Kinosophie: Warum zuzuschauen, wie jemand die Sprache von Ausserirdischen lernt, lehrreich ist

Aktuell flimmert Denis Villeneuves «Dune» weltweit auf der Leinwand. In diesem Meisterwerk wird die Macht von Sprache schnell deutlich. Doch bereits «Arrival» zelebriert die Sprache.

© Sony Pictures Releasing International. All Rights Reserved.

Filme sind weit mehr als reine Unterhaltung. Als audiovisuelle Realisierung von Geschichten stellen und beantworten Filme die ganz grossen - und auch kleinen - philosophischen Fragen. In der Serie «Kinosophie» geht Freelancer Thomas diesen Fragen auf den Grund.

«What is your purpose?» Dr. Louise Banks erklärt anhand dieser Frage, die sie Ausserirdischen stellen muss, wie kompliziert das Verstehen von Sprache ist. Erstens muss verstanden werden, dass der Satz eine Frage, also eine Bitte um Information ist. Zweitens muss angenommen werden, dass die Ausserirdischen bewusste Lebewesen sind, die zielgerichtet denken und leben können. Andernfalls könnten sie gar nicht verstehen, was eine Absicht überhaupt ist. Und drittens müssen sie verstehen, dass die Aliens als Gruppe gemeint sind, nicht ein einzelnes (you vs. you, Singular vs. Plural). Das ist die Ausgangslage von Arrival.

In seinem Meisterwerk lässt Regisseur Denis Villeneuve Amy Adams als Sprachwissenschaftsprofessorin Dr. Louise Banks die Sprache von auf der Erde angekommenen Ausserirdischen lernen. Dass diese aber nicht verbal, sondern primär mit ihrer tintenartigen Flüssigkeit kommunizieren, erschwert das Vorhaben ungemein. Dabei erweist sich genau diese Schwierigkeit als spannende Reflexion über Sprache und deren Funktionsweise. In einem Spätwerk vertrat der Philosoph Ludwig Wittgenstein die These, dass die Bedeutung eines Worts seinem Gebrauch in der Sprache entspreche. Das bedeutet nichts anderes, als dass einzelne Begriffe keine fixe Bedeutung haben, sondern dass deren Bedeutung je nach Kontext variieren kann. Zum Beispiel bedeutet der Ausruf «Wasser!» je nach Situation etwas völlig anderes. Vielleicht möchte jemand Wasser trinken, vielleicht sieht jemand in der Wüste eine Oase mit Wasser oder vielleicht warnt jemand vor einer Sturmflut. Deshalb genügt das simple Zeigen und Benennen eines Vogels nicht, damit Dr. Banks den Aliens Englisch beibringen kann. Deshalb heisst es für sie und ihr Team, Daten zu sammeln, in Form möglichst vieler Unterhaltungen. So gelingt ihr nach und nach das Verstehen der Sprache, was durch die Rück- und Vorschauen deutlich wird.

«Arrival»
«Arrival» © Sony Pictures Releasing International. All Rights Reserved.

Die Inszenierung ist, nebenbei bemerkt, deshalb so genial, weil die weisse Wand, auf der Dr. Banks die Tintenkreise entschlüsseln will, der Kinoleinwand gleicht. Genau wie Dr. Banks versucht der Kinobesucher zu verstehen, was das Projizierte vor einem eigentlich bedeutet. Zumindest für Dr. Banks und den Filmgucker lässt sich die eingangs gestellte Frage nach der Absicht beantworten: verstehen.

Thomas Abplanalp [abt]

Thomas schreibt seit 2015 als Freelancer Filmkritiken für Outnow. Kinematografisches impressioniert nämlichen ohnegleichen: Filmisches ist leidenschaftlich multiplex. Originalität und traumhafte Nostalgie orchestrieren wunderbar.

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