Kinosophie: Der Konflikt zwischen Sicherheit und Schönheit

«The Truman Show» und «Downsizing» können durchaus schläfrig machen. Dabei ist deren Inhalt erquickend. Die Filme beantworten nämlich die Frage, wonach der Mensch eigentlich strebt.

«The Truman Show» © Paramount

Filme sind weit mehr als reine Unterhaltung. Als audiovisuelle Realisierung von Geschichten stellen und beantworten Filme die ganz grossen - und auch kleinen - philosophischen Fragen. in der Serie «Kinosophie» geht Freelancer Thomas diesen Fragen auf den Grund.

The Truman Show ist ein übertrieben grosses BigBrother-Experiment, das sich ausschliesslich um den gänzlich ahnungslosen Truman Burbank dreht. Dieser glaubt, in einer perfekten Kleinstadt mit netten Menschen zu leben. Dabei spielt sich sein Leben in einem riesigen Gewölbe mit Schauspielern ab. Erst im Laufe der Geschichte kommt er dem Schein auf die Schliche.

In Downsizing lässt sich der Durchschnittsverdiener Paul Safranek mithilfe einer neuen Technologie auf zwölf Zentimeter schrumpfen, um anschliessend als winziger Mensch mit anderen winzigen Menschen in einem für sie gemachten Minikosmos zu leben. In diesem wird aus dem mässig verdienenden Paul ein reicher Mann, weshalb er sich überhaupt schrumpfen lässt. Dieses Downsizing-Verfahren sollte dem Ressourcenverbrauch der Menschen entgegenwirken bzw. diesen verkleinern.

Die beiden Filme scheinen auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam zu haben. Aber eines der Urgesteine der abendländischen Philosophie, Platon, hätte bestimmt Freude an beiden gehabt. Sie verbildlichen nämlich das, was der Grieche vor rund 2500 Jahren in Form des Höhlengleichnisses niedergeschrieben hat.

© Paramount

Zu Beginn des Höhlengleichnisses befinden sich Menschen an Händen, Hals und Füssen tief unten in einer Höhle gefesselt. Mit ihren Augen können sie nur Schatten an der Wand sehen, die durch ein Feuer entstehen, das hinter ihnen scheint und vor dem andere Menschen Dinge herumtragen. Die Gefesselten kennen seit ihrer Geburt nichts anderes.

Jetzt folgt der erste Twist. Einer Person werden die Fesseln gelöst und sie erhält so die Möglichkeit, sich in der Höhle frei zu bewegen und sie sogar zu verlassen. Am Tageslicht angekommen, erkennt die Person schliesslich die richtige Welt, bestehend aus Wäldern, Seen und der Sonne. Dann folgt der zweite Twist. Die Person steigt wieder in die Höhle hinab, weil sie den anderen von der Erkenntnis erzählen möchte. Gemäss Platon teilten diese die Freude aber nicht, sondern sie gingen auf die Person los, weil sie ihr misstrauten. Schliesslich ist das Leben einfacher und bequemer, wenn es unhinterfragt bleibt.

«Downsizing»
«Downsizing» © Paramount Pictures

Das Höhlengleich zeigt, dass sich der Mensch von seinen Vorurteilen und Meinungen lösen und zur wahren Erkenntnis streben soll. In Platons gesamter Philosophie steht die Sonne sinnbildlich für das Gute, das Wahre und das Schöne, also für die wichtigsten Dinge.

Truman Burbank durchlebt im Film The Truman Show nichts anderes als Platons Höhlengleichnis. Er bemerkt von Zeit zu Zeit Mängel in der vermeintlich perfekten Welt, merkwürdige Regelmässigkeiten und dergleichen. Nachdem das TV-Projekt aufgeflogen ist, steigt Truman im wörtlichen Sinne eine Himmelstreppe hoch, die ihn an die Oberfläche, das heisst, aus dem TV-Studio führt. Vielmehr Platon geht nicht. Der Name Truman - true man - ist Programm. Truman erkennt die Wahrheit, er will sie erkennen.

Downsizing geht noch einen Schritt weiter. Nicht nur, dass sich viele Menschen freiwillig verkleinern, einsperren und in eine Scheinwelt führen lassen, was ihre effektiven Möglichkeiten in der Welt stark einschränkt. Leute wie Paul Safranek downsizen sich wegen des Geldes, also aus materiellen, nicht ideellen Gründen. Für Platon wäre das wahrscheinlich sehr verachtenswert.

«Downsizing»
«Downsizing» © Paramount Pictures

Aber der Twist am Ende des Films stimmte Platon wohl wieder zufriedener. Einige der Geschrumpften wollen in einem tief in der Erde gebauten Bunker das Überleben der menschlichen Spezies sichern, weil diese aus ökologischen Gründen auszusterben droht. In einer Szene stehen eben jene Geschrumpften mit Paul an einem kleinen See und schauen der Sonne zu, wie sie hinter dem Horizont verschwindet.

Die Szene ähnelt dem Höhlengleichnis durchaus. Im Sinne Platons verschwindet hier also die Hoffnung auf das Gute, das Schöne und das Wahre, es geht nur noch um die eigene Sicherheit. Anschliessend gehen sie in einen Tunnel hinein, der sie in den Bunker führt. Quasi eine Höhle innerhalb einer Höhle (das Leben als Geschrumpfte). Das Streben nach Wahrheit, dem Guten und Schönen scheint also nicht deren Absicht zu sein. Paul hingegen entscheidet sich, bereits im Tunnel stehend, noch für das Leben an der Oberfläche. Das Wahre, Schöne und Gute kulminiert in seinem Fall in seiner Liebe, die draussen auf ihn wartet.

Somit zeigt Downsizing, wie wichtig Sicherheit für Menschen ist. Aber mit zu viel Sicherheit geht auch vieles verloren.

Thomas Abplanalp [abt]

Thomas schreibt seit 2015 als Freelancer Filmkritiken für Outnow. Kinematografisches impressioniert nämlichen ohnegleichen: Filmisches ist leidenschaftlich multiplex. Originalität und traumhafte Nostalgie orchestrieren wunderbar.

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