Wie Warner Bros. trotz und wegen des HBO-Max-Deals plötzlich als «Good Guy» dastehen könnte

Im Dezember schockte Warner mit der News, dass man alle 2021er-Filme zeitgleich im Kino und auf dem Streamingdienst HBO Max veröffentlichen wird. Wir erklären, wie die Kinos davon profitieren könnten.

«Tom & Jerry» © Warner Bros.

Da das Coronavirus jetzt auch noch in einer mutierten Version wütet und nicht so schnell geimpft wird, wie man sich das erhofft hat, dürfte man sich bis zu einer Rückkehr zur Normalität noch ein paar Monate gedulden müssen. Der bekannte US-amerikanische Immunologe Anthony Fauci rechnet sogar erst im Herbst mit einer Art von Normalität. Autsch!

Das ist natürlich nicht ideal für die Kinos. Wenn sie dann in ein paar Wochen mal wieder aufmachen dürfen, wird es wohl nur weiterhin mit Besucherbegrenzungen und Sicherheitsabständen gehen. Die Säle werden also weiterhin nicht voll sein können, was viele Studios veranlassen wird, ihre grossen Filme wieder zu verschieben. Die grosse Filmwanderung hat in der vergangene Woche bereits begonnen. Ohne Blockbuster wird es dann schwierig sein, überhaupt ein Publikum anzulocken. Ein Teufelskreis. Doch es gibt ein Studio, welches seine Filme bisher noch nicht verschoben hat und dies womöglich auch nicht machen wird. Dieses Studio könnte den Kinos so - entweder freiwillig oder unfreiwillig - zur Hilfe eilen.

«Godzilla vs. Kong»
«Godzilla vs. Kong» © 2021 Legendary and Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved TM & © Toho Co., Ltd.

Zuerst der Schock

Die Rede ist vom Studio Warner Bros., das im Dezember verkündete, dass man alle für 2021 geplanten Filme im Kino und zur gleichen Zeit auf dem hauseigenen Streamingdienst HBO Max veröffentlichen wird. Ein Aufschrei ging damals durch die Filmwelt und die Proteste liessen nicht lange auf sich warten. Dune-Regisseur Denis Villeneuve kritisierte in einem offenen Brief die Entscheidung und Christopher Nolan will anscheinend nie mehr mit dem Studio zusammenarbeiten, das seit 20 Jahren seine Filme (u.a. Inception, The Dark Knight, Tenet) herausbringt. Doch wie genau könnte Warner nach einer solchen Schocknachricht nun zum Kinohelden werden?

Die Antwort gibt die oben erwähnte Releasestrategie und der etwas chaotische Start des Streamingdienstes. HBO Max gibt es nämlich momentan erst in den USA. Warners Mutterkonzern AT&T will HBO Max zwar in diesem Jahr noch in viele weitere Regionen bringen, doch wird ein Start in Europa womöglich erst in der zweiten Hälfte von 2021 erfolgen. Das bedeutet, dass man bis dann die Warner-Filme hierzulande nur im Kino zu sehen bekommt.

«Mortal Kombat»
«Mortal Kombat» © Warner Bros.

Wieso es Sinn machen würde

Doch wieso verschiebt Warner seine Filme nicht einfach weltweit, um auch in den USA das Maximum aus Kinoeintritten herauszuholen? Wir vermuten, dass dies mit den momentanen Prioritäten von AT&T zusammenhängt. In der Chefetage dürfte man sehen, wie Disney+ und Netflix gerade jetzt während der Pandemie richtig abgehen, während es bei HBO Max eher harzig läuft. Wenn man nun an den kommunizierten Startdaten festhält, dann sind die Filme des ersten Halbjahres von 2021 in vielen Gebieten in den USA nur auf HBO Max zu sehen, denn in den grossen Märken New York und Kalifornien werden die Kinos wahrscheinlich noch monatelang zubleiben. So in dem Stil: «Wir haben gesagt, dass wir die Filme in die Kinos bringen werden, wo immer sie offen sind. Falls sie geschlossen haben, ist halt Pech gehabt und dann muss man sich ein HBO-Max-Abo lösen, wenn man einen Film unbedingt sehen möchte.»

Kommen wir zurück in die Schweiz. Nehmen wir an, dass in ein paar Wochen die Kinos hierzulande wieder aufgehen und in den USA ein Film von Warner lanciert wird. Dann macht es für das Studio nicht viel Sinn, diesen Film für den europäischen Kinomarkt zurückzuhalten. Zum einen wegen des Marketings. Ein Film wie Wonder Woman 1984 scheint marketingtechnisch vorbei zu sein, da der US-Start zu Weihnachten 2020 erfolgt ist, während man hier immer noch auf einen Kinostart wartet. Es dürfte schwierig sein, den Hype um den Film hierzulande wieder zu entfachen. Deshalb lohnt es sich, einen grossen Film weltweit zur gleichen Zeit zu veröffentlichen.

«Wonder Woman 1984»
«Wonder Woman 1984» © & ™ DC Comics and Warner Bros. Entertainment Inc.

Zum anderen gibt es noch das Problem mit den Raubkopien. Solche landen schnell im Netz, wenn Content auf einem Streamingdienst veröffentlicht wird. Wieso also nicht den Menschen die Option «Kino» bieten, bevor sie es sich überlegen, einen Film im Internet zu streamen. Das funktioniert jedoch nur bei Filmfans, welche englische Originalfassungen bevorzugen. Im ersten Halbjahr ist nicht damit zu rechnen, dass HBO Max in den USA auch deutsche Synchronfassungen anbieten wird - deshalb landen dann auch keine solche Fassungen im Netz. Filmfans, welche die Synchro bevorzugen, werden nicht um einen Kinobesuch herumkommen.

So viele spannende Filme

Natürlich müssen die Verantwortlichen bei AT&T und Warner Bros. noch jede Menge andere Faktoren bedenken. Aber nehmen wir mal an, dass Warner seine Filme weltweit plusminus zur gleichen Zeit herausbringen wird. Dann dürfen wir uns in den nächsten Monaten auf folgende Filme im Kino freuen:

- Mortal Kombat: 15. April 2021
- Tom & Jerry: 29. April 2021
- Godzilla vs. Kong: 20. Mai 2021
- The Conjuring 3: 6. Juni 2021
- In the Heights: 17. Juni 2021
- Space Jam: A New Legacy: 15. Juli 2021

Weiter starten Filme wie The Little Things (Serienkiller-Thriller mit Denzel Washington, Rami Malek und Jared Leto), Judas and the Black Messiah (möglicher Oscarkandidat mit Daniel Kaluuya und LaKeith Stanfield) und Those Who Wish Me Dead (Western mit Angelina Jolie, vom Regisseur von Wind River) noch im ersten Halbjahr auf HBO Max, haben jedoch noch keinen Schweizer Starttermin.

«The Little Things»
«The Little Things» © Warner Bros. Ent. All Rights Reserved.

Es ist zweifelsohne ein überzeugendes Line-up, in dem von Familienfilm über Blockbuster bis zu Horror für alle was dabei ist. Die Frage ist jetzt einfach, ob das so eintreffen wird, wie wir das durchgespielt haben. Bewahrheitet sich das Ganze, würde Warner gegenüber den Kinos und den Filmfans plötzlich als «Good Guy» dastehen. Denn anders als die Konkurrenz würde man in den nächsten Monaten grosse Filme ins Kino bringen. Das wäre äusserst erfreulich, sitzen wir doch, was Blockbuster betrifft, schon lange auf dem Trockenen, und so ein massiver Film wie Godzilla vs. Kong gehört einfach auf eine riesige Leinwand.

Wir werden auf jeden Fall dranbleiben und über die nächsten Schritte von Warner und HBO Max informieren.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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