«Mit der Erschöpfung kommen die besten Ideen»: Das NIFFF-Interview mit Loïc Valceschini

Nachdem das coolste Filmfestival der Schweiz im letzten Jahr nicht physisch stattfinden konnte, ist es nun zurück. Wir sprachen mit dem künstlerischen Leiter des Festivals über die 20. Ausgabe.

Loïc Valceschini an der Pressekonferenz © MiguelBueno/NIFFF

Habt ihr viele durch Corona beeinflusste Filme schauen müssen? Also Filme, in denen Zoom und Masken grosse Rollen spielten?
Es gab ein paar, doch zum Glück nicht allzu viele. Andere wiederum waren klar von Covid-19 beeinflusst, wie Ben Wheatleys In the Earth, welchen wir im Internationalen Wettbewerb zeigen. Im Film geht es nicht explizit um Covid, er zeigt aber auf, was so eine Pandemie mit einem Menschen machen kann. Ein Horrorfilm über Isolation und das Zurückfinden zu einer Spiritualität. Ein sehr interessanter Film.

Was sind so die Geheimtipps im diesjährigen Line-up?
Von den weniger bekannten Filmen kann ich Knocking sehr empfehlen. Die subjektive Erzählart und das Mise en Scène haben mich umgehauen. Ich bin richtig mitgegangen bei dieser Abwärtsspirale, in welcher sich die Protagonistin wiederfindet.

Aus der Asien-Sektion kann ich Beyond the Infinite Two Minutes wärmstens empfehlen, welcher mich recht an One Cut of the Dead erinnert. Beide haben ein simples, aber gut durchdachtes Konzept. In Beyond the Infinite Two Minutes geht es um Mensche, die sich selbst zwei Minuten in der Zukunft sehen können. Das klingt zwar nicht gerade spektakulär, aber wie die Filmemacher mit diesem Konzept spielen und die unterschiedlichen Möglichkeiten aufzeigen, macht grossen Spass.

Im Programmheft habt ihr jeweils immer diese kreativen Genrebezeichnungen, wie «Twisted Cluedo Comedy» (Werewolves Within) oder «Therapeutic Murder Party» (Vicious Fun). Wie kommt ihr nur auf solche Dinge?
Wir haben grossen Spass mit diesen Genres, aber sie sollen in erster Linie effektiv sein. Die Zuschauer sollen anhand der Genrebezeichnungen gleich wissen, um was genau für eine Art Film es sich handelt. Meistens entsteht dieser Teil ganz am Ende, wenn wir das Programm schon zusammenhaben. Mit der Erschöpfung kommen die besten Ideen. (lacht)

Der Grossteil der Filme ist in Neuchâtel zu sehen, doch trotzdem kann man 17 Langfilme und vier Kurzfilmprogramme von zuhause aus streamen. Wie funktioniert das genau mit dem Streaming in diesem Jahr?
Zu jedem Streaming-Film haben wir 400 virtuelle Tickets - im letzten Jahr hatten wir zu jedem Film 1000 Tickets, da das Festival gar nicht physisch stattfinden konnte. Jetzt, da wir wieder Filme in den Kinos von Neuchâtel zeigen können, war 400 virtuelle Tickets für uns ein guter Kompromiss. Sollten jedoch nach wenigen Tagen schon alle virtuellen Tickets aufgebraucht sein, haben wir die Möglichkeit, mehr Tickets freizuschalten. Fast alle Streaming-Filme werden ab dem 2. Juli, um 00:01 auf unserer Webseite abrufbar sein. (Anm.d.Red.: Die Ausnahme ist Tides, der erst ab dem 8. Juli gestreamt werden kann).

Weshalb sollen die Leute aber trotzdem nach Neuchâtel reisen?
Weil einen Film mit einem Publikum zu sehen immer noch etwas komplett anderes ist - besonders mit unserem sehr lebhaften Publikum. (lacht)

Ihr werdet auch wieder Filme unter freiem Himmel zeigen - jeweils immer einen um 22:00 und einen nach Mitternacht. Habt ihr keine Angst vor wütenden Anwohnern?
Das nicht, denn für die Filme nach Mitternacht verteilen wir Kopfhörer, die den Ton des Filmes ausgeben werden. Und Ja: wir werden viel Desinfektionsmittel für die Reinigung dieser Kopfhörer verwenden. (lacht)

Das 20. NIFFF findet vom 2. bis zum 10. Juli 2021 statt. OutNow wird auch in diesem Jahr vom Festival berichten.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. E-Mail
  4. Twitter
  5. Letterboxd
Teilen
Auf Facebook teilen  Auf Twitter teilen 
Datum
Quelle
OutNow
Thema