Meinung: Wieso Netflix' «Knives Out»-Deal eine Katastrophe ist

450 Millionen Dollar wird sich der Streaminggigant zwei Fortsetzungen zu «Knives Out» kosten lassen. OutNow-Redaktionsleiter und «Knives Out»-Fan Christoph macht dies jedoch gar nicht glücklich.

«Knives Out» © Impuls Pictures AG

Eine magische Weltpremiere

Toronto, 7. September 2019, kurz vor 18 Uhr: Mit einer grossen Portion Nervosität habe ich im als Kino umfunktionierten Theater «Princess of Wales» Platz genommen, um mit 2'000 anderen Leuten der Weltpremiere von Rian Johnsons Knives Out beizuwohnen. Wird der Film die Erwartungen erfüllen, die durch den Regisseur von Looper und Star Wars: The Last Jedi, den Cast (u. a. Daniel Craig, Jamie Lee Curtis und Chris Evans) und den gewitzten Trailer in den vergangenen Wochen geschürt wurden? Spätestens zwei Stunden und eine gut fünfminütige Standing Ovation später ist das Urteil eindeutig: Knives Out ist richtig, richtig, richtig toll geworden. Dieser Film macht grossen Spass, wobei auch die 1'999 Leute um mich herum eine sehr gute Zeit hatten und den Saal bei jedem Witz mit Lachen zum Beben brachten. Eine wahrlich magische Filmvorführung und ich freue mich darauf, das Erlebte auch noch in den Schweizer Kinos zu wiederholen. Denn diesen Film schaut man sich am besten zusammen mit ganz vielen Leuten an, deren Reaktionen ab den Twists und Jokes man als «Eingeweihter» genüsslich beobachten kann.

OutNow am Tatort: Bild von der «Knives Out»-Weltpremiere am Toronto International Film Festival
OutNow am Tatort: Bild von der «Knives Out»-Weltpremiere am Toronto International Film Festival © OutNow

Ein blöder Trend

Zürich, 1. April 2021, kurz vor 7 Uhr: Soeben habe ich die Nachricht gelesen, dass Rian Johnson und Co. die Rechte an dem zweiten und dritten Teil der Knives-Out-Serie an Netflix verkauft haben. Eigentlich müsste ich ja froh sein, dass ich nicht nur ein, sondern gleich zwei neue Abenteuer mit Daniel Craigs Benoit Blanc bekommen werde. Doch ich bin wütend. Denn mit dieser Nachricht wird nochmals unterstrichen, was ich schon länger befürchte.

Filme wie Knives Out sind in den letzten Jahren immer seltener geworden. Filme mit einem moderaten Budget, die nicht auf einem bereits bekannten Stoff wie zum Beispiel Comics oder Bestsellern basieren. Der Trend in Hollywood geht momentan eher dorthin, dass unterschieden wird zwischen Blockbustern mit Budget im dreistelligen Millionenbereich oder Miniproduktionen mit Budgets im einstelligen Millionenbereich. Bei letzteren Produktionen müssen man dann natürlich auch beim Marketing Abstriche gemacht werden. Wenn diese Filme dann nicht für irgendwelche Oscars nominiert werden, versinken sie meist schnell in der Versenkung. Mid-Budget-Movies wie Knives Out, der 40 Millionen Dollar kostete, verschwanden hingegen fast komplett von der grossen Bühne. Die grossen Studios argumentierten, dass das Risiko oft zu hoch sei und diese Filme Mühe hätten, ihr Budget wieder einzuspielen.

Rian Johnson am Set «Knives Out»
Rian Johnson am Set «Knives Out» © Impuls Pictures AG

Streamingdienste als Retter in der Not?

In die Bresche sprangen Streamingdienste wie Netflix, Apple TV+ oder Amazon Prime Video. In der Hoffnung von der Branche ernst genommen zu werden, finanzierte Netflix u. a. zwei Schwarzweissprojekte von bekannten Regisseuren (Roma, Mank) sowie Martin Scorseses Dreieinhalb-Stunden-Gangster-Epos The Irishman, welches zuvor bei Paramount wegen eines zu hohen Budgets abgelehnt wurde. Dass Paramount nervös wurde, ist verständlich, da das Studio zuvor für den Vertrieb von Scorseses Silence verantwortlich war, der nicht mal die Hälfte seines 50 Millionen Budgets an den Kinokassen wieder einspielte.

Jetzt könnte man natürlich froh sein, dass solche Mid-Budgets-Movies und Herzensprojekte von Regiegrössen überhaupt von den Streamern finanziert und herausgebracht werden. Nun ist es halt meistens so, dass diese Werke dann entweder gar nicht oder nur für kurze Zeit in den Kinos laufen. Scorsese gab offen zu, dass es ihm schon lieber wäre, wenn seine Filme länger im Kino laufen würden. Doch aufgrund von Netflix' Businessmodell stand The Irishman nach einem kleinen Kinostart schon nach kürzester Zeit fürs Heimkino als Stream bereit. Als Kino profitiert man wegen des sehr kurzen exklusiven Auswertungsfenster da selten, auch weil die Leute denken: «Den Film gibt es ja dann eh in drei Wochen auf Netflix.». Aber eben, so sieht momentan der Markt aus.

«The Irishman»
«The Irishman» © Netflix

Und was ist mit Verleihern und Kinos?

Was mich jedoch an dem Netflix-Deal mit Knives Out besonders stört, ist die Tatsache, dass mir ein kleines bisschen Hoffnung geraubt wurde. Ich hatte gehofft, dass Knives Out als Türöffner für andere funktionieren könnte. Der clevere Film spielte weltweit 311 Millionen Dollar ein und bewerkstelligte dies unter anderem auch durch eine gute Mund-zu-Mund-Propaganda. Köbeli liest die OutNow-Kritik und geht ins Kino. Köbeli mag den Film und sagt es Trudi weiter, die dann mit ihren Kolleginnen hingeht, und so weiter und sofort.

Ein solcher Erfolg könnte für andere Studios ermunternd sein, auch wieder vermehrt in solche Mid-Budgets-Projekte zu investieren, die ihr ganzes Geld nicht unbedingt am ersten Wochenende wieder einspielen müssen, sondern ihre Zeit dafür brauchen. Viel braucht es ja für so einen Film nicht, «nur» ein cleveres Drehbuch und ein spielfreudiger Cast. Die grossen Gewinner wären dabei auch die etwas kleineren Verleiher und besonders die Kinos. Der Schweizer Verleiher Impuls Pictures AG, welcher in den letzten Jahren mit Ausnahme der Hunger-Games-Reihe ohne grossen Franchises im Line-up auskam, hatte mit Knives Out einen echten Hit an der Hand, der in der Schweiz fast 120'000 Billette verkaufte. Das Zürcher RiffRaff, dessen Programmleiter Frank Braun übrigens bei der Weltpremiere nur ein paar Plätze neben mir sass und der sehr selten Blockbuster ins Programm nimmt, zeigte Knives Out über mehrere Monate hinweg - bis die Coronapandemie zur Spassbremse wurde. Impuls und das RiffRaff brauchen solche langlebigen Mid-Budgets-Hits. Wenn jetzt selbst solche von mächtigen Playern wie Netflix aufgekauft werden, wird es irgendwann schwierig. Mit dem Kauf der Rechte von «Knives Out 2 & 3» unterstreichen Netflix und Co. nochmals, dass die Mid-Budget-Movies ihr Business ist und sich da besser niemand einzumischen hat.

Lionsgate, das den Film in den USA vertrieben hat, ist auf jeden Fall kein Fan davon, dass es nicht bei den Fortsetzungen beteiligt sein wird. Der Beweis sind die letzten drei Tweets auf dem offiziellen Twitter-Account des Filmes:

Alleine statt zusammen

Es findet deshalb momentan eher weniger ein Umdenken statt, sondern stattdessen ein Aufkaufen von erfolgreichen Brands - zu einem solchen ist Knives Out mit nur einem einzigen Film geworden. Eine starke Leistung von Rian Johnson und seinem Team zwar, nur wäre es schön gewesen, hätte Johnson kurz zurückgeblickt und realisiert, weshalb sein Film so viele Leute glücklich gemacht hat. Einen grossen Anteil hatte das Gemeinschaftserlebnis im Kino. Das kollektive laute Aufatmen bei einer Enthüllung nach gerade einmal 20 Minuten, das Lachen bei der Testamentverkündung und die angeregten Diskussionen in der Pause, wie der Film wohl ausgehen würde. Jetzt, wo die Fortsetzungen womöglich von den meisten nur auf Netflix gesehen werden, wo man Filme schneller mal alleine oder nur zu zweit schaut, geht diese Magie fast komplett verloren. Sehr schade.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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