«Und morgen seid ihr tot»: Das Interview mit Michael Steiner

Der erfolgreichste Schweizer Regisseur der letzten 20 Jahre («Grounding», «Wolkenbruch») erzählt in seinem neuen Film die wahre Geschichte eines Schweizer Paars, das in die Hände der Taliban geriet.

Michael Steiner (ganz rechts) mit Morgane Ferru, Daniela Widmer und Sven Schelker am Set von «Und morgen seid ihr tot» © Sigi Bucher

Michael, wieso wolltest du gerade diese Geschichte erzählen?
Sie steht exemplarisch für eine Zeit, in der wir leben. Wir sehen wahnsinnig viele Schlagzeilen und Dinge, von denen wir uns schnell wieder abwenden. Die Hintergrundgeschichten zu beachten, ist meine Botschaft mit diesem Film. Viele hatten nach fünf bis zehn Schlagzeilen die Meinung gemacht und den Eindruck, sie wüssten, was geschehen war. Wenn Menschen so etwas durchmachen, ist immer die Frage, was es für eine Berechtigung gibt, so darüber zu schreiben, wie darüber geschrieben worden ist. Ich fand, dass diese Berechtigung nicht vorhanden gewesen ist. Man ist unsorgfältig umgegangen mit ihnen und das sollte man nicht machen mit Menschen, die so etwas erlebt haben.

Wieso ist deiner Meinung nach diese Schere zwischen dem Erlebten der beiden und der Berichterstattung entstanden?
Ich glaube, dass das nicht einmal bösartig entstanden ist. Die NZZ veröffentlichte einen ersten Artikel über das vermeintliche Kind und einen zweiten, als sie zurückgekommen waren. Darin stand die Einschätzung, dass diese Flucht nicht möglich gewesen sei. Jede Zeitung stützt sich natürlich auf die Korrespondenten vor Ort. Dieser Korrespondent hatte wahrscheinlich einen Informanten, der auch nichts gewusst hat und einfach etwas gesagt hat. Das ist als Wahrheit angeschaut worden und wurde gar nicht hinterfragt. Das war der Anfang.

Und wie ist es weitergegangen?
Soweit ich das rekonstruieren konnte, sind die anderen Medien dann einfach aufgesprungen. Wenn ein Medium etwas schreibt, ziehen die anderen oft mit. Ich glaube, man hätte es noch ein paarmal korrigieren können, aber wenn eine NZZ so etwas schreibt, hat das ein Gewicht und die Zeitung gilt als glaubwürdige Institution. Das ist auch eine Verantwortung. Der ganze Film geht um Verantwortung. Ich beschuldige damit nicht die NZZ. Wenn eine solche Zeitung, die gute Auslandkorrespondenten hat, so etwas schreibt, ist die Gefahr gross, dass die Meinung der Öffentlichkeit dann auf eine Seite kippt.

Michael Steiner am Set von «Und morgen seid ihr tot»
Michael Steiner am Set von «Und morgen seid ihr tot» © Zodiac Pictures

Wie nahe ist deine Inszenierung an den Begebenheiten und wo hast du dir künstlerische Freiheiten rausgenommen?
Es geht immer darum, wie es sich anfühlt und wie es sich anfühlen sollte. Das gilt für die dramaturgische Ebene, aber auch für die Entführungsopfer Daniela Widmer und David Och selbst. Ich habe Dinge zusammengenommen und verknappt. Viele Dinge konnte ich nicht erzählen. Wir hatten fast 18 Drehbuchversionen, bis Urs Bühler dazugekommen ist. Er hat dann die finale Version nochmals neu geschrieben. Wir sind dann auf 24 Versionen gekommen, was viel ist. Normalerweise habe ich 12 bis 13 Versionen. Wir wollten ganz viele Dinge erzählen.

Wie bist du mit der Herausforderung umgegangen, das alles auf 100 Minuten zu kürzen?
Es ist nicht möglich, in diese Geschichte in dieser kurzen Zeit ganzheitlich zu erfassen. Gewisse Dinge haben wir auch von der Zeit her geshiftet. Das mit der Malaria von David ist vielleicht nicht genau zu diesem Zeitpunkt passiert, aber es ist passiert. Da nahm ich mir die Freiheit heraus, das dort hinzutun, wo es dramaturgisch funktioniert. Im Endeffekt spielt es keine Rolle für die Geschichte. Er war dort krank, also zeige ich die Krankheit.

Am Set von «Und morgen seid ihr tot»
Am Set von «Und morgen seid ihr tot» © Zodiac Pictures

Konntest du dieses Projekt mit der grossen Kelle anrichten?
Ich glaube nicht, denn dieses Projekt war ja schon einmal gestorben, weil es zwischen 2015 und 2016 mit der Förderung nicht funktioniert hatte. Lukas Hobi von Zodiac hat das Projekt dann wieder angekurbelt und es aus der Versenkung geholt. Ich dachte zeitweise, dass es diesen Film nie geben würde. Die Finanzierung des Filmes ist alles andere als einfach gewesen. Es hat aber auch mit der Geschichte zu tun und mit der Art und Weise, wie die Leute darüber gedacht haben. Ich wusste, dass ich da zuerst gegen Windmühlen kämpfe und irgendwann hat es doch funktioniert.

Aufgrund der Pandemie hat es einen Drehunterbruch gegeben. Konntest du die Pause nutzen oder musstest du einfach die Hoffnung hochhalten?
Ich habe zwei Monate lang in meinem Garten Badminton gespielt, als ich am Abend nachhause kam. Es war ärgerlich, denn wir hatten nur fünf Drehtage übrig. Genau das musste diesem Film auch noch passieren. Es war aber ein Ereignis, das ganz global war. Niemand hat eine Pandemie gekannt. Das ist mit einer solchen Wucht über uns hereingebrochen, dass wir das nie vergessen werden. Es hat auch auf der menschlichen Ebene einen Schock gegeben. Den Film nicht zu beenden können, ist das eine. Was mache ich aber mit dieser Pandemie? Nach ein paar Monaten wussten wir, woran wir sind. Wir konnten reagieren und den Film im Dezember in Spanien fertig drehen.

Michael Steiner (2. von rechts) am Set von «Und morgen seid ihr tot»
Michael Steiner (2. von rechts) am Set von «Und morgen seid ihr tot» © Sigi Bucher

Wie war es mit dem Ersatzdrehort, als ihr nicht mehr nach Indien konntet?
Das war einfach. Wir sahen es ja kommen, dass wir früher oder später herausgeworfen werden. Wir wussten, dass wir alle Motive, die Pakistan zeigen, noch in Indien drehen mussten. Wir haben nur ein Motiv offengelassen, den Hof von Lala. Dieser Hof bedingt eine karge Landschaft aus ein paar Steinhütten. Ridley Scott hatte in Spanien Exodus gedreht und die Grundmauern dieser Sets standen noch dort. Diese Grundmauern haben wir gebraucht, um den Hof Lala zu bauen.

Wie seid ihr dabei vorgegangen?
Da alles verwachsen gewesen war, haben wir gerodet und neue Wände hochgezogen. Mit dem Set-Design haben wir dann diese Hütten reingebaut. Wir mussten nur diesen Hof haben. Dazu haben wir in Spanien perfekte Verhältnisse gefunden. Wir hätten aber nicht gerade den ganzen Film dort drehen können. Die Häuser, Städte, Landschaften und Siedlungen sehen in Spanien anders aus. In Indien war die Schwierigkeit, diese Compounds zu finden. Indien ist nicht wie Pakistan gebaut. Wir mussten uns immer nach Compound-ähnlichen Bauten umschauen. Wir haben sehr lange recherchiert. In Pakistan konnten wir wegen der politischen Situation nicht drehen, denn die pakistanische Regierung kommt in diesem Film nicht gut weg. Wir hätten ihren Support nicht gehabt.

Und morgen seid ihr tot kommt am 28. Oktober 2021 in die Schweizer Kinos.

© Buena Vista International

Giancarlo Schwendener [gia]

Giancarlo ist James Bond 15 Jahre lang auf Augenhöhe begegnet. Mit dem Abgang von Daniel Craig ist damit vorerst Schluss. Er liebt die grosse Anzahl an tollen Filmen, aber die Fab Five stehen für ihn eine Stufe höher: Sergio Leone, Marlon Brando, Robert De Niro, Sean Connery und Quentin Tarantino.

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