Skandal auf dem Campus! Das taugt die Netflix-Serie «The Chair» mit Sandra Oh

Professorin Kim wird als erste Frau Leiterin des Literaturinstituts an einem US-amerikanischen College. Doch noch bevor sie ihre Beförderung geniessen kann, hat sie es mit einem Skandal zu tun.

© Netflix

Worum geht es?

Ji-Yoon Kim (Sandra Oh) ist Literaturprofessorin an einem eher mittelmässigen College in den USA. Nachdem der bisherige Lehrstuhlvorsitzende Bill (Jay Duplass) abgetreten ist, kann Ji-Yoon endlich als erste Frau in der Geschichte der Institution die Leitung übernehmen. Das ist eine Errungenschaft, auch weil sie von asiatischer Abstammung ist. Doch bereits an ihrem ersten Tag kommt Bill, der auch ihr bester Freund ist, zu spät und verkatert zur Vorlesung, die ältere Kollegin (Holland Taylor) muss wegen Sparmassnahmen in den Keller umziehen und der Aufsichtsrat hält ihr eine Liste der Lehrkräfte unter die Nase, die sie in Rente schicken soll.

Das grösste Problem kommt aber noch. Bill ist der beliebteste Professor am Institut. Die Säle sind voll und als er eine seiner Vorlesungen hält, filmt einer der Studenten mit. In einem unglücklichen Moment erklärt er, was Faschismus ist, und macht dabei den Hitlergruss. Was auf dem Video landet ist alleinig diese Geste, die sofort viral wird. Das löst eine Welle der Proteste unter den Studenten aus und setzt die ganze Belegschaft unter Druck. Ji-Yoon muss Stellung beziehen und ist hin- und hergerissen zwischen ihrer Loyalität zu ihrem Freund und der Forderung des Institutsvorstandes, Bill loszuwerden.

«The Chair»
«The Chair» © Netflix

Wir finden:

Die Macher der Serie gehen auf derart pädagogische Weise vor, dass man sich beim Zusehen wie ein Kind vorkommt. Die Problematik, die sie ansprechen, ist grundsätzlich eine allgemeingültige, doch hat die Serie etwas stark Amerikazentriertes, so dass sie für ein nicht-amerikanisches Publikum nur wenig Mehrwert bietet. Die Charakterzeichnung fällt arg flach und holzschnittartig aus. Die Mischung aus Ernsthaftigkeit und grobem Klamauk funktioniert zudem überhaupt nicht, da kein Gleichgewicht entsteht und viele Momente schlichtweg nur peinlich wirken.

Dass es in Führungspositionen immer noch weit weniger Frauen gibt als Männer, ist nicht nur in den USA eine Tatsache. Dass zudem Menschen mit Migrationshintergrund oder Menschen, die zu einer anderen Ethnie als die der Weissen gehören, genauso wenig in leitenden Stellen vertreten sind, ist ein weiteres Faktum. Dass irgendwelche Medienstars zu Professuren kommen, nur um der Institution Prestige zu verleihen oder aus der Laune irgendwelcher Mäzene heraus, wird es wohl auch geben. Vitamin B gibt es schliesslich überall. Dies zu thematisieren kann mit Sicherheit nicht schaden. Auch nicht, wenn man Humor dafür einsetzt. Doch zwischen Klamauk und Ironie gibt es den wesentlichen Unterschied, dass man ersteres in so einem Ausmass wie in The Chair - bei uns auch mit dem deutschten Titel «Die Professorin» vermarktet - nur noch lächerlich und wenig zweckführend findet.

«The Chair»
«The Chair» © Netflix

Die Bill-Figur ist, in diesem Sinne, kaum zu ertragen. Sie bedient jedes amerikanische Klischee, vom junggebliebenen Kiffer und Säufer bis hin zum pseudo-politisch-liberalen Alternativen, der sich seiner privilegierten Stellung als weisser Mann bewusst ist und mit gutgemeinten, perfekt ausformulierten Sätzen für Toleranz plädiert. Ausgerechnet ihm wird dann vorgeworfen, er sei rassistisch, ihm der eben ein ganz anderes Selbstbild hat. Auch hier hätte es durchaus seinen Reiz haben können, diesen Konflikt zwischen Selbst- und Aussenbild näher zu beschreiben. Doch insgesamt geht die Serie zu plakativ vor.

Die Serie versucht nicht erst, ihren erzieherischen Charakter zu verstecken. Auf eine gewisse Weise hat sie sogar etwas Dogmatisches, was gar nicht mit dem zum Schluss formulierten Plädoyer für Offenheit und Diskurs auf Augenhöhe zusammenpasst. Im Grunde verpasst The Chair die Chance sich mit wichtigen Themen auseinanderzusetzen und verspielt das Potential durchaus charismatischer Darsteller. Das gilt zum Beispiel für Sandra Oh, Star aus "Grey's Anatomy" in der Hauptrolle, die nur wenig von der selbstbewussten, starken Frau hat, die sie eigentlich geben sollte. Jay Duplass verkommt zu einer unausstehlichen Witzfigur, ganz so wie Bob Balaban und Taylor Holland, die inkontinente, halbsenile Professoren spielen.

Teresa Vena [ter]

Alles begann bei Teresa damit, dass sie, noch viel zu jung dafür, ihren Vater überzeugen konnte, «Gremlins» im Fernsehen schauen zu dürfen. Seitdem gehört absurder Humor und Spannung zu jedem guten Film dazu. Kino aus Asien und Lateinamerika, aber auch aus der Schweiz sind ihre Steckenpferde.

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