Kinosophie: Zu tief im Glas findet sich kein Glück

In «Drunk» von Regisseur Thomas Vinterberg versuchen vier Freunde, ihr Glück im Alkohol zu finden. Hätten sie sich an eine antike Anleitung gehalten, wäre die Geschichte wohl anders verlaufen.

«Drunk» © Pathé Films AG

Filme sind weit mehr als reine Unterhaltung. Als audiovisuelle Realisierung von Geschichten stellen und beantworten Filme die ganz grossen - und auch kleinen - philosophischen Fragen. in der Serie «Kinosophie» geht Freelancer Thomas diesen Fragen auf den Grund.

Wer jemandem im Mittelalter sagte, er oder sie sei toll, musste mit grösseren Keilereien rechnen. Toll bedeutete damals nämlich verrückt oder auch einfältig. Wer heute jemanden als toll bezeichnet, findet diese Person grossartig, vielleicht sogar bewundernswert.

Die Tücke der Wortbedeutung ist nichts Neues. Neigt jemand dazu, gerne und häufig ausschweifend zu leben, das heisst viel und häufig Rauschmittel zu sich zu nehmen, eher zu fressen als zu essen und grundsätzlich den Exzess zu zelebrieren, spricht man von einem Hedonisten bzw. einer Hedonistin. Ursprünglich wurde mit Hedonismus aber die Glücksvorstellung Epikurs bezeichnet. Diese sieht aber ganz anders aus.

Der antike griechische Philosoph Epikur (341-270 v. Chr.) ging nämlich von der Grundannahme aus, dass Menschen von Natur aus nach Lust bzw. Freude streben und Unlust vermeiden. Junge Menschen zeigen das eindrücklich: Bekommen kleine Kinder etwas zu essen, zögern sie nicht lange. Hingegen fasst ein Kind nur einmal auf eine heisse Herdplatte. Bei Erwachsenen zeigt sich dasselbe Bild. Zwar verzichtet man manchmal auf etwas und erleidet somit Unlust. Gemäss Epikur jedoch nur, um dadurch später noch grössere Lust, also Freude, zu empfinden.

Anstelle davon, die Wohnung zu putzen, böte sich ein Serienmarathon auf dem Sofa mit Chips und Cola eher an. Doch nachdem die Wohnung sauber und aufgeräumt ist, füllt sich die Brust mit einer gewissen Zufriedenheit und je nachdem sogar einem gewissen Stolz, der einem vermutlich mehr Freude bereitet, als in einer dreckigen Bude Serien zu glotzen. Das heisst, der Mensch soll nach Lust streben, aber immer in einem vernünftigen und einsichtigen Ausmass. Mit der heutigen Bedeutung von Hedonismus hat dieser Lebensentwurf nicht mehr viel gemeinsam.

«Drunk»
«Drunk» © Pathé Films

Die vier Lehrer, Martin, Tommy, Nikolaj und Peter, versuchen in Drunk die Theorie des norwegischen Psychiaters Finn Skårderud in die Praxis umzusetzen. Seiner Ansicht nach sei der Mensch nämlich mit einem um 0.5 Promille zu geringen Blutalkoholwert auf die Welt gekommen. Gut möglich hätte Epikur dieser These sogar zugestimmt, zumal ein kleiner Schwips eine entspannende und beruhigende Wirkung haben kann. Schliesslich genoss auch er in seinem Garten in Athen mit Freunden und Bekannten hin und wieder ein Glas Rotwein. Selbst als er wegen Nierensteinen im Sterben lag und unglaubliche Schmerzen litt, erfreute sich Epikur noch der tollen Erinnerungen mit seinen Freunden.

So gesehen sind die vier Midlife-Crisis-Lehrer Hedonisten ganz im Sinne Epikurs. Das Ziel des Lebens bestünde nämlich in einem Leben ohne körperliche oder seelische Schmerzen bzw. Unruhe. In Drunk funktioniert das anfänglich. Das wird dadurch deutlich, dass die vier ihren Schülerinnen und Schülern besseren Unterricht bieten, zuhause lockerer sind und grundsätzlich entspannter durch das Leben gehen.

Während sich Epikur aber für ein genussvolles Leben in vernünftigem Ausmass ausgesprochen hat, verzichten die vier auf zu viele Gedankengänge und übertreiben mit dem Alkoholkonsum. So verwandeln sich die epikureischen Hedonisten ganz schnell in Hedonisten im Sinne der heutigen Zeit. Während der ein oder andere im Laufe der Geschichte aber zur Einsicht gelangt und sein Leben wieder in den Griff kriegt, gelingt das nicht allen, mit tragischer Konsequenz.

«Drunk»
«Drunk» © Pathé Films

Es ist genau dieses Wechselspiel zwischen Fluch und Segen von Alkohol, das dem Film seine Wirkung verleiht. Und es ist genau dieses Abwägen zwischen Lust und Unlust, das im Sinne Epikurs bei richtigen Entscheidungen zu einem zufriedenen Leben führt. Drunk bringt somit auf tolle Weise die Überlegungen Epikurs auf die Leinwand. Prost.

Thomas Abplanalp [abt]

Thomas schreibt seit 2015 als Freelancer Filmkritiken für Outnow. Kinematografisches impressioniert nämlichen ohnegleichen: Filmisches ist leidenschaftlich multiplex. Originalität und traumhafte Nostalgie orchestrieren wunderbar.

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