«Kommt jetzt das grosse Kinosterben?» - «Nein, und jetzt hört sofort auf mit der Panikmache!»

In einem 20-Minuten-Artikel wird ein beunruhigendes Bild der Schweizer Kinolandschaft gezeichnet. Dabei werden jedoch mehrere Faktoren ausser Acht gelassen, die Optimismus verbreiten würden.

Wird seinen Beitrag zur Kinorettung beitragen: Daniel Craig in «James Bond - No Time to Die» © Universal

Mittwochmorgen in Dübendorf: Ich wache auf und schaue auf mein Smartphone, um herauszufinden, was ich alles so in den letzten Stunden an Neuigkeiten verpasst habe. Darunter heute auch eine Privatnachricht von Redaktionskollege Marco Albini, der mir einen Artikel der «20 Minuten» mit dem Titel «Kommt jetzt das grosse Kinosterben?» weitergeleitet hat. Es ist gewiss nicht der erste solche Artikel, den ich seit dem Ausbruch der Coronapandemie gelesen habe. Eigentlich wollte ich gar nicht darauf reagieren. Da der Beitrag eigentlich alle Dinge ignoriert, die einen optimistisch bezüglich der Zukunft der Schweizer Kinos stimmen könnten, haue ich jetzt trotzdem in die Tasten.

Eine unnötig reisserische Headline

Ok, darüber müsste ich eigentlich nicht überrascht sein. Natürlich muss der Titel eines Artikels auf «20 Minuten» so formuliert sein, dass möglichst viele Leute draufklicken - hat ja auch bei mir funktioniert. Nur ist es nervig, dass die Frage im Titel dann im letzten Abschnitt des Artikels mit folgendem Statement von Procinema-Generalsekretär René Gerber beantwortet wird: «Bisher ist mir kein Kino bekannt, das wegen der Pandemie seine Türen für immer schliessen musste. Dies vor allem wegen den Unterstützungsmassnahmen von Bund und Kantonen.» Also, die Antwort ist ein «Nein».

Es gibt keine grossen Filme? Blödsinn!

Am meisten genervt hat mich jedoch die Aussage, dass bei einer baldigen Wiedereröffnung die grossen Filme fehlen würden. Das ist einfach falsch. Anders als noch im letzten Sommer, als Christopher Nolans Tenet der einzige Blockbuster weit und breit war, warten im Frühling 2021 viele grosse Filme darauf, veröffentlicht zu werden.

Da wäre der Sci-Fi-Film Chaos Walking mit Tom Holland (Spider-Man: Far From Home) und Daisy Ridley (Star Wars: The Rise of Skywalker), der von Actionregisseur Doug Liman (The Bourne Identity, Edge of Tomorrow) inszeniert wurde und 100 Millionen Dollar gekostet hat. Mit diesen Namen und diesem Budget zweifelsohne ein Blockbuster. Wie wir vom Schweizer Verleiher Ascot Elite erfahren haben, wird Chaos Walking sofort in den Kinos anlaufen, sobald diese wieder geöffnet haben - keine Verschiebungen mehr. Ascot Elite hat weiter mit The Marksman einen Liam-Neeson-Actioner und mit The Courier einen spannenden Thriller mit Benedict Cumberbatch in seinem April-Line-up. Auch dass Paramount A Quiet Place 2 in den Mai vorgezogen hat, ist ein gutes Zeichen.

Tom Holland in «Chaos Walking»
Tom Holland in «Chaos Walking» © Lionsgate

Dann gibt es die Filme von Warner Bros., die in diesem Jahr zeitgleich im Kino und auf dem US-Streamingdienst HBO Max lanciert- und somit nicht mehr verschoben werden. Dass es nichts bringt, diese Filme zurückzuhalten, zeigt das Beispiel Wonder Woman 1984, der seit ein paar Tagen wegen weiterhin geschlossenen Kinos nun auf Sky Show abrufbar ist. Doch was ist, wenn die Kinos wieder offen sind? Dann gibt es eigentlich keinen Grund, diese Filme nicht zusammen mit dem US-Start auch in die hiesigen Kinos zu bringen.

Aus Raubkopiengründen ist die Schweiz dabei von Deutschland abhängig, da die Angst besteht, dass eine in einem Schweizer Kino aufgenommene deutsche Synchronfassung im Internet landen könnte, während die Kinos im grossen Kanton noch zu sind. Die Filme nur auf Englisch - mit deutschen und französischen Untertiteln - herauszubringen, ist jedoch eine Option, die im Dezember sogar für Wonder Woman 1984 eingeplant war, bevor die Kinos kurz vor dem Start des Filmes wieder zumachen mussten.

Im Falle von Warner reden wir übrigens von Titeln wie Godzilla vs. Kong, Tom und Jerry und Mortal Kombat. Letzterer hat kürzlich einen neuen Trailer-Rekord aufgestellt. In der ersten Woche nach ihrem Release wurde die Vorschau 116 Millionen Mal angeschaut - das ist ein neuer Bestwert für Red-Band-Trailer, also Trailer, die aufgrund Gewalt und unflätiger Worte nur für Erwachsene freigegeben sind. Mortal Kombat liess dabei Red-Band-Trailer zu Logan und Deadpool 2 weit hinter sich. Es gibt also viele Leute da draussen, die scharf auf diesen Film sind.

«Mortal Kombat»
«Mortal Kombat» © Warner Bros.

Doch nicht nur Blockbuster stehen in den Startlöchern. Auch die Arthouse-Kinogänger dürfen sich auf interessante Wochen und Monate freuen. Zum einen ist da Wanda, mein Wunder, der neue Film von Bettina Oberli (Die Herbstzeitlosen), welcher am letztjährigen Zurich Film Festival seine Schweizer Premiere feierte und von dort ein gutes Word-of-Mouth mitbringt. Das könnte der nächschte Schweizer Film-Hit werden. Zum anderen stehen jede Menge Oscar-Filme bereit: Nomadland, Minari und der Mads Mikkelsen-Hit Drunk warten darauf, dass die Kinos wieder aufmachen. Mit ein paar Oscarnominationen hat man hierzulande noch immer viele Leute ins Kino gelockt und dies wird auch in diesem Jahr nicht anders sein. Zudem können die Arthouse-Kinos auf ein treues Publikum zählen.

Bond, James Bond. Kännsch?

Tja, und dann gibt es noch No Time to Die. Es ist - sagen wir mal - mutig, den Tod der Schweizer Kinos in einem Jahr auszurufen, in dem ein neuer James-Bond-Film anlaufen wird. Skyfall und Spectre haben beide weit mehr als eine Million Tickets in den Schweizer Kinos verkauft und somit die Zahlen in jedem Kinojahr aufgewertet. Daniel Craig wird also in seinem fünften Einsatz nicht nur die Welt, sondern auch viele Schweizer Kinos retten. Alleine kann er das zwar nicht, aber es gibt noch viele weitere Zugpferde in diesem Jahr, welche die Kinos aufpäppeln werden. Neben den offensichtlichen wie Fast & Furious 9 und Top Gun: Maverick ist da nämlich auch noch der dritte Teil der Monsieur-Claude-Reihe, der im Oktober in der Romandie anlaufen- und dann später auch in die Deutschschweiz kommen wird. Die ersten beiden Filme der Komödien-Reihe verkauften zusammen über 800'000 Tickets.

«James Bond - No Time to Die»
«James Bond - No Time to Die» © Universal Pictures International Switzerland. All Rights Reserved.

Keine Macht der Panikmache

Es ist ein Leichtes in der momentanen Situation, den Teufel an die Wand zu malen und Öl ins Feuer zu giessen - da die Leute die Coronasituation satt haben, bringt sowas zudem auch noch viele Klicks. Aber wisst ihr was? Ich mache da nicht mit. Ich schaue mit Optimismus in die (Kino-)Zukunft und habe dafür mehrere Gründe, wobei ich die sensationellen Zahlen des letztjährigen Zurich Film Festivals, das mitten in der Pandemie stattgefunden hat, bis jetzt noch gar nicht erwähnt habe. Die Schweizerinnen und Schweizer wollen zurück ins Kino. Hört also bitte auf mit dieser Panikmache. Zudem arbeiten unabhängige Verleiher wie Filmcoopi und Outside the Box mit Hochdruck an kreativen Lösungen, um Kinoerlebnisse in Zukunft aufzuwerten. Dabei ist schon nur ein Film auf einer Grossleinwand zu erleben das Beste, was es gibt. Da kann dieses Netflix-Sofafläzen gleich einpacken.

Ignoriere ich vielleicht auch ein paar Sachen? Natürlich, so ehrlich bin ich. Aber wenn die «20 Minuten» das Positive ignorieren kann, dann kann ich auch einige negative Sachen ausblenden und stattdessen mit Vorfreude auf die nächsten Monate schauen. Wegen den vielen Verschiebungen erwartet uns nämlich bei den Kinowiedereröffnungen ein cineastisches Schlaraffenland. Das grosse Kinosterben, es wird nicht dazu kommen. Da halte ich mein Portemonnaie und mein Hinterteil in einem Kinosessel dagegen.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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OutNow / 20 Minuten

Kommentare Total: 1

th

wenn eine schlagzeile mit einem fragezeichen endet ist die antwort eigentlich immer "nein"

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