Kinosophie: Dystopie trifft auf Antike

«Divergent» ist eine typische Gesellschafts-Dystopie. Die fünf Fraktionen sollen für eine funktionierende Gesellschaft sorgen. Doch die Gerechtigkeit findet sich bei den Unbestimmten.

«Divergent» © Ascot Elite

Filme sind weit mehr als reine Unterhaltung. Als audiovisuelle Realisierung von Geschichten stellen und beantworten Filme die ganz grossen - und auch kleinen - philosophischen Fragen. in der Serie «Kinosophie» geht Freelancer Thomas diesen Fragen auf den Grund.

Wer einen Dreigänger essen möchte, wird sich bestenfalls im Voraus überlegen, welche Beilage in welchem Gang aufzutischen ist. Kaum jemand wünscht sich als Vorspeise Pommes Frites mit Schwarzwäldertorte, zum Hauptgang eine Kugel Vanilleeis mit Kopfsalat und als Nachspeise ein Schnitzel mit italienischer Salatsauce. Beim Essen gilt: Die Zutaten müssen harmonieren. Genau dasselbe gilt für den Menschen und die Gesellschaft. Zumindest gemäss Platon.

Platon, Philosoph der griechischen Antike, überlegte sich vor rund zweieinhalbtausend Jahren, wie der Mensch ein zufriedenes Leben führen kann und soll. So wie ein Dreigangmenü aus verschiedenen Zutaten und Beilagen besteht, setzt sich der menschliche Charakter aus verschiedenen positiven Eigenschaften, den «Tugenden», zusammen. Die wichtigsten vier Tugenden, «Kardinaltugenden» genannt, waren die Mässigung, die Tapferkeit, die Weisheit und die Gerechtigkeit. Harmonieren die ersten drei zusammen, ist der Mensch gerecht. Harmonieren die drei Speisen zusammen, kann von einem gelungenen Dreigänger gesprochen werden.

«Divergent»
«Divergent» © Ascot Elite

In Divergent ist die Stadt Chicago in verschiedene Fraktionen aufgeteilt. Diese Fraktionen verkörpern alle eine andere Tugend. Die Altruan stehen für die Mässigung, die Ferox für die Tapferkeit, die Ken für die Weisheit, die Candor für die Ehrlichkeit und die Amite für die Liebe. Die Ähnlichkeit zu den Kardinaltugenden fällt sofort auf.

Interessanterweise fehlt aber die Gerechtigkeit als Fraktion. Doch das passt im Sinne Platons perfekt zum Film, denn die dargestellte Gesellschaft ist schliesslich alles andere als gerecht. Wer weiss das besser als die Unbestimmten. Dabei scheinen gerade die Unbestimmten die verschiedenen Tugenden in sich zu vereinen. Bei der Protagonistin Tris kommen alle Fraktionen - welch grosse Überraschung! - gleichermassen zum Zug. Sie verkörpert also im Sinne Platons die Gerechtigkeit. Dass Tris während eines Trainingsspiels die Siegesfahne in der Luft schwenkt und dabei wie die französische Nationalfigur Marianne aussieht, verdeutlicht ihren gerechten Charakter zusätzlich.

«Divergent»
«Divergent» © Ascot Elite

Doch das ist noch nicht genug Platon. Der Grossmeister der abendländischen Philosophie übertrug diese Überlegung auf seine Staatsvorstellung. Der ideale Staat setzt sich seiner Ansicht nach aus drei Ständen zusammen. Ein oder mehrere Philosophen sollen herrschen, ein Wächterstand sorgt für die Sicherheit und der Bauern- und Handwerkerstand sorgt für das leibliche Wohl. Dabei entspricht der Herrscherstand der Weisheit, der Wächterstand der Tapferkeit und der Bauernstand der Mässigung.

Ähnlich kommt Divergent daher. Die Altruan verkörpern den Bauernstand, die Ferox den Wächterstand und die Ken den Herrscherstand. Anders als bei Platon besteht im dystopischen Chicago keine Hierarchie, sondern eine Heterarchie mit zwei zusätzlichen Fraktionen, die für die Justiz und die Kunst stehen. Die Kunst verachtete Platon und die Justiz gehörte wohl irgendwo in den Herrscher- oder Wächterstand. Aber eben, auch wenn sich eine Fraktion sogar die Liebe auf die Fahne schreibt, an Gerechtigkeit fehlt es, weil die Fraktionen eben nicht miteinander harmonieren, sondern konkurrieren. Mit Platons Gedanken lässt sich also Divergent als Gesellschafts-Dystopie begründen - und warum Pommes Frites und Schwarzwäldertorte nicht gleichzeitig gegessen werden sollten.

Thomas Abplanalp [abt]

Thomas schreibt seit 2015 als Freelancer Filmkritiken für Outnow. Kinematografisches impressioniert nämlichen ohnegleichen: Filmisches ist leidenschaftlich multiplex. Originalität und traumhafte Nostalgie orchestrieren wunderbar.

  1. Artikel
  2. Profil
Teilen
Auf Facebook teilen  Auf Twitter teilen 
Datum
Quelle
OutNow
Thema