Kinosophie: Warum Bruce Wayne a.k.a. Batman ein guter Schauspieler ist.

Eine Person, zwei Gesichter. Während Batman tagsüber den verwaisten Superreichen spielt, bekämpft selbiger des Nachts Ungerechtigkeiten. Damit verkörpert er eine ganze philosophische Denktradition.

«The Dark Knight» © 2008 Warner Bros. Ent. / TM & © DC Comics

Filme sind weit mehr als reine Unterhaltung. Als audiovisuelle Realisierung von Geschichten stellen und beantworten Filme die ganz grossen - und auch kleinen - philosophischen Fragen. in der Serie «Kinosophie» geht Freelancer Thomas diesen Fragen auf den Grund.

Bei einem Besuch in einem Buchhandel sticht relativ bald die schier endlose Menge an Lebensratgebern ins Auge, die in irgendeiner Art und Weise die Begriffe Stoismus, Stoa oder Stoiker enthalten. In einer Zeit des Informationsüberflusses, in der einem täglich über all die Bildschirme relevante und weniger relevante Nachrichten in die Netzhaut gebrannt werden, und in einer Zeit, in der Stress im (beruflichen) Alltag zur Tagesordnung gehört, sehnen sich offensichtlich viele Menschen nach Ruhe. Zumindest erklärte das den Stoismus-Trend. Batman kann hier als Inspiration dienen.

Einer der bekanntesten Stoiker ist Epiktet (ungefähr 50-138 n.Chr.). Um zufrieden leben zu können, soll man sich seiner Ansicht nach immer bewusst machen, was in der eigenen Macht liegt und was nicht. Alles, was in der eigenen Macht liegt, kann und soll man ändern, sofern es einen stört. Alles, was nicht in der eigenen Macht liegt, soll so akzeptiert werden, wie es ist. Wer sich beispielsweise über den vielen Staub in der Wohnung ärgert, greift zum Staubsauger und schon ist das Problem fast wortwörtlich weggefegt. Ärgern bringt in solchen Fällen also nichts. Bei Dingen, die nicht in der eigenen Macht stehen, lohnt sich Ärger ebenfalls nicht. Wenn sich jemand massiv über den langanhaltenden Regen aufregt, dann hört der Regen deshalb nicht früher auf. Besser, so Epiktet, man akzeptiert den Regen, wie er vom Himmel runtertropft.

Dabei hilft die Überlegung, dass Dinge an und für sich nicht wertend sind, sondern Meinungen, die man darüber hat. Regen an und für sich ist nicht nervig oder mühsam oder ärgerlich. Die Meinung darüber ist eine negative. Und Meinungen können geändert werden. Oder auch Unterrichtsfächer in der Schule sind nicht per se langweilig, unnütz oder spannend, sondern die Ansichten darüber.

«The Dark Knight»
«The Dark Knight» © 2008 Warner Bros. Ent. / TM & © DC Comics

Damit diese stoische Entspanntheit gelingt, müssen Affekte kontrolliert bzw. unterdrückt werden. Sobald eine Situation starke Emotionen hervorruft, erwartet Epiktet, dass man die Situation zuerst auf sich ruhen lässt und erst mit einem klaren Kopf darauf reagiert. Streitereien dienen hier als Paradebeispiele. Inmitten eines Streits, in dem Vasen und anderer Nippes durch die Wohnung fliegen, äussern die Streitenden häufig Dinge, die sie später massiv bereuen. Deshalb, sofern man die Emotionen aufkochen spürt, lohnt es sich, beispielsweise einen halbstündigen Spaziergang draussen zu machen, um den Kopf freizukriegen, damit anschliessend vernünftig geredet werden kann, ohne dass Inventar und Beziehungen zerstört werden müssen.

In der Nolan'schen Trilogie (Batman Begins, The Dark Knight, The Dark Knight Rises) zeigt sich genau dieses stoische Verhalten bei Bruce Wayne bzw. Batman. Kaum aufgewacht, trinkt Bruce gesund aussehende Getränke, ertüchtigt sich körperlich in Form von Liegestützen und informiert sich über die neusten Geschehnisse in Gotham. Mit seinem nicht bescheidenen Vermögen lässt er sich Waffen, Anzüge und Fahrzeuge bauen, die ihm bei seiner Mission helfen.

Kurz gesagt: Bruce versucht eigentlich alles zu tun, was in seiner Macht liegt, um sein Ziel zu erreichen. Zudem beherrscht er seine Affekte. Das zeigt sich bereits in seiner Maxime, niemanden zu töten, selbst wenn ihn diese Person ärgert, nervt, beleidigt, verletzt oder ähnliches. Seine nächtlichen Aktivitäten wirken meist minutiös geplant und alles andere als undurchdacht. Ein Paradebeispiel dafür ist Batmans Auftritt in Hongkong. Vor allem sein vorgetäuschtes Leben als Playboy bzw. Hedonist (siehe letztwöchigen Kinosophie-Beitrag) verdeutlichen Batmans stoische Lebensweise.

«The Dark Knight»
«The Dark Knight» © 2008 Warner Bros. Ent. / TM & © DC Comics

Epiktet illustriert seine Überlegungen anhand einer Analogie: Das Leben des Menschen sei wie eine Rolle in einem Theaterstück. Das Drehbuch oder die Regisseurin bestimmt, wann die Bühne zu betreten und zu verlassen ist. Also soll man seine Rolle schlichtweg so gut wie möglich spielen. Mehr liegt nicht in der eigenen Macht. Auch dieser Gedanke zeigt sich in der Batman-Trilogie: Tagsüber schlüpft Bruce wörtlich in die Rolle des Milliardärs Bruce Wayne, weil die Gesellschaft das von ihm erwartet. Nachts schlüpft er in die Rolle Batmans, um das Verbrechen zu bekämpfen. Und er spielt beide Rollen, ohne sie zu hinterfragen und vor allem ohne Angst vor einem möglichen Ende zu haben. Das liegt schliesslich nicht allein in seiner Macht.

Als Schauspieler seines eigenen Lebens taugt Batman also auf jeden Fall etwas. Wer weiss, läse Bruce Wayne gerne Bücher, schnappte er sich im Jahr 2021 womöglich den einen oder anderen Stoa-Lebensratgeber oder er schriebe vielleicht sogar selbst einen.

Thomas Abplanalp [abt]

Thomas schreibt seit 2015 als Freelancer Filmkritiken für Outnow. Kinematografisches impressioniert nämlichen ohnegleichen: Filmisches ist leidenschaftlich multiplex. Originalität und traumhafte Nostalgie orchestrieren wunderbar.

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