Kinosophie: Warum nicht jeder Joker raucht

Sowohl in «The Dark Knight» wie auch in «Joker» erleben wir zwei bemerkenswerte Jokerfiguren. Deren (nicht vorhandener) Zigarettenkonsum verrät dabei viel über das vermittelte Weltbild der Filme.

Joaquin Phoenix in «Joker» © Warner Bros.

Filme sind weit mehr als reine Unterhaltung. Als audiovisuelle Realisierung von Geschichten stellen und beantworten Filme die ganz grossen - und auch kleinen - philosophischen Fragen. in der Serie «Kinosophie» geht Freelancer Thomas diesen Fragen auf den Grund.

Bereits seit einigen Jahren rauchen in Filmen gefühlt nur noch die Bösewichte. Doch der metaphorische Gehalt der Glimmstängel sollte - je nach Inszenierung - nicht unterschätzt werden. Der Joker in The Dark Knight raucht nicht, der Joker in Joker hingegen häufig. Das hat viel mit Schicksal zu tun.

Der Psychologe Burrhus Frederic Skinner (1904-1990) gilt als einer der bekanntesten Vertreter des Behaviorismus. Diese Theorie geht davon aus, dass das menschliche Verhalten durch äussere Umstände bestimmt wird. Ein Reiz wirkt auf jemanden ein, löst in diesem Menschen irgendetwas aus - Skinner spricht hier von einer Black Box - und daraus folgt eine Verhaltensänderung. Wenn beispielsweise ein leckeres Stück Schokoladenkuchen vor einem auf dem Tisch steht, der Reiz, führt dies dazu, dass einem das Masser im Mund zusammenläuft und man unbedingt in diesen Kuchen reinbeissen möchte, die Verhaltensänderung. Beim Rauchen zeigt sich dasselbe. Sinkt der Nikotingehalt bei Rauchenden unter ein gewisses Niveau, möchte zur nächsten Zigarette gegriffen werden.

«Joker»
«Joker» © Warner Bros. Ent. All Rights Reserved.

Skinner geht noch einen Schritt weiter. Wenn das menschliche Verhalten tatsächlich von äusseren Reizen geprägt wird, dann steht es nicht gut um den freien Willen. In einem seiner Texte verdeutlicht er das anhand einer Streichholzschachtel. Eine Person hält eine Streichholzschachtel in der Hand und fragt die andere Person, ob sie sie wohl fallen lässt oder nicht. Die beiden diskutieren lange hin und her. Es könnte beispielsweise sein, dass die Person die Schachtel fallen lässt, weil die andere Person von der anderen glaubt, dass sie das nicht tut, die Person aber gerade die Erwartungen durchbrechen möchte und die Schachtel deshalb fallen lässt. Gemäss Skinner zeigt bereits dieses Beispiel, wie das menschliche Verhalten von äusseren Reizen, hier unter anderem die Erwartungen der anderen Person, geprägt wird. Das Leben ist also vorherbestimmt, determiniert. Man könnte auch von Schicksal sprechen.

Joker zeigt genau diesen Determinismus. Bereits in der Eingangsszene wird der Joker verprügelt. Später auch in der U-Bahn. Seine Mutter ist krank. Ihm fehlt das Geld, ihr Medizin zu kaufen. Er wird ständig ausgelacht. Die gesamte Handlung entspricht einem Psychogramm und zeigt im Grossen und Ganzen nichts anderes als die vermeintlichen Einflüsse, Reize, die dazu führen, dass der Joker im letzten Teil des Films das tut, was er tut. Eine Tendenz, die, nebenbei bemerkt, in vielen Filmen der letzten Jahre zu sehen ist. Deshalb überrascht es nicht, dass dieser Joker raucht.

«The Dark Knight»
«The Dark Knight» © 2008 Warner Bros. Ent. / TM & © DC Comics

Das Gegenteil stellt man in The Dark Knight fest. Alfred formuliert hier auf den Punkt, als er über den Joker spricht: «Einige Menschen wollen die Welt einfach nur brennen sehen.» Auch der Joker selbst sieht sich als Verkörperung des Chaos, was durchaus als Gegenteil einer deterministischen Welt gesehen werden kann. Zwar erklärt der Joker in einigen Szenen, wie er zu seinen Narben gekommen ist, was sein Verhalten ansatzweise erklären könnte, doch Christopher Nolan lässt den Joker nur über diese Vergangenheit sprechen. Im Film selbst ist ausschliesslich ein Chaos liebender Irrer zu sehen. Der Joker wird also nicht psychologisiert. Die Ablehnung des vorherbestimmten Lebens wird in The Dark Knight vor allem anhand des Dilemmas mit den Schiffen deutlich. Augenscheinlich gibt es nur zwei Möglichkeiten (Determinismus), aber letzten Endes passiert etwas anderes. Dieser Film vermittelt also kein Weltbild eines vorherbestimmten Lebens, der menschliche Wille ist frei. Dieser Joker raucht entsprechend nicht.

«The Dark Knight»
«The Dark Knight» © 2008 Warner Bros. Ent. / TM & © DC Comics

Ob das menschliche Leben wirklich vorherbestimmt ist oder der freie Wille dennoch einen gewissen Stellenwert besitzt, kann an dieser Stelle nicht abschliessend beantwortet werden. Aber bräuchte Joker eine Hymne, so wäre das wohl Mani Matters «Zündhölzli».

Thomas Abplanalp [abt]

Thomas schreibt seit 2015 als Freelancer Filmkritiken für Outnow. Kinematografisches impressioniert nämlichen ohnegleichen: Filmisches ist leidenschaftlich multiplex. Originalität und traumhafte Nostalgie orchestrieren wunderbar.

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