«Je Suis Karl»: Das Interview mit Luna Wedler

Sie ist momentan der wohl grösste Schweizer Schauspielstar: die Zürcherin Luna Wedler. Im Interview sprachen wir über ihren neuen Film, Verantwortung und was ihr Hoffnung für die Zukunft gibt.

Luna Wedler mit Jannis Niewöhner mit «Je Suis Karl» © Sammy Hart / Pandora Film

Im Thriller-Drama Je Suis Karl spielt Luna Wedler die junge Maxi, die bei einem Bombenanschlag ihre Mutter und ihren Bruder verliert. In ihrer Trauerphase gerät sie an den charismatischen Karl, der mit seinen Freunden plant, ganz Europa zu verändern - und Maxi wird ihm dabei unwissentlich behilflich sein.

Regisseur Christian Schwochow macht kein Geheimnis daraus, dass er mit seinem Film vor den Neuen Rechten warnen möchte - einer rechtsextremen politischen Strömung. Die Zuschauer erhalten dabei durch Wedlers Maxi Einblick in deren Weltanschauung und Vorstellungen.

Anlässlich der Schweizer Premiere am 17. Zurich Film Festival trafen wir Luna Wedler, die dank Hauptrollen in Blue My Mind, Das schönste Mädchen der Welt und der Netflix-Serie Biohackers weit über die Schweiz bekannt gewordene Zürcherin, zum Gespräch.

Mit Luna Wedler sprach Olivier Nüesch

Gegenüber Maxi haben die Zuschauer einen Wissensvorsprung und sehen aufgrund einer frühen Enthüllung die Katastrophe lange kommen. Hat diese frühe Enthüllung was für dich in deinem Spiel verändert? Bist du es anders angegangen?
Eigentlich gar nicht. Beim Spiel versuche ich, mich nicht darauf zu konzentrieren, was die anderen machen und denken. Ich muss in dem Moment sein, in dem sich Maxi befindet, und ich weiss deshalb beim Spielen dann auch nicht mehr als sie.

Würdest du Maxi als naiv bezeichnen?
Ich würde eher sagen, dass Maxi sich in einem Ausnahmezustand befindet. Wenn dir wirklich alles genommen wird, was du über alles liebst, dann bist du in einem solch verlorenen und unsicheren Zustand, dass es verständlich ist, wenn man sich an den Ersten hängt, der einem etwas Nähe, Halt, Liebe und mögliche Antworten gibt.

© Filmcoopi

Wenn du mit Maxi reden könntest, was würdest du ihr sagen?
Ich würde sie vor allem in dem Arm nehmen und ihr sagen, dass alles gut kommt und dass sie bei ihrem Vater bleiben soll.

Der Film ist nicht gerade subtil. Ich finde aber, dass dies genau richtig ist, da er ein junges Publikum aufwecken soll. Siehst du das ähnlich?
Das stimmt, aber er soll durchaus auch die etwas Älteren aufwecken. Als ich das Drehbuch zum ersten Mal gelesen hatte, fragte ich mich, ob das vielleicht etwas überspitzt dargestellt ist. Aber wenn man sich etwas mit den Neuen Rechten beschäftigt, dann merkt man, wie krass wir sie unterschätzen. Es sind nicht mehr die Skinheads mit den Baseballschlägern. Es ist ein völlig neues Bild. Der Film läuft in Deutschland nun schon seit einer Weile und hat dort jede Altersgruppe angesprochen und zu Diskussion geführt, was schön ist.

Was sollen die Leute von dem Film mitnehmen?
Dass wir die Neuen Rechten nicht unterschätzen, denn das ist äusserst gefährlich. Es ist erschreckend zu sehen, wie viele Schritte wir momentan rückwärtsgehen, obwohl wir aufgrund der Geschichte der Menschheit so viel wissen - und eigentlich unsere Lektionen gelernt haben sollten. Abseits des Politischen wäre es schön, wenn einem der Film zeigen könnte, wie wichtig es ist, füreinander da zu sein.

Man hat das Gefühl, dass unsere Generation politischer eingestellt ist als noch jene zuvor - unter anderem mit «Fridays for Future». Was denkst du, woher das kommt?
Jetzt im Moment haben wir die Klimakrise, welche ein grosses Problem ist. Zwar können wir als Einzelpersonen schon etwas bewegen, aber auch jene an der Macht müssen etwas ändern. Es ist eine grosse Wut da, denn es geht immerhin um unsere Zukunft. Das ist schon ein genug grosser Antrieb, um laut zu werden.

© Filmcoopi

Je Suis Karl zeichnet eine sehr düstere Zukunft. Was gibt dir aber Hoffnung für die Zukunft?
Jede Generation hatte ihre Probleme, doch momentan leben wir schon in einer extremen Welt. Das Schlimmste, was uns in dieser Situation jetzt passieren könnte, ist, wenn wir die Hoffnung verlieren würden. Der Zusammenhalt in meiner Generation bewirkt aber so viel und ist so stark und laut, sodass es dann auf die ältere Generation überschwappt. Dieser entstehende Zusammenhalt gibt mir Hoffnung.

Über die letzten Jahre hast du einen recht hohen Bekanntheitsgrad erlangt. Bringt das auch eine gewisse Verantwortung mit sich - vor allem jetzt auch in Hinsicht auf Je Suis Karl, der vor den Neuen Rechten warnt?
Das ist eine gute Frage, die ich mir auch immer wieder stelle. Vor allem wenn man dank Social Media eine Reichweite hat, hat man einfach auch eine gewisse Verantwortung. Aber dann denke ich manchmal auch, dass ich nur eine normale, junge Frau bin. Die Berühmtheit kommt halt einfach mit dem Beruf - das ist nicht etwas, was man sich explizit aussucht. Aber das Schöne ist, dass ich mich durch meine Filme und Serien politisch äussern kann. Und da möchte ich in Zukunft auch wirklich mehr machen, denn ich will helfen. Dies jedoch nicht mit Leichtsinn mit einem Social-Media-Post, sondern wirklich vor Ort dabei sein. Aber im Moment fühle ich mich noch ein bisschen unwissend, ich möchte zuerst alles verstehen. Darum geht es ja auch im Film, dass man nicht alles auf Social Media glauben soll. Recherchiert und schaut genau hin woher die Sachen kommen, die ihr schaut und liest.

Je Suis Karl läuft ab dem 30. September 2021 in den Schweizer Kinos.

© Filmcoopi

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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