«Und morgen seid ihr tot»: Das Interview mit David Och

Mit seiner damaligen Freundin Daniela Widmer wurde Och 2011 verschleppt und an die Taliban übergeben. Nun wurden die Ereignisse verfilmt. Nach der Weltpremiere sprachen wir mit ihm über das Erlebte.

Von links nach rechts: ZFF Artistic Director Christian Jungen, Regisseur Michael Steiner, Schauspielerin Morgane Ferru, Daniela Widmer, Produzent Lukas Hobi und David Och an der Weltpremiere von «Und Morgen seid ihr tot» © Josef Brunner for ZFF

David, wie war es für dich, deine Geschichte auf der grossen Leinwand zu sehen?
Natürlich ist das sehr beeindruckend, wenn eine solche persönliche Geschichte auf die grosse Leinwand kommt. Sie ist im eigenen Erlebten auch in Gedanken vorhanden. Das berührt mich und geht mir unter die Haut.

Wie konntest Du die Entführung überstehen?
Als ich entführt wurde, hatte ich gar keine andere Möglichkeit. Das musste ich einfach aushalten. Ich durfte nicht mich selbst verlieren und die Hoffnung aufgeben. Wenn ich die Hoffnung aufgegeben hätte, hätte für mich persönlich alles sehr schnell gehen können. Dann gibt es äussere Umstände, die sich nicht beeinflussen lassen. Dort hatten wir sehr viel Glück, dass es diese acht Monate gedauert hat, denn wir waren in einem Kriegsgebiet. Zweimal in der Woche gab es Drohnenangriffe in dieser Region. Es kam zu vielen Scharmützeln des pakistanischen Militärs mit den Taliban. Es war eine sehr gefährliche Umgebung, und gleichzeitig waren wir zusätzlich gefährdet wegen nicht erfüllter Forderungen, deren Konsequenzen wir tragen mussten.

Spielt David Och im Film: Sven Schelker
Spielt David Och im Film: Sven Schelker © 2021 BVI (Buena Vista International). All Rights Reserved.

Wie hast du dann die Zeit danach erlebt?
Als ich zurückkam, war es für mich schon sehr überraschend, wie mit uns und dieser Geschichte umgegangen wurde. Das haben wir während unserer Geiselhaft nicht erwartet. Da sind die Hoffnungen auf der Schweiz, auf den Menschen, die wir gerne haben, auf der Familie. Die Gedanken waren auch dort in der Schweiz. Als wir zurückkamen, hat sich das alles sehr schnell verändert, und das bewegt mich bis heute.

Was würdest du heute anders machen?
Das ist immer schwierig zu sagen, denn ich kann es sowieso nicht mehr verändern. Dinge, die geschehen sind, sind geschehen. Wir haben uns diese Reise gut überlegt und sie hatte einen Hintergrund. Wir sind nicht die einzigen Menschen, auch aus der Schweiz, die genau eine solche Reise gemacht haben und auch durch Pakistan gefahren sind. Wir hatten mit Leuten Kontakt, die die Reise schon vor uns gemacht haben. So haben wir die Planung immer erweitert. Wir haben genau geschaut, wo wir durchgehen wollten. Da ist Pakistan nicht der einzige Fokus gewesen. Iran ist politisch auch schwierig und Indien ist nur schon wegen des Verkehrs eine erheblich grosse Gefahr. Würde ich etwas anders machen? Was ich getan habe, kann ich nicht korrigieren, sondern ich muss jetzt und in Zukunft damit umgehen können.

Sven Schelker und Morgane Ferru in «Und morgen seid ihr tot»
Sven Schelker und Morgane Ferru in «Und morgen seid ihr tot» © 2021 BVI (Buena Vista International). All Rights Reserved.

Welches war der schwierigste Moment für dich?
Während der Geiselnahme war es der Moment, als mir bewusst wurde, dass wir entführt werden. Da ist jegliche Kontrolle verloren. Ich nahm mir vor, wirklich nichts zu sagen, denn wir wussten nicht, wohin das führt. Ganz am Anfang hatten wir den Eindruck, dass es ein schiefgegangener Überfall gewesen war. Als wir in die Wüste hinausfuhren, dachten wir, dass unsere Entführer die Spuren beseitigen wollten. Das war der Ausgangspunkt. Nach einer gewissen Zeit sagte einer dieser Entführer: Rupies, rupies! Da dachten wir, dass es wahrscheinlich um Geld ging. Das hat uns dann in einer ganz seltsamen Situation Hoffnung auf das Weiterleben gegeben.

Sven Schelker und Morgane Ferru in «Und morgen seid ihr tot»
Sven Schelker und Morgane Ferru in «Und morgen seid ihr tot» © 2021 BVI (Buena Vista International). All Rights Reserved.

Wie viel Überzeugungsarbeit brauchte es für die Verfilmung eurer Geschichte?
Regisseur Michael Steiner ist schon vor der Entstehung des Buches auf uns zugekommen. Er kam mit viel Energie und Motivation während der Entstehung des Buches auf uns zu und er konnte uns aufzeigen, was es für Möglichkeiten gibt und worum es ihm mit diesem Film eigentlich geht. Für mich war das dann absolut in Ordnung. Ich war froh darüber, dass er das machen wollte.

Wie war dann die Premiere für dich?
Bei der Premiere musste ich auf die Bühne gehen, als der Film fertig war. Ich war emotional sehr berührt, als ich mich dem Publikum gestellt habe. Das war für mich der schwierigste Moment in Zusammenhang mit diesem Film, aber er hat sich gelohnt.

Konntest du auch mit der Zeit nach der Entführung Frieden schliessen?
Ich habe meinen Frieden mit mir selbst geschlossen. Ob die Schweiz mit mir Frieden schliessen will, entzieht sich meiner Entscheidung.

Und morgen seid ihr tot kommt am 28. Oktober 2021 in die Schweizer Kinos.

© Buena Vista International

Giancarlo Schwendener [gia]

Giancarlo ist James Bond 15 Jahre lang auf Augenhöhe begegnet. Mit dem Abgang von Daniel Craig ist damit vorerst Schluss. Er liebt die grosse Anzahl an tollen Filmen, aber die Fab Five stehen für ihn eine Stufe höher: Sergio Leone, Marlon Brando, Robert De Niro, Sean Connery und Quentin Tarantino.

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