil das Thema ihrem Empfinden nach nicht zum Applaudieren war. Für mich war das ein schönes Gefühl, ich habe es als wohlwollend empfunden, das Publikum applaudieren zu hören. Ich kann ihre Gefühle jedoch auch sehr gut nachvollziehen.

Wie viel Überzeugungsarbeit hat es für deine Einwilligung zur Verfilmung gebraucht?
Das Buch ist am 27. August 2013 erschienen. Michael Steiner war schon vor diesem Datum mit uns in Kontakt getreten. Wir gingen davon aus, dass dieser Film nach eineinhalb bis zwei Jahren in die Kinos kommen würde. Wir waren selbst in das Buchprojekt involviert und fanden die Verfilmung eine gute Idee. Ich liebe Schweizer Filme und wir konnten etwas dazu beitragen. Ich hätte es falsch gefunden, nein zu sagen. Würden alle Menschen nein sagen, gäbe es keine Schweizer Filme mehr, die auf einer wahren Begebenheit beruhen. So haben David und ich uns dazu entschlossen, diesen Film zu unterstützen und bei diesem Projekt mitzumachen.

Wie hast du den Produktionsprozess erlebt?
Wir hatten Vertrauen in Michael Steiner. Manchmal wollte er mehr Action einbauen, während es für mich sehr wichtig war, dass der Film der Realität entspricht. Letztendlich haben wir immer eine Lösung gefunden, aber der Weg dorthin war nicht immer einfach. David und ich haben uns kürzlich überlegt, wie es heute wäre, ein Angebot zur Verfilmung zu bekommen. Heute würden wir es nicht mehr wollen.

Weshalb nicht?
Weil es eine erneute Konfrontation ist. Nach der Flucht gab es ein bisschen Ruhe. In Bellikon weiss die Bevölkerung von meiner Geschichte. Nun hat es mich wieder voll hinauskatapultiert und ich stehe in der Schweiz wieder in der Öffentlichkeit.

Michael Steiner am Set von «Und morgen seid ihr tot»
Michael Steiner am Set von «Und morgen seid ihr tot» © Sigi Bucher

Wie hast du die Medienberichte damals erlebt?
Wir hatten keine Möglichkeit, etwas zu korrigieren, wie ich es mir gewünscht hätte. Als wir auf der Schweizer Botschaft ankamen, kam auf «10 vor 10» beispielsweise bereits die Meldung von Ulrich Tilgner. Dieser sagte, eine Flucht bei Leermond sei nicht möglich. Wir sind aber bewusst und geplant bei Leermond geflüchtet. Bei Vollmond ist es hell und wir wären dem Mondschein ausgesetzt gewesen. Die Entführer hätten uns leichter entdecken können. Für uns war eine Flucht bei Leermond betreffend Orientierung schwieriger, aber strategisch sinnvoll. Vielleicht gelingt mit dem Film diese Klarstellung, das werden wir nun längerfristig sehen.

Was hast du im Umgang mit den Medien dazugelernt?
Heute würde ich mit den Medien wohl anders umgehen. Ich habe mir vorgenommen, ab jetzt keine Stellung mehr zur Frage der Flucht und des Lösegeldes zu nehmen. Alles darüber habe ich schon gesagt und diese Zitrone ist ausgepresst. Ich kann nichts hinzufügen. Den Fokus möchte ich jetzt anders richten. Vielleicht haben wir uns zu lange auf diese Schiene der Schuld pressen lassen. Der Fokus soll zu Beispiel auf dieser abgeschiedenen Region, unserem Zusammenleben mit den Paschtunen, der Stellenwert von Bildung liegen.

Und morgen seid ihr tot kommt am 28. Oktober 2021 in die Schweizer Kinos.

© Buena Vista International

Giancarlo Schwendener [gia]

Giancarlo ist James Bond 15 Jahre lang auf Augenhöhe begegnet. Mit dem Abgang von Daniel Craig ist damit vorerst Schluss. Er liebt die grosse Anzahl an tollen Filmen, aber die Fab Five stehen für ihn eine Stufe höher: Sergio Leone, Marlon Brando, Robert De Niro, Sean Connery und Quentin Tarantino.

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