«Squid Game» - Die «Hunger Games»-Serie aus Südkorea auf Netflix erobert die Welt

Der Einsatz bei den Spielen, die am Ende das Leben eines der Teilnehmenden für immer verändern sollen, ist hoch. Eine makabre Angelegenheit, doch gleichzeitig ist alles freiwillig - oder nicht?

© Netflix

Worum geht es?

Gi-hun (Lee Jung-jae) ist ein notorischer Lügner und Faulpelz. Seine alte Mutter muss um ihn herum putzen, kocht ihm Essen und gibt ihm sogar Taschengeld, damit er seiner Tochter zum Geburtstag etwas schenken kann. Doch Gi-hun hat nichts Besseres zu tun, als ihr zusätzlich Geld zu stehlen, um dann alles beim Pferderennen zu verlieren. Seine Ex-Frau hält wenig von ihm, sie will mit der Tochter und dem neuen Ehemann in die USA auswandern. Seine Mutter rackert sich auf dem Markt ab und kann nicht wegen Diabetes behandelt werden, weil zu wenig Geld da ist. Kredithaie sind Gi-hun zudem auf den Fersen. Mit dem Rücken zur Wand lässt er sich überreden, bei einem Spiel mitzumachen, das mit einem Preisgeld auf ihn wartet, womit er alle seine Schulden begleichen und ein neues Leben beginnen könnte. Bald stellt er fest, dass es 455 weiteren Menschen wie ihm geht - alle bereit, das wird bereits nach dem ersten Spiel klar, ihr Leben für den Inhalt eines riesigen Sparschweins zu riskieren.

Wir finden:

Squid Game ist eine Netflix-Serie aus Südkorea, die innerhalb kürzester Zeit nach ihrer Veröffentlichung weltweit für Rekordeinschaltquoten gesorgt hat. Korea produziert viele Serien, und viele sehr gute. Dabei sind die meisten Genres vertreten von Romantisch oder Sozialkritisch über Fantastisch, bis Krimi, Thriller und Horror. Gerade Netflix hat in den letzten Jahren einige von ihnen ausgestrahlt bzw. selbst produziert. Kaum eine hat bisher annähernd den Erfolg gefeiert wie jetzt Squid Game.

«Squid Game»
«Squid Game» © Netflix

Wieso sich das hier so eingestellt hat, möchte man fragen. Es handelt sich vermutlich um eine Mischung aus verschiedenen Aspekten. Auch wenn der Stoff spezifisch im kulturellen Rahmen Koreas verortet bleibt, öffnet sich die Serie doch stark internationalen Einflüssen, indem sie nicht nur Passagen in Englisch einbaut, sondern auch insbesondere mit der Entwicklung ausländischer Figuren, die in dieser Form in koreanischen Filmen oder Serien kaum Platz finden. Eine von ihnen ist Ali, ein pakistanischer Einwanderer, der in diesem Todesspiel gelandet ist, weil er von seinem koreanischen Chef ausgebeutet und übergangen wurde. Nur selten sieht man in koreanischen Filmstoffen ausländische Personen, die positiv gezeichnet sind. Wenn sie eine wichtigere Rolle spielen, dann meist eine mit niederträchtigem Charakter.

Auch trifft die Serie den Zeitgeist, indem sie Themen wie Kapitalismus und Armut in Relation bringt und auf das vielfach ausgesprochene kollektive Gefühl unserer Gesellschaft anspielt, dass die Schere zwischen arm und reich immer grösser wird. Im Grunde knüpft Squid Game in seiner Aussage an den koreanischen Spielfilm und Cannesgewinner sowie Oscarpreisträger 2019 Parasite von Bong Joon-ho an. Im Vergleich dazu lässt sich die Serie mehr Zeit für die Beschreibung der sozialen Verhältnisse und schafft es, ein entsprechend authentischeres, differenzierteres Bild zu zeichnen. Das Karikaturhafte des Films ist hier zu einem gewissen Grad auch zu spüren, doch baut man eine engere Beziehung zu den Figuren auf als bei Bong, wo sie bis zum Schluss sperrig bleiben. Die Fronten sind in Squid Game auch weniger klar getrennt - viele der Figuren findet man ziemlich unsympathisch.

«Squid Game»
«Squid Game» © Netflix

Dass die Serie frei von einer gewissen Prätention wäre, kann man trotzdem nicht behaupten. Doch wenn es nicht um den politischen Kommentar geht, überzeugt Squid Game einerseits durch hohe Spannung und andererseits durch eine herausragende Besetzung der durchweg interessanten Rollen. Die Spiele, die die 456 Beteiligten bewältigen müssen, um an das Geld zu gelangen, sind koreanische Kinderspiele. Auf den ersten Blick wirken sie harmlos, doch das «Game over» oder «disqualifiziert werden» ist hier definitiv. Soldaten in roten Kleidern und schwarzen Masken, darauf je nach Rang Kreise, Dreiecke oder Quadrate, wobei das Quadrat dem Anführer zugeteilt wurde, machen kurzen Prozess - disqualifiziert heisst tot.

Die Spiele selbst sind nicht so sehr spannend bis es zum letzten kommt, doch die Dynamiken, die sich zwischen den Teilnehmenden entwickeln dafür umso mehr. Einige Spiele müssen als Gruppe oder als Paare angegangen werden und da fühlt man sich selbst zwangsläufig an die eigene Schulzeit erinnert, als beim Sport in Gruppen aufgeteilt wurde und man bloss nicht als letztes Kind gewählt werden wollte. Auch erinnert man sich an jene, die immer das grosse Wort geschwungen haben, alles besser wussten und Oberhaupt sein mussten, während andere, leisere Mitmenschen, längst eine zielführende Strategie im Kopf gehabt hätten.

«Squid Game»
«Squid Game» © Netflix

Andere soll man nicht unterschätzen, könnte eine der Erkenntnisse aus der Serie sein. Physische Stärke bedeutet nicht zwangsläufig auch mentale, dies eine andere Binsenweisheit. Auch um Solidarität geht es in der Serie. Ist diese auch Fremden gegenüber möglich? Wie sehr kann sich ein Mensch für andere einsetzen, wenn sein eigenes Leben dabei auf dem Spiel steht? Und zu welchen Dingen ist man fähig, um seine eigene Haut zu retten? Das sind einige der Fragen, die gestellt werden. Hinzu kommen Themen wie aufbrechende Familienstrukturen, Alkoholsucht, organisiertes Verbrechen, Einwanderung, der Konflikt zwischen Nord- und Südkorea sowie mangelhafte Sozialstrukturen des Staates.

Wie das im koreanischen Film üblich ist, mischen auch hier die Autoren Horrorelemente mit Humor. Gerade die Hauptfigur sorgt für ein paar amüsante Szenen. Squid Game wartet nicht mit einem intellektuell besonders anspruchsvollen Stoff auf, doch unterhält die Serie in erster Linie sehr gut. Sicherlich hinterlässt sie auch eine gewisse bittere Note, die einen dazu bringt, eigene Wertevorstellungen zu hinterfragen. Ihre Besetzung beweist einmal mehr, wie herausragend koreanische Schauspielerinnen und Schauspieler sein können.

Nur selten bekommen koreanische Serien eine zweite Staffel, doch angesichts des Erfolgs der ersten Staffel von Squid Game und auch des Ausgangs der letzten Folge, könnte die Serie zu einer der wenigen Ausnahmen gehören.

Teresa Vena [ter]

Alles begann bei Teresa damit, dass sie, noch viel zu jung dafür, ihren Vater überzeugen konnte, «Gremlins» im Fernsehen schauen zu dürfen. Seitdem gehört absurder Humor und Spannung zu jedem guten Film dazu. Kino aus Asien und Lateinamerika, aber auch aus der Schweiz sind ihre Steckenpferde.

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