«Das ist ein echter Feel-Good-Actionfilm»: Unser «Nobody»-Interview mit Regisseur Ilya Naishuller

Wir sprachen mit dem russischen Regisseur über seinen ersten Hollywoodfilm, Inspirationen aus dem fernen Osten und klärten die Frage, wen Hutch Mansell und John Wick gemeinsam bekämpfen sollten.

Ilya Naishuller (zweite Person von rechts) am Set von «Nobody» © Universal Pictures International Switzerland

Vor sechs Jahren hat Ilya Naishuller die OutNow-Crew fast zum Kotzen gebracht - dabei waren wir bis zu einem gewissen Grad noch selber schuld. Als der russische Regisseur und Musiker am Toronto-Filmfestival 2015 seinen durchgeknallten POV-Actionfilm Hardcore Henry vorstellte, setzten wir uns nämlich freiwillig in die dritte Reihe und wurden bei diesem wilden Actioner fast seekrank. Eine Tatsache, über die sich Naishuller sehr amüsiert zeigt, als wir ihm beim Interview zu Nobody von diesem Erlebnis erzählen. «Sharlto Copley und ich witzelten vor der Vorstellung, dass die ersten drei Reihen wohl zur Splash Zone wird.»

Nachdem er die letzten Jahren vor allem mit der Musik beschäftigt war (er selbst spielt in der Rockband «Biting Elbows»), inszenierte er mit Nobody seinen zweiten Langfilm und gibt damit gleich auch sein Hollywooddebüt. In dem Actionfilm zeigt er, wie ein einfacher Familienvater plötzlich zum Actionhelden wird. In der Hauptrolle ist dabei niemand Geringeres als Bob Odenkirk zu sehen, der vielen als Anwalt Jimmy «Saul Goodman» McGill aus den Serien Breaking Bad und Better Call Saul bekannt ist. Eine sehr ungewöhnliche Wahl für einen Actionfilm, wobei für Naishuller dabei genau auch der Reiz lag.

Was war das Erste, was du gedacht hast, als du hörtest: «Bob Odenkrik, Actionstar!»
Meine Neugierde war definitiv geweckt. Als ich das Skript bekam, war schon klar, dass Bob die Hauptrolle spielen wird. Beim Durchlesen konnte ich ihn mir so schon in der Rolle vorstellen. Noch bevor ich überhaupt fertig mit Lesen war, war für mich klar, dass ich diesen Film drehen möchte. Meinem Agenten habe ich vor Jahren gesagt, dass, wenn ich mal einen amerikanischen Actionfilm drehen soll, dann nur mit einem unerwarteten Hauptdarsteller. Meine Gebete wurden erhört. (lacht)

«Nobody»
«Nobody» © Universal Pictures International Switzerland. All Rights Reserved.

Was waren deine Inspirationen bei den ziemlich harten Actionszenen? Bei der Bus-Schlägerei kam mir persönlich Oldboy in den Sinn. War dies ein Vorbild?
Grossartig, dass du Oldboy erwähnst. Das ist einer meiner Lieblingsfilme und so für mich ein riesiges Kompliment. Ich orientierte mich tatsächlich an südkoreanischen Thrillern, wo es mehrheitlich um den inneren Konflikt der Figuren geht. Zusammen mit Drehbuchautor Derek Kolstad und Bob Odenkirk haben wir uns Oldboy und auch A Bittersweet Life angesehen. Die Gewalt ist in diesem Filmen schnell und dreckig, wobei es aber immer um einen echten Menschen geht. Pathos und der Schmerz der Hauptfigur machen diese Filme so fantastisch. Das wollte ich auch für Nobody.

Hinter deinem Film stehen der Drehbuchautor und das Produzententeam der John Wick-Reihe. Ich frage dich jetzt nicht, wer in einem Kampf zwischen Hutch Mansell und John Wick gewinnen würde. Stattdessen möchte ich wissen, wen die beiden in einem Team-up-Movie bekämpfen sollen?
Hahaha, eine tolle Frage! Ich gebe dir recht, dass sich Hutch und John nicht bekriegen würden. Denn Hutch lernt in Nobody, wann er eine Sache tun soll und wann nicht. Mit John würde er sich deshalb nicht anlegen. Was ich sehen möchte: wie sich Hutch und John zusammenschliessen, um den Predator zu besiegen. Los, setzt das um, Hollywood! (lacht)

«Nobody»
«Nobody» © Universal Pictures International Switzerland. All Rights Reserved.

Was ist deiner Meinung nach der beste Actionfilm, der je gedreht wurde?
Wenn man sich nur einzelne Actionszenen ansieht, dann definitiv der Treppenhaus-Fight in Atomic Blonde. Wenn es aber um reine Action geht, dann kommt nichts an die beiden The Raid-Filme heran.

Nobody musste wegen der Pandemie ein paar Mal verschoben werden. Gab das dir im Schnittraum die Gelegenheit noch etwas am Feinschliff zu arbeiten?
Ja, wir konnten die unerwartete Verzögerung nutzen. Wir machten den Film eine Spur kompakter und haben im zweiten Akt dank der gewonnenen Zeit eine Lösung für ein Problem gefunden, an dem wir lange herumstudierten. Es ist schräg, so etwas zu sagen, wenn man weiss, was alles 2020 passiert ist, aber für uns hatte es etwas Gutes.

Jetzt, da die Kinos wieder geöffnet sind: Wieso sollen sich die Menschen Nobody auf der grossen Leinwand ansehen?
Ich denke, dass man bei Nobody eine tolle Zeit hat. Ich würde sogar sagen, dass man am Ende mit einer besseren Laune rauskommt, als man zuvor in das Kino hineingekommen ist. Es ist trotz der Rohheit, der Gewalt und des Realismus ein echter Feel-Good-Actionfilm, ein Crowdpleaser.

Nobody läuft aktuell in den Schweizer Kinos. Zum Kinoprogramm.

© Universal Pictures

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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