Kinosophie: Schokolade geniessen

In der neuen «Kinosophie»-Folge analysiert unser Freelancer Thomas das Marvel-Sequel «Spider Man - Far From Home» aus einer philosophischen Perspektive. Und kommt dabei auf interessante Schlüsse.

Tom Holland und Jake Gyllenhaal in «Spider-Man: Far From Home» © Sony Pictures Releasing Switzerland GmbH

Filme sind weit mehr als reine Unterhaltung. Als audiovisuelle Realisierung von Geschichten stellen und beantworten Filme die ganz grossen - und auch kleinen - philosophischen Fragen. in der Serie «Kinosophie» geht Freelancer Thomas diesen Fragen auf den Grund.

Peter Parker half als Avenger bei der Rettung der Erde, mit zarten sechzehn Jahren. Da scheint es nur verständlich, möchte er seine Klassenfahrt geniessen. Dass er als Superheld lieber den Fokus auf seine Klassenfahrt legt und nicht auf die Verhinderung eventueller Bedrohungen, zeigt deutlich, wie Jugendliche ticken: Auch wenn sie in der Schule tagtäglich aufmerksam sein und ihre Leistung liefern sollten wie Peter Parker als Spider Man, so passiert in ihren Gedanken etwas ganz anderes; nämlich Mädchen und Jungen.

Die Welt um sie herum mag brennen oder versinken, letzten Endes zählt nur die Aufmerksamkeit des Schwarms. Dass das zu grobe Herausreissen aus den eigenen Problemen, das zu frühe Aufbürden grosser Verantwortung und das Schauen der Welt durch die Brille eines Erwachsenen ein junger Erwachsener nicht problemlos bewältigen kann, überrascht nicht.

Vor allem die Barszene zwischen Mysterio und Peter Parker verdeutlicht diesen inneren Konflikt in Jugendlichen par excellence. Auf der einen Seite sitzen sie in einer Bar, einem Etablissement, das für Erwachsene gedacht ist, auf der anderen Seite trinkt Peter seine Limonade mit kindlicher Haltung und Strohhalm. Zudem sitzt neben ihm ein heldenhaftes Mannsbild in Person von Mysterio, bei dem sich viele kleine Jungen wohl wünschen, auch einmal so zu werden: ein wallender Umhang, breite Schultern, kantiges und bärtiges Gesicht.

Peter befindet sich in dieser Barszene im Hauptkonflikt eines jeden jugendlichen Menschen: Einerseits will man auch so erwachsen und cool sein, andererseits möchte man mit seinen Freunden spielen und seinen Schwarm anhimmeln gehen.

Doch der Film geht ab dieser Barszene noch weiter und verlässt den Bereich des Individuellen hin zur Gesellschaft. Die Umwälzung durch die Digitalisierung wird das Zusammenleben unter Menschen vielerorts auf den Kopf stellen. Technische Fortschritte und Entwicklungen erlauben schon jetzt und werden in Zukunft noch mehr Dinge erlauben, von denen lange Zeit nur geträumt werden konnte.

Die dystopischen Elemente des Films beruhen allesamt auf digitalem Fortschritt und zeigen das Pubertierende der Gesellschaft: Alles, was irgendwie geht, soll ausprobiert werden, Grenzen sollen getestet und überwunden werden, ohne an die Konsequenzen oder Schäden zu denken. So wie es Jugendliche auch tun, sei es in Bezug auf ihre Bekleidung, ihr Konsum- und Ausgehverhalten oder auch im Verhalten gegenüber anderen Menschen. Grenzen werden ausgetestet. Schliesslich muss der eigene Platz im Leben gefunden werden.

Das Problem dieses Austestens der Grenzen auf digitaler Ebene scheint aber nach hinten loszugehen, wie Jon Watts mit eindrücklichen CGI-Effekten zeigt. Spätestens seit Kant wüsste die Gesellschaft um den Wert von aufgeklärtem Gedanken. Geht es um die Digitalisierung, wird dieses jedoch ausgeblendet.

Spider Man - Far From Home zeigt uns, dass wir als Gesellschaft entscheiden sollten, welche technischen Möglichkeiten auch wirklich umgesetzt werden sollten. Und welche nicht. Es ist wie beim Essen: Nur weil man eine ganze Tafel Schokolade essen kann, muss man sie nicht vollständig verschlingen. Schliesslich würde einem danach schlecht. Besser scheint es, ein zwei Stücke bewusst zu geniessen und entsprechend sinnvoll zu geniessen.

Thomas Abplanalp [abt]

Thomas schreibt seit 2015 als Freelancer Filmkritiken für Outnow. Kinematografisches impressioniert nämlichen ohnegleichen: Filmisches ist leidenschaftlich multiplex. Originalität und traumhafte Nostalgie orchestrieren wunderbar.

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Kommentare Total: 1

solanumnigrum

Hier eint sich ein wahres Wort mit dem jugendlichen Verstand.
Wonach verzehrt sich das Herz? Ist es die Möglichkeit, der Welt gutes zu tun? Oder will man sich selbst etwas gutes tun?
Der Gedanke ist's, welcher einem den ersten Anstoss zur Tat schenkt. Peter Parkers Gedanken schweben in verschiedene Richtungen.
Er wird geleitet, schwankt zwischen dem, was richtig zu sein scheint und jenem, was in seinen Augen wichtig ist. Sind wir nicht alle irgendwann in unseren Leben von radioaktiven Spinnen gebissen? Nur so kann ich mir erklären, warum man oft tut, was in den eignen Augen richtig ist, selbst wenn unser Gefühl uns an einen anderen, besseren Ort oder in eine andere Zeit weist.

Wie oft lassen wir uns beeinflussen, sei es im Kindesalter von der eigenen Mutter oder sei es an einem Bartresen von einer uns fremden, mysteriösen Figur. Es liegt in unserer Natur, dem zu folgen was wir sehen und dem zu glauben, was wir fühlen. Selbst wenn wir "nur" den Schmelz eines Täfelchens Schokolade fühlen dürfen. Ich glaube an Schokolade.

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