Kinosophie: Natur vs. Kultur

In einer Gesellschaft zu leben bedeutet, gewisse Regeln und Normen zu befolgen. Aber wie sähe das Leben der Menschen ohne Gesellschaft aus? «The Hunger Games» und «Maze Runner» liefern Antworten.

«Maze Runner» © 20th Century Studios

Filme sind weit mehr als reine Unterhaltung. Als audiovisuelle Realisierung von Geschichten stellen und beantworten Filme die ganz grossen - und auch kleinen - philosophischen Fragen. in der Serie «Kinosophie» geht Freelancer Thomas diesen Fragen auf den Grund.

Für viele Menschen auf der Welt zeichnet sich das gesellschaftliche Leben im 21. Jahrhundert durch eine grosse digitale Vernetzung und einen Überfluss an Informationen aus. Morgens checkt man die Nachrichten auf mehreren News-Portalen, danach folgt ein Youtube-Video, und die Feierabendplanung mit Freunden passiert via Gruppenchat, bevor nur ein Fuss das Bett verlässt. Auf dem Arbeitsweg im Zug nippt man noch gemütlich am soeben gekauften Kaffee-to-go. Nicht vergessen werden darf die freundliche Frage im vollen Zug, ob der Platz da noch frei sei. Man will schliesslich nicht für Unmut sorgen. Aber was wäre, wäre das alles nicht?

Viele Leute stellten sich bereits die Frage, wie das Leben aussähe von Menschen ohne Gesellschaft, das heisst ohne Gesetze, ohne Sitten, ohne Städte, ohne Infrastruktur, kurz: ohne alles. The Hunger Games von Gary Ross und Maze Runner von Wes Ball beantworten die Frage ganz im Sinne zweier weltberühmter Denker.

Gemäss dem britischen Philosophen Thomas Hobbes (17. Jahrhundert) verfolgen alle Menschen im Naturzustand dasselbe Ziel, die Selbsterhaltung. Weil die Ressourcen knapp sind und keine Gesetze das menschliche Miteinander regeln, begegnen sich Menschen argwöhnisch. Deshalb strebt jeder einzelne nach möglichst grosser Macht, um die anderen einzuschüchtern und in Ruhe leben zu können. Weil das aber alle versuchen, folgt so letzten Endes ein Krieg, der jeder gegen jeden führt. Hobbes spricht hier vom «Krieg aller gegen alle».

«The Hunger Games»
«The Hunger Games» © Studio / Produzent

Die Hungerspiele in The Hunger Games visualisieren dieses Gedankenexperiment zwar ästhetisch aufpoliert, aber inhaltlich im Sinne Hobbes': Es sind nicht genügend Waffen und Nahrungsmittel für alle vorhanden, die Teilnehmenden brauchen sich an keine Regeln zu halten und das Ziel besteht im Überleben. Dafür müssen alle anderen getötet werden.

Ebenfalls im Sinne Hobbes' schliesst sich Katniss Everdeen mit Peeta Mellark und anderen zusammen, um sich gegen Feinde zur Wehr zu setzen. Auch das Machtstreben findet so seinen Platz in der Geschichte. Während der fiktive Naturzustand bei Hobbes sozusagen gott- oder naturgegeben ist, sorgt der Spielleiter in den Hungerspielen für das Setting. Das Leben des Menschen in diesem fiktiven Naturzustand gemäss Hobbes scheint somit alles andere als wünschenswert.

Ein bisschen anders sieht der Naturzustand gemäss dem Schweizer Philosophen Jean-Jacques Rousseau (18. Jahrhundert) aus. Seiner Ansicht nach bietet die Erde grundsätzlich genügend Ressourcen zum Überleben an. Zudem appelliert er an die Fähigkeit des Menschen, Mitleid mit anderen zu empfinden. Weil sich Menschen mit anderen identifizieren können, neigen sie dazu, anderen zu helfen. Wer beispielsweise schon einmal umgezogen ist, weiss, wie mühselig das Schleppen von Sofas in den vierten Stock ohne Fahrstuhl werden kann, sofern Unterstützung fehlt.

Deshalb hilft man Freunden (einigermassen) gerne beim Umzug. Und wenn sich Menschen in ähnlichen Lebensumständen befinden, wie bspw. der geografischen Lage, schliessen sie sich zusammen, um den Alltag einfacher zu gestalten. Ganz nach dem Motto: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Entsprechend kommt dieser gesamte Naturzustand ohne Krieg aus.

«Maze Runner»
«Maze Runner» © 2013 Twentieth Century Fox Film Corporation. All Rights Reserved.

Die Lichtung in Maze Runner verbildlicht diese Überlegungen Rousseaus. Zwar mussten und müssen sich Thomas, Newt, Gally, Alby und all die anderen zuerst mit der Situation anfreunden, doch letzten Endes gelingt ihnen ein naturverbundenes Leben in einer kleinen Gruppe.

Die Arbeit wird aufgeteilt, es gelten einige wenige Regeln und entstehen Konflikte, werden diese ausgetragen und auch wieder beigelegt. Wären nicht die Neugier, Angst und der äussere Druck (Organisation WCKD), könnten die Jungs und das Mädel in dieser kleinen, vermeintlich heilen Welt ganz ohne weitere gesellschaftliche Verpflichtungen und Möglichkeiten ein ruhiges und zufriedenes Leben im Sinne Rousseaus fristen.

Interessanterweise sorgt allein die Organisation WCKD für Probleme und Tote. WCKD steht in diesem Kontext für den grösseren gesellschaftlichen Einfluss auf den Menschen. Und auch da deckt der Film Rousseaus Gedanken ab: Das gesellschaftliche Leben schadet den Menschen aus vielerlei Gründen. Als konkretes Beispiel nennt Rousseau Krankheiten, die vorwiegend in der Gesellschaft aufgrund der ungesunden Lebensweise entstünden. Auch bei Maze Runner spielt ein Virus die zentrale Rolle.

Unabhängig davon, welche Argumentation einem mehr zusagt, zeigen die beiden Filme, dass der Naturzustand als Gedankenexperiment auf jeden Fall eines ist: spannend. Ob das Leben in der Gesellschaft oder im Naturzustand den Menschen mehr schadet, darüber lässt sich wohl am besten bei einem vollen Becher Kaffee auf dem Weg zur Arbeit im vollen Zug diskutieren.

Thomas Abplanalp [abt]

Thomas schreibt seit 2015 als Freelancer Filmkritiken für Outnow. Kinematografisches impressioniert nämlichen ohnegleichen: Filmisches ist leidenschaftlich multiplex. Originalität und traumhafte Nostalgie orchestrieren wunderbar.

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