Wonder Woman 1984 - Der Score

Leider müssen wir uns noch ein wenig gedulden, bis wir den Blockbuster sehen können. Das Album zum Film ist aber bereits im Briefkasten von Score-Fan Marco angekommen und wurde sofort analysiert.

Wonder Woman 1984 © & ™ DC Comics and Warner Bros. Entertainment Inc.

Themyscira

Ein einsames Cello beginnt den Score mit dem bereits bekannten Hauptthema der Superheldin. Hatte ich bei Batman v Superman: Dawn of Justice noch Mühe, die Melodie nicht mit Led Zeppelins «Immigrant Song» in Verbindung zu bringen, ist sie mittlerweile komplett mit Gal Gadots Wonder Woman verknüpft. Die bekannte Rhythmik wird in diesem Track mit viel Hoffnung und Positivität wiedergegeben, und ein triumphierender Chor lässt erahnen, dass es sich hier um eine «Ist das Leben nicht schön auf Themyscora»-Montage handeln könnte. Bereits jetzt fällt auf, dass dies Zimmers symphonischster Score seit langem werden dürfte. Die heroisch anmutende Hornmelodie in den letzten vierzig Sekunden erinnert an die Nineties-Scores des kontroversen Komponisten und seine meiner Meinung nach besten Kompositionen wie Crimson Tide oder The Rock.

Games

Es geht choral weiter und energische Frauenstimmen eröffnen den Track. Trommelsamples und exotische Flöten ergänzen den rhythmischen Gesang, bevor bei 1:25 ein pulsierender Synthesizer wieder epische Bläser einleitet. Knapp eine halbe Minute später wechselt die Gangart bereits wieder und es folgt eine kurze, eindeutig von James Horners inspirierte chorale Überleitung in den ««Beat»» des Hauptthemas. Das Outro mit den Streichern beginnt mit einem ähnlichen Intervall wie eines der Hauptthemen aus Gladiator und festigt meinen positiven eindruck dieses Scores.

1984

Mit positiven Klängen geht es los, und entgegen dem Titel wird nicht auf Achtziger-Synths gesetzt, sondern auf klassische Orchestermusik. So haben wir Zimmer nun wirklich schon lange nicht mehr gehört. Nebst den Fanfaren der Blechbläser gibt es Xylophon und Glockenspiel im Hintergrund. Das Orchester tönt lebendig und es wird auf elektronische Spielereien oder MIDI-Instrumente verzichtet. Nach zweieinhalb Minuten absoluter Spielfreude wird es wieder ernster und damit (leider) auch moderner. Eine säuselnde Solostimme scheint eine Warnung auszusprechen, bevor es mit Actionmusik weitergeht. Genau diese uninspirierte Hektik, welche Actionscores momentan plagt, droht dem Track wieder den Wind aus den Segeln zu nehmen. So passiert eine Weile wenig Spannendes, bis der Track dann mit einer Variation des Mainthemes abgeschlossen wird.

Black Gold

Ob es sich beim schwarzen Gold um Erdöl handelt? Ich kann nur spekulieren. Es klingt auf alle Fälle nach einer spannenden Sequenz. Obwohl wir erst beim fünften Track angelangt sind, ist schon jetzt auffällig, wie abwechslungsreich dieser Score ist. Bei 1:13 dieses Stück kommt ein völlig neues Element herein: ein Synthesizer, den ich am ehesten mit einer verfremdeten Steeldrum vergleichen würde. Nach ein paar Takten Spannungsmusik endet dieses interessante Stück mit Cembalo und Oboe im Barockstil.

Wish We Had More Time / The Stone


Diese zwei etwas kürzeren Cues enthalten etwas mehr vom synthetischen Chor im Stile James Horners und zum ersten Mal auch einen an die Achtziger erinnernden Synth-Teppich in The Stone.

Cheetah

Auf Kirsten Wiigs ausgefallene Bösewichtin dürfen wir besonders gespannt sein, und entgegen meinen Erwartungen stehen in «ihrem» Track keine Trommeln im Vordergrund, die man oft mit Urwald und Dschungel assoziiert. Vielmehr setzt Zimmer auf Synthesizer und überraschende Akzente der Bläser. Letztere scheinen ab 1:46 ein Unheil anzukündigen und sind äusserst effektiv.

Fireworks / Anything You Want

Mit mehr triumphaler Musik versorgt Zimmer uns in Fireworks. Hier ist ein gewisser Patriotismus herauszuhören, der bestimmt auch Alan Silvestri oder Jerry Goldsmith gefallen würde. Ein wahres Feuerwerk an Orchestermusik. Badum Tsss! Nach Eigthies tönt es dann im nächsten Stück dank den Synthwave-Elementen. Das Keyboard übernimmt hier für einmal den Lead mit einer sanften Melodie, die von den Streichern bedrohlich begleitet wird, bevor diese wieder Überhand nehmen. Nach dreieinhalb Minuten geht es mit einem Ostinato dann noch einmal richtig los, und ich meinte sogar eine elektrische Gitarre zu hören im dramatischen Finale des Stücks.

Open Road

Jeder Action-Score hat einen Vorzeigetrack, der ein grosses Setpiece untermalt und den gesamten Soundtrack in einem Stück zusammenfasst. Sei es The Chase aus The Rock oder Brothers in Arms aus dem fantastischen Mad Max: Fury Road. Hier donnert das Wonder-Woman-Theme nicht wie gewohnt solo vom elektronisch verstärkten Cello, sondern das ganze Orchester hilft mit. Ein aufregendes Stück, das die Vorfreude auf den Film immens ansteigen lässt. Es scheint schon eine halbe Ewigkeit her zu sein, seit wir Action in solch grossen Stil hören durften und es stimmt beinahe wehmütig, sich das in diesem Stück suggerierte grosse Leinwandspektakel herbeizusehnen. Bei 4:32 nimmt Zimmer noch einmal Anlauf und beendet die erste CD dieses Doppelalbums mit einem musikalischen Cliffhanger.

Without Armor

Eine verletzliche Harfe eröffnet CD 2 melancholisch. Auch die darauf folgende Streichermelodie lässt nichts Gutes erahnen. Die Tränen werden weiter von ein paar Noten auf dem Piano und die Augen getrieben, bevor uns der Chor den Rest gibt. Ein tieftrauriges Stück, wie wir es von Zimmer auch schon lange nicht mehr hören durften.

The White House

Nach der Ruhe vor dem Sturm geht es mit Spannungsmusik weiter. Wie der Trailer verrät, geht die Amazonen-Prinzessin nicht aus rein diplomatischen Gründen ins Weisse Haus. Nach weniger als zwei Minuten Aufbau hören wir eine Waldhorn-Neuinterpretation des Hauptthemas in einer ungewohnten Tonart, bevor ab 02:40 wieder gewohnte, moderne Actionmusik angesagt ist. Mit den üppig verwendeten Samples klingt das wieder arg nach Remote Control. Die Firma um Hans Zimmer, welche schon Komponisten wie Lorne Balfe, Benjamin Wallfisch und wie sie alle heissen hervorgebracht hat. Es darf bezweifelt werden, dass hier der Chef selbst den kompletten Track arrangiert hat. Die Wiederholung des Bläser-Echos bei 3:52 aus dem Track Cheetah machen dann wieder Hoffnung auf etwas mehr Kreativität, die in diesem zwar rasanten aber «By the numbers»-Stück im Junkie-XL-Sound aber fehlt. Bislang klar der erste Schwachpunkt dieses tollen Scores.

Already Gone

Die unermüdlichen Achtel im Hintergrund deuten auf eine weitere Actionsequenz hin, werden jedoch rasch von einer traurig-romantischen Melodie gebremst, welche sich durch die restlichen Minuten durchzieht. Ich vermute, dass es sich um eine Art bittersüsses Liebesthema handelt, welches hier gegen Ende mit Chor und einem Himmel voller Geigen so richtig anschwillt. Das ist kitschig, aber ganz nach meinem Geschmack. Und schon ist der Filler The White House wieder wettgemacht.

Radio Waves

Nach einem dreiminütigen Spannungsaufbau bietet Radio Waves wenig neue Elemente und setzt sich aus Versatzstücken zusammen, die wir schon in Open Road hörten. Da der Score zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich lange in meinen Ohren dröhnt, zeigen sich langsam gewisse Ermüdungserscheinungen. Nichtsdestotrotz machen eine beeindruckende Mischung aus reiner Action und eingeflochtenen melodiösen Themen den Score deutlich zu einem Highlight des bisherigen DCEU.

Lord of Desire/The Beauty In What Is

Ein ominöser Sprechchor und Röhrenglocken eröffnen Lord of Desire. Ohne die visuelle Komponente ist hier wenig herauszuholen, weshalb dies der erste wirklich überspringbare Track ist. Ganz anders sieht es mit The Beauty In What Is aus. Dieser Track hält einige Überraschungen bereit. Vor allem in der Instrumentalisierung sind spannende Feinheiten herauszuhören. Eine tragende Rolle spielen die Flöten, welche nach einem epischen ersten Teil mit Horn, Frauenchor und Glockenspiel das Stück sanft auffangen, bevor es seinen absoluten Höhepunkt findet. Die Passage ab 02:28 gefällt mir deshalb besonders gut. Röhrenglockenschläge beenden dieses tolle Stück gebührend.

Truth

Im offiziell letzten Track des Scores gibt Zimmer noch einmal alles. Emotionaler wurde es wahrscheinlich seit The Lion King nicht mehr in seiner Karriere. Die Kälte eines Nolan hat Hans jedoch offensichtlich nicht ganz erfroren, wie Truth eindrücklich beweist. Heldentum und Melancholie harmonieren in diesem krönenden Abschluss eines sensationellen Scores. Meine Meinung hat sich während der letzten rund 80 Minuten also gefestigt: Mit Wonder Woman 1984 kehrt Zimmer nicht nur zu seinen eigenen, sondern auch zu den Wurzeln grosser Blockbuster-Scores zurück und liefert seine beste Komposition seit Gladiator. Chapeau.

Lost and Found - Bonus Track


In einer, so vermute ich, Konzert-Suite gibt es noch einmal eine Zusammenfassung von all dem, was diesen Score ausmacht. Wer nach diesen 12 Minuten nicht begeistert ist und sich die grossen Emotionen zurückwünscht, die man nur in einem gefüllten Kinosaal erleben kann, den bedaure ich. Dieser Score wird mich noch lange begleiten und ist ein musikalischer Hoffnungsschimmer am Ende eines Jahres, welches für uns alle schwierig war.

«Wonder Woman 1984» auf Spotify

Marco Albini [ma]

2003 verfasste Marco seine erste Kritik auf OutNow und ist heute vor allem als Co-Moderator des OutCast tätig. Der leidenschaftliche «Star Wars»-Fan aus Basel gräbt gerne obskure Genrefilme aus, aber Komödien sind ihm ein Gräuel.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. E-Mail
  4. Twitter
  5. Letterboxd
Teilen
Auf Facebook teilen  Auf Twitter teilen 
Datum
Quelle
OutNow.CH
Themen