Kinosophie: Warum der Hüter der Erinnerungen wirklich Erinnerungen hütet

Dystopien erfreuten sich in den letzten Jahren grosser Beliebtheit. «The Giver» aus dem Jahr 2014 zeigt dabei eindrucksvoll, wie schnell aus einer antiken Utopie eine Dystopie werden kann.

«The Giver» © Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Filme sind weit mehr als reine Unterhaltung. Als audiovisuelle Realisierung von Geschichten stellen und beantworten Filme die ganz grossen - und auch kleinen - philosophischen Fragen. in der Serie «Kinosophie» geht Freelancer Thomas diesen Fragen auf den Grund.

Unabhängig davon, ob ein rotes, gelbes oder grünes Curry oder gar ein Chili vor einem im Teller liegt, scharfes Essen sieht häufig nicht nur gut aus, sondern schmeckt auch verheerend lecker. Leider dankt einem der Körper dafür nicht immer. Mit Ideen verhält es sich gleich. Visionen oder Erleuchtungen, die auf den ersten Blick total überzeugen, erweisen sich später als Schuss in den Ofen. The Giver macht genau das. Der Film zeigt, dass Platons antike Utopie nur zu einer Dystopie führen könnte.

Das Fresko «Die Schule von Athen» vom Maler Raffael aus dem Jahr 1510 zeigt neben vielen anderen Philosophen auch Platon. Mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand weist er gegen den Himmel. Mit dieser Geste verdeutlicht Raffael Platons Idealismus. Zeit seines Lebens zeichnete sich Platon als Philosoph mit vielen Ideen, Visionen und Idealen aus. Kritikerinnen und Kritiker werfen ihm bis heute Bezug zur wirklichen Welt vor. Neben vielen anderen Fragen überlegte sich der antike Grieche, wie ein idealer Staat aufgebaut sein sollte.

Grundsätzlich sollte der Staat aus drei Ständen bestehen: Die Handwerker und Bauern sorgen für ein Dach über dem Kopf und ausreichend Nahrung. Die Wächter sorgen für die innere und äussere Sicherheit des Staats. Und die Berater übernehmen die Führung. Platon passte seinen Staatsentwurf seiner Menschenlehre an. Seiner Ansicht nach besteht der Mensch nämlich aus drei Teilen und damit verbundenen Tugenden. Der Kopf steht für den Verstand und damit die Weisheit. Das Herz steht für den Mut und damit die Tapferkeit. Und der Bauch steht für die Instinkte bzw. Triebe des Menschen und somit für die Mässigung.

Harmonieren diese drei Teile innerhalb eines Menschen, so ist dieser gerecht. Dasselbe gilt gemäss Platon für den Staat. Wenn die Herrscher weise, die Wächter tapfer und die Bauern mässig sind, entsteht Harmonie und so auch Gerechtigkeit.

Damit die Harmonie aber bestehen bleibt, werden die Leute den verschiedenen Ständen ihren Fähigkeiten entsprechend zugeteilt, ob sie es wollen oder nicht. Auch die Möglichkeit eines Wechsels von einem Stand in den anderen bleibt den Bürgerinnen und Bürger verwehrt.
Vor allem die Wächterinnen und Wächter in Platons Idealstaat sollten nicht von ihren Emotionen abgelenkt werden, weil dadurch die Sicherheit des Volks gefährdet wird. Deshalb werden Kinder von der Gemeinschaft und nicht ihren Eltern erzogen. Das ganze Leben in diesem Stand wirkt wie in einer Kommune.

Die Ähnlichkeit zur Gesellschaft in The Giver lässt sich nicht von der Hand weisen. Das Leben ist friedlich, Gleichheit der Menschen ist gegeben, die berufliche Selektion und auch das Unterdrücken von Gefühlen passen zu Platons Idealstaat. Vor allem aber die Tatsache, dass die effektiven Hüter im Film über das gesamte Wissen herrschen, also die Weisen sind, entspricht Platons Vorstellungen vom Philosophen als weisen Herrscher.

Im Gegensatz zu Platon wird im Film aber deutlich, dass eine solche Gesellschaft nicht wirklich erstrebenswert ist. Aus der Utopie wird eine Dystopie. Das Leben für die Bevölkerung zeichnet sich durch Farblosigkeit, Gleichgültigkeit und Leidenschaftslosigkeit aus. Ein Idealstaat sieht anders aus. Genau so kann es passieren, dass man den Verzehr des leckeren Currys ein bisschen später bereut. Beides scheint dem Menschen nicht gerecht zu werden.

Thomas Abplanalp [abt]

Thomas schreibt seit 2015 als Freelancer Filmkritiken für Outnow. Kinematografisches impressioniert nämlichen ohnegleichen: Filmisches ist leidenschaftlich multiplex. Originalität und traumhafte Nostalgie orchestrieren wunderbar.

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OutNow.CH