Alltäglicher Festivalwahnsinn inmitten einer Pandemie

Freelancer Gianluca kämpfte sich in diesem Jahr durch das 74. Cannes-Filmfestival. «Kämpfen» ist dabei das richtige und entscheidende Wort, wie sein Erlebnisbericht zeigt.

© OutNow

Der Besuch eines Film Festivals ist für einen Journalisten zwar ein bedeutsames, wundervolles Erlebnis, doch er fordert immer auch viel Geduld, Stressresistenz und Durchhaltevermögen. Aufgrund der aussergewöhnlichen Pandemie-Situation ist das Abenteuer dieses Jahr grösser denn je.

«Der schwierigste Teil ist überstanden», denke ich mir, als ich noch ziemlich belämmert und körperlich eingeschränkt von der zweiten Covid-Impfung, die ich am Vortag erhalten habe, meine Unterkunft in Cannes erreiche. Voller Zuversicht blicke ich an diesem sonnigen Mittwochnachmittag meinem Highlight des Jahres entgegen. Dabei ahne ich nicht, was mir in den kommenden Stunden und Tagen noch alles blühen wird.

Erstes und wichtigstes Ziel: Abholen des Festival-Badges. Doch bereits dieses Unterfangen stellt sich im Pandemie-Alltag komplizierter als erwartet dar. Denn mein in der Schweiz absolvierter Antigentest wird beim Einlass der «Gare Maritime», wo die Akkreditierungen ausgehändigt werden, zunächst nicht akzeptiert. Erst nach langen Diskussionen und dem Einsatz höchster Überredungskunst, wird mir schlussendlich Einlass gewährt und kurz darauf halte ich stolz und glücklich meine Presse-Akkreditierung in der Hand.

In den kommenden Tagen werden meine OutNow-Gefährten und ich regelmässig sogenannten Saliva «Spucktests» unterzogen. Auch längst geimpfte Schweizer haben das Problem, dass ihr Covid-Zertifikat von den französischen Behörden während der ersten Festivalhälfte nicht anerkannt wird. Und weil einige Kinosäle und auch der Palais mit dem Pressezentrum entweder Test oder Zertifikat für den Einlass verlangen, bleibt den Schweizern nichts anderes übrig als ordentlich zu spucken. Ordentlich deshalb, weil es gar nicht so einfach ist, einen solchen Plastikbehälter zu füllen. Bei der Hitze draussen, bleibt einem schnell mal die Spucke weg. Und abgesehen davon ist das Prozedere auch nicht gerade appetitlich. Ein negativer Test hat jeweils 48 Stunden Gültigkeit. Somit müssen die Spucktermine alle zwei Tage aufs Neue vereinbart werden.

Diese Termine zu koordinieren ist anspruchsvoll, zumal dies neben den täglich mehreren Screenings, der journalistischen Arbeit und der Verpflegung geschehen muss. Noch viel schwieriger zu koordinieren ist jedoch die Online-Ticketbuchung zu den Kinovorführungen. Anders als in vergangenen Jahren, in denen sämtliche Akkreditierten sich einfach vor den Kinosälen in die Schlange stellten und je nach Badge-Kategorie bessere oder schlechtere Chancen auf einen Einlass hatten, muss dieses Jahr für jede Vorführung ein Ticket im Voraus gebucht werden. Mit spezifischen Einlasszeiten sollen so grössere Ansammlungen vor den Kinos vermieden werden. Doch auch hier gilt: Höhere Badge-Kategorie, bessere Chancen. Immerhin besteht auch die Möglichkeit, sich kurz vor einem Screening in die Last-Minute-Schlange zu stellen, um sich so noch Chancen auf den Einlass zu verschaffen. Auf diesem Weg bin ich auch schon in Shorts und T-Shirt über den Red Carpet gespurtet, um mich direkt hinter Cast und Crew eines finnischen Wettbewerbsbeitrages in den Saal zu schleichen.

In der heutigen Zeit selbsterklärend ist, dass rund um das Festivalgelände eine Maskenpflicht gilt. Dank all den getroffenen Sicherheitsmassnahmen erlaubt sich das Festival gar, ihre Kinosäle bis auf den letzten Platz zu füllen. Kurios wird dabei jedoch ab Mitte des Festivals die Belegung der Balkonplätze in den grossen Sälen gehandhabt. Bei nicht komplett ausgebuchten Vorstellungen soll zuerst das Parterre bis auf den letzten Platz belegt werden, bevor der Balkon öffnet. Was für eine geniale Schnapsidee! Social Distancing war gestern… Lieber die Leute auf einen Haufen zusammenquetschen und dafür beim Putzpersonal sparen!

Darüber haben sich nicht wenige erzürnte Journalisten lauthals beklagt. Und der OutNow-Crew ist damit leider der heiss geliebte Stammplatz in der Salle Debussy - Balkon, hinterste Reihe (wie bei den Cool Kids auf Schulreise im Bus) - mehrfach verweigert worden. Da hat auch das laute Skandieren des Schlachtrufs «Stammplatz! Stammplatz! Stammplatz!» nichts mehr geholfen.

Der organisatorische Aufwand von Seiten des Festivals ist dieses Jahr wohl grösser als jemals zuvor gewesen und es ist bemerkenswert, welche Bemühungen für eine reibungslose Durchführung angestellt worden sind. Gleichzeitig ist es aber fragwürdig, wieviel solche Vorkehrungen tatsächlich helfen, wenn sich die Festivalteilnehmer ausserhalb des Geländes in vollgestopfte Linienbusse begeben und sich durch die Menschenmassen direkt vor dem Red Carpet bewegen.

Und auch für die Teilnehmer des Festivals hat die Situation in vielerlei Hinsicht einen Mehraufwand dargestellt. Es fordert ein hohes Mass an Geduld und Stressresistenz, einen solchen Event durchzustehen. Aber zahlreiche Aspekte machen es wert, dies über sich ergehen zu lassen: Das Privileg, zahlreichen Weltpremieren von zukünftigen Kinofilmen beizuwohnen. Die Reaktionen der internationalen Presse direkt mitzuerleben. Die magische Atmosphäre vor dem Red Carpet und dem Palast direkt am Meer zu geniessen. And last, but not least… Diese unvergesslichen Erlebnisse mit den Kollegen Chris, Simon, Yannick und Teresa zu teilen. Und so habe ich mich jeden Tag aufs Neue gefreut und dabei den Titel des ersten Songs aus dem Musical und diesjährigen Eröffnungsfilm Annette zitiert: «So May We Start?»

Gianluca Izzo [gli]

Gianluca ist seit 2013 als Freelancer für OutNow tätig. Er liebt es, verborgene Perlen an Filmfestivals zu entdecken, insbesondere in Venedig. Neben seinem Faible für italienische und skandinavische Filme bewundert er die Werke von Scorsese, Lynch, Villeneuve und Chazelle sowie die Bond-Klassiker.

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