Kinosophie: Es Freud einen!

«Harry Potter», «The Lord of the Rings» und «The Lion King» gehören zu den populärsten Filmen aller Zeiten. Ein Blick in die menschliche Seele kann eine Erklärung für dieses Phänomen liefern.

Ron, Harry und Hermine aus Harry Potter and the Goblet of Fire © Warner Bros. Ent., Publishing Rights © J.K.R.

Filme sind weit mehr als reine Unterhaltung. Als audiovisuelle Realisierung von Geschichten stellen und beantworten Filme die ganz grossen - und auch kleinen - philosophischen Fragen. in der Serie «Kinosophie» geht Freelancer Thomas diesen Fragen auf den Grund.

Überspitzt formuliert, kann die Handlung von Harry Potter, Lord of the Rings und The Lion King in jeweils einem Wort zusammengefasst werden: Schulalltag, Wanderung, Brudermord. Die Handlung kann also nicht das Erfolgsgeheimnis dieser Filme sein, obschon der Soundtrack die Geschichten jeweils in epische Sphären spielt. Eine mögliche Erklärung kann beim Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud (1856-1939), gefunden werden.

Die genannten und viele weitere Filme verbindet vor allem etwas: eine dreiteilige Figurenkonstellation. Diese Dreifaltigkeit entspricht erstaunlich häufig der Aufteilung der menschlichen Seele gemäss Freud. Seiner Ansicht nach trägt jeder Mensch ein «Es» in sich. Freud spricht teilweise von der Bestie. Dieses Es steht für den animalischen, triebgesteuerten Teil. Verschlingen wir eine ganze Tafel Schokolade, trinken wir einen über den Durst, prügeln wir uns mit jemandem, dann liegt das am grossen Einfluss des Es.

Da der Mensch aber kein rein instinktives Lebewesen ist, bedarf er einer Kompensation. Freud nennt diesen Teil des Menschen das Über-Ich. Das Über-Ich kann als moralische Instanz in uns gesehen werden. Sie ist sozusagen das gute Gewissen, das einem sagt, was getan werden sollte oder eben nicht. Hier kommt also die vernünftige Seite des Menschen zum Zug. Selbst wenn man sich über laut raschelnde und schmatzende Zuschauer im Kino aufregt, endet der Kinobesuch nicht in einer John-Wick-würdigen Prügelei, weil das Über-Ich uns daran hindert.

Vielleicht gleitet einem in dieser Situation ein einigermassen vulgärer Ausdruck über die Lippen. Hier kommt der dritte Teil des Menschen dazu, nämlich das Ich. Das Ich im Sinne Freuds entspricht schlichtweg der effektiv ausgeführten Handlung, also dem Kompromiss zwischen dem Es und Über-Ich. Dass teilweise das Es dominanter als das Über-Ich oder umgekehrt ist, können wohl die meisten aus ihren Erfahrungen bestätigen.

«The Lord of the Rings: The Return of the King»
«The Lord of the Rings: The Return of the King» © Studio / Produzent

Und genau das verbindet die genannten Filme. Während Ron Weasley der eher gedankenverlorene, verfressene Freund Harry Potters und somit das Es ist, übernimmt Hermione häufig die Funktion der vernünftigen, warnenden Stimme in Form des Über-Ichs. Und das eine Mal hört Harry eher auf Ron, das andere Mal eher auf Hermione. Seine Figur verkörpert entsprechend das Ich.

Während Gollum nur getrieben handelt («Mein Schatz...»), mahnt Sam immer wieder zu Vorsicht. Frodo wiederum hält sich manchmal mehr an Gollum, manchmal mehr an Sam. Auch hier findet sich also die Dreiteilung von Es, Über-Ich und Ich. Bei The Lion King stehen Timon und Pumbaa für das Es, Zazu für das Über-Ich und Simba für das effektive Ich.

Vielleicht lieben so viele Menschen diese Filme, weil die darin handelnden Figuren die menschliche Natur in ihre Nuancen aufdröseln und so unsere gesamte Natur als Menschen ansprechen. Dass Stephen Kings Pennywise «Es» genannt wird, hätte Freud bestimmt Freude bereitet.

Thomas Abplanalp [abt]

Thomas schreibt seit 2015 als Freelancer Filmkritiken für Outnow. Kinematografisches impressioniert nämlichen ohnegleichen: Filmisches ist leidenschaftlich multiplex. Originalität und traumhafte Nostalgie orchestrieren wunderbar.

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