«Hive»: Das Interview mit Regisseurin Blerta Basholli und Hauptdarstellerin Yllka Gashi

Der Film, der am Sundance-Filmfestival gleich drei Preise einheimsen konnte, kommt am 7. Oktober endlich auch in die Schweizer Kinos. Am ZFF 2021 trafen wir die Regisseurin und die Hauptdarstellerin.

Regisseurin Blerta Basholli © Artan Korenica

Mit dem Film Hive inszenierte Regisseurin Blerta Bashilli ein Drama, das auf der Lebensgeschichte der Kosovarin Fahrije Hoti basiert. Da deren Ehemann während der Zeit des Kosovokrieges verschollen ging, musste Fahrije ein eigenes Geschäft aufbauen, um weiterhin ihre Familie unterstützen zu können. Dabei musste sie jedoch einiges an Widerstand von männlicher Seite her überwinden.

Anlässlich der Premiere am 17. Zurich Film Festival hatten wir die Gelegenheit, um mit Regisseurin Blerta Basholli sowohl als auch mit Hauptdarstellerin Yllka Gashi zu sprechen. Blerta Basholli wird den Film in den kommenden Tagen noch bei zwei weiteren Screenings vorstellen. Am 7. Oktober wird sie um 20:15 im CineMovie in Bern zu Gast sein und am 8. Oktober um 20:30 im RiffRaff in Zürich.

Wie hast du von Fahrije Hotis Geschichte erfahren?
Blerta Bashilli: Die Geschichte von Fahrije war bereits ziemlich bekannt, weil es bereits mehrere Fernsehsendungen über sie gab. Aber der Moment, als ich wirklich vollkommen beeindruckt von ihrer Geschichte war, war, als ich in den USA lebte und eine Fernsehsendung aus dem Kosovo sah. Es war gerade während einer Zeit meines Lebens, als ich in New York Film studierte. Fahrije erzählte in der Sendung davon, wie sie einen Fahrausweis bekam und wie sie neben ihrem Geschäft auch ihre Kinder erziehen musste. Als Mutter weckte das sofort mein Interesse an ihrer Geschichte und ich fragte mich, ob ich eher eine satirische oder eine dramatische Herangehensweise an ihre Geschichte wählen sollte. Ich entschied mich dann aber für eine dramatische.

«Hive»
«Hive» © Frenetic Films

Wie hättest du dir eine satirische Version des Filmes vorgestellt, wenn man die Ernsthaftigkeit des Themas in Betracht zieht?
Blerta Bashilli: Ganz im Detail könnte ich das nicht mehr sagen. Ich selbst komme aber aus Pristina und wir litten weniger unter dem Kosovokrieg als andere Städte. Aber wir lebten unter ständiger Unterdrückung. Sogar in einer solchen Situation haben wir versucht, das Ganze mit Humor zu nehmen und haben während der Bombardierungen Witze gemacht. Menschen versuchen oftmals mit Humor mit düsteren Situationen in ihrem Leben umzugehen. Deshalb habe ich mir auch eine solche Darstellung von Fahrijes Geschichte vorgestellt, bin schlussendlich jedoch davon abgekommen.

Wie hat deine Recherche bezüglich des Themas ausgesehen?
Blerta Bashilli: Es war ein sehr interessanter Prozess. Wir trafen Fahrije, und ich fragte sie zuerst einmal, ob sie überhaupt an einem Film über sich selbst interessiert wäre. Yllka Gashi war dabei als Hauptdarstellerin bereits besetzt, bevor ich das Drehbuch überhaupt geschrieben hatte. Wir sprachen mit Fahrije viele Stunden, aber ich versuchte sie nicht allzu oft zu belästigen, da ihr die Erinnerungen wieder schlaflose Nächte bereiteten. Wir versuchten uns aber möglichst in ihre Person hineinzufühlen, und Fahrije hat mich oftmals auch an meine eigene Mutter erinnert, die ebenfalls eine starke Persönlichkeit besass. Das ist alles in das Drehbuch eingeflossen.

«Hive»
«Hive» © Frenetic Films

Fahrije hatte also keinerlei Einwände gegen ihre Besetzung durch Yllka Gashi?
Blerta Bashilli: Yllka Gashi ist bereits eine sehr bekannte und beliebte Schauspielerin im Kosovo. Fahrije war dementsprechend sehr zufrieden mit der Wahl.

Wie sehr war die echte Fahrije bei der Produktion des Filmes involviert?
Blerta Bashilli: Sie ist eine sehr beschäftige Geschäftsfrau, weshalb sie nur wenig Zeit für die Produktion des Filmes hatte. Sie ging zwar sehr gerne an die Premieren des Filmes, schien dabei jedoch dennoch mit ihren Gedanken bei ihrem täglichen Geschäft zu sein. Zuerst hätte sie auch in einer Szene des Filmes auftreten sollen, wurde dann jedoch durch ihre Arbeit verhindert. Während der Film gedreht wurde, wurde sie jedoch ständig über die laufenden Entwicklungen informiert. Mir war es denn auch wichtig, ihr den Arbeitsprozess eines fiktionalen Filmes näherzubringen, damit sie am Schluss nicht enttäuscht über das Endprodukt ist.

«Hive»
«Hive» © Frenetic Films

Denkst du Fahrije würde heutzutage als weibliche Geschäftsfrau demselben Mass an männlicher Kritik gegenüberstehen?
Blerta Bashilli: Wir haben definitiv noch einiges an Arbeit vor uns in dieser Hinsicht. Fahrijes Geschichte hatte selbst einen grossen Einfluss auf die Regionen und beeinflusste auch viele Geschäftsfrauen. Insofern haben sich die Verhältnisse sicherlich ein Stückweit geändert, jedoch haben wir als Gesellschaft noch einiges zu tun.

Welche Teile von Fahrijes Geschichte mussten für den Film geändert werden?
Blerta Bashilli: Es waren nur wenige Dinge, die ich wirklich ändern musste. Viel eher musste ich gewisse Elemente ihrer Geschichte für den Film aussen vorlassen. Vor allem über eine Vergewaltigung wollte Fahrije nur wenig reden, obwohl ich von ihr mehr über diese erfahren wollte. Deshalb wurde das Thema denn auch nicht so sehr im Film behandelt.

«Hive»
«Hive» © Frenetic Films

Hatte es auf dich einen persönlichen Einfluss, eine so starke Frauenrolle wie Fahrije zu spielen?
Yllka Gashi: Natürlich, für mich war es schon immer ein Traum, eine solche starken Persönlichkeit spielen zu dürfen. Damit kommt aber auch eine grosse Verantwortung, denn wir wollten der Geschichte von Fahrije auch gerecht werden. Es war meine erste Rolle in einem solchen Spielfilm und auch Blertas erste Regiearbeit an einem Langfilm. Für mich war es auch schwierig, da ich mich im Gegensatz zu Fahrije als eine eher expressive Persönlichkeit bezeichnen würde. Ich konnte mich aber auch persönlich mit dem Gefühl von Unsicherheit während der Zeit des Kosovokonflikts identifizieren. Es war eine tolle Erfahrung und ich bin stolz, das Werk nun einem grossen Publikum präsentieren zu dürfen.

Was soll das Publikum aus eurem Film mitnehmen?
Yllka Gashi: Obwohl sich die Geschichte von Fahrije im Kosovo abspielt, ist es dennoch eine universelle Geschichte. Viele Leuten haben eigene Schwierigkeiten zu meistern und der Film soll diesen Menschen Hoffnung geben. Der Film soll auch weltweit über die damaligen Ereignisse im Kosovo aufklären, viele wissen nämlich nicht allzu viel darüber. Der Film soll auch eine grössere Lebenswertschätzung in denjenigen auslösen, welche niemals den Horror einer Kriegssituation erleben mussten.

Hive läuft ab dem 7. Oktober 2021 in den Schweizer Kinos.

© Frenetic Films

Olivier Nüesch [oli]

Olivier schreibt seit 2012 für OutNow. Begonnen hat seine Filmleidenschaft schon sehr früh mit dem CGI-freien «Dschungelbuch». Mit der Gemütlichkeit probiert er es als Popkulturfreak nun jedoch auch mithilfe von Serien, Games, Büchern und Comics.

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