Wir mussten ja zuhause bleiben: Die besten Netflix-Filme von 2020

Wegen der Pandemie schossen die Netflix-Aboszahlen ein weiteres Mal steil nach oben. Denn wenn die Kinos zu sind und man zuhause sitzen muss, braucht man Unterhaltung. Und Netflix hat geliefert.

«Mank», «I'm Thinking of Ending Things», «The Trial of the Chicago 7» © Netflix

Special Mention: Bester Song für «Jaja Ding Dong» aus Eurovision Song Contest

Der Filmsong des Jahres lief nicht am Ende eines Hollywoodepos, sondern in einer Netflix-Komödie zweifelhafter Qualität. In Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga träumt ein Popduo aus Island vom Ruhm beim Song Contest - darf jedoch meist nur im Spunten am Hafen auftreten. Und dort will man nur den einen schlüpfrigen Song in Endlosschlaufe hören. «Jaja Ding Dong» ist der Ohrwurm der Ohrwürmer, die Geissel unserer Hirnwindungen, der Song, den man nie mehr los wird und der sinnbildlich alles ausdrückt, was man eigentlich scheisse finden sollte, aber insgeheim doch irgendwie super findet (wie diesen Film). [Petra Schrackmann]

10. Ma Rainey's Black Bottom

Ma Rainey's Black Bottom basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück von August Wilson und gleicht einem kleinen, aber feinen Kammerspiel, das beinahe komplett in einem Aufnahmestudio der Zwanzigerjahre spielt. Umso grösser sind dafür die Persönlichkeiten, die hier aufkreuzen. Allen voran: Viola Davis als titelgebende Blues-Ikone, die den Ton angibt, und Chadwick Boseman als junger Trompeter, der ihr den Rang ablaufen möchte. Wie die Temperaturen im Studio kochen auch die Emotionen der Figuren hoch. Boseman, der hier in einer seiner letzten Rollen zu sehen ist, könnte für die Darbietung posthum mit einem Goldmännchen ausgezeichnet werden. [Swantje Oppermann]

© Netflix

9. Enola Holmes

Vergesst Cumberbatch, Downey Jr., Miller und wie sie alle heissen, ein neuer Holmes stürmt das London des frühen 20. Jahrhunderts! Nun nimmt die kleine, ebenfalls schräg benamste Schwester - Enola heisst rückwärts «Alone» - mit viel Grips, frecher Zunge und ordentlichem Sinn fürs Abenteuer das Ermittlergeschäft auf. Dass ausgerechnet die eigene Mutter als Kämpferin für Frauenrechte zu einer Art Gegenspielerin wird, weht zusätzlich frischen Wind in die Krimibude. Enola Holmes mischt Rätselkrimi, Kostümschinken, Action und Teenieromanze zu einem kurzweiligen Filmabenteuer, das Lust auf mehr macht. [Petra Schrackmann]

© Netflix

8. A Sun

Ein Familiendrama nach dem Vorbild einer griechischen Tragödie: Das Schicksal setzt einem Familienvater und Fahrlehrer, der mit seinem Leben zufrieden ist, schwer zu. Die Beziehung zu seinen Söhnen lässt ihn aber diese Einstellung überdenken und zwingt ihn, sich zu wehren. Dicht erzählt, mit einer souveränen Bildsprache und einem Sinn für Ironie trotz aller Dramatik der erzählten Umstände bewegt die Parabel des taiwanesischen Regisseurs Chung Mong-hong zutiefst. Der Film baut von Anfang an Spannung auf, die er über die ganzen zweieinhalb Stunden Dauer aufrecht erhält und führt sorgfältig ausgearbeitete Charaktere vor, die unvergessen bleiben werden. [Teresa Vena]

© Courtesy of TIFF

7. Da 5 Bloods

In Spike Lees Drama zieht es vier Vietnam-Veteranen ins ehemalige Kriegsgebiet, um nach den Überresten ihres gefallenen Truppenführers zu suchen. Dabei werden sie von von dessen Sohn begleitet - und vom Versprechen eines angeblich in der Nähe vergrabenen Schatzes. Dabei greift Lee die aktuelle «Black Lives Matter»-Bewegung auf und stellt eine gekonnte Verbindung zu den afroamerikanischen Soldaten im Vietnamkrieg her. Und einmal mehr lässt der Regisseur die Zuschauer seine Rage anhand aktueller wie historischer Beispiele spüren. [Nicolas Nater]

© Netflix

6. I'm Thinking of Ending Things

Alles scheint klar, ein Pärchen besucht die Eltern von Jake. Doch schon im Auto hören wir Zweifel. Sie denkt darüber nach, es zu beenden. Aber was genau will sie beenden? I'm Thinking of Ending Things ist eine weitere Reise in den Kopf von Regisseur Charlie Kaufman. Neben einer erstaunlichen Jessie Buckley gibt es viel zu entdecken und zu verpassen. Der Familienbesuch nimmt Züge eines Horrorfilms an und selbst mit der Zeit scheint etwas nicht zu stimmen. Es stellt sich die Frage, wer hier überhaupt der Erzähler ist und ob man ihm trauen kann. Es ist ein komplexer Mysteryfilm, der nicht alle Fragen beantworten will. [Sven Martens]

© Netflix

5. Uncut Gems

Howard Ratner ist ein Spieler. Der Diamantenhändler jagt dem amerikanischen Traum hinterher, oder dem, was davon übrig geblieben ist. Uncut Gems ist ein atemloser Film. Oft hat Howard das Gefühl, am Ziel zu sein, den schwarzen Diamanten endlich in den Händen zu halten. Aber er steht in einem Scherbenhaufen und weiss es als Einziger nur noch nicht. Mehrfach hat Adam Sandler bereits bewiesen, dass er auch ernste Rollen spielen kann. Uncut Gems ist der bisherige Höhepunkt seiner Schauspielkarriere. Man möchte an diesen armen, lasterhaften Mann glauben, dass dieses Mal klappt und er am Ende in den New Yorker Sonnenaufgang reiten kann. [Sven Martens]

© Netflix

4. His House

Der Film von Rami Weekes gilt als der neue Get Out. Der Vergleich mit dem Horror-Überflieger mag etwas undankbar sein, doch für Fans des Genres lohnt sich His House allemal. Die Story über eine Flüchtlingsfamilie, die in einer heruntergekommenen Asylunterkunft mit bösen Geistern konfrontiert wird, schafft es, klassische Horrorelemente mit einer sozialkritischen Message rund um das Thema Rassismus zu vermischen. Der Mix geht auf. Neben den höher budgetierten Prestige-Produktionen ist dies die kleine feine Perle unter den Netflix-Eigenproduktionen. [Simon Eberhard]

© Aidan Monaghan/NETFLIX

3. The Social Dilemma

Soziale Netzwerke wie Instagram, Facebook oder YouTube gehören mittlerweile zum Alltag wie das Einschlafen am Abend. Die Doku The Social Dilemma stellt dabei die Frage: Wären wir ohne besser dran? Eindeutig wird sie nicht beantwortet, jedoch schlagen diverse Experten aus der Branche Alarm gegen die immer mächtiger werdenden Algorithmen, die immer mehr unser Leben bestimmen. Dabei illustriert The Social Dilemma dies an greifbaren Beispielen und abstrahiert, was uns bevorstehen könnte. Eine packende Doku, die den Nerv der Zeit genau trifft. Und jetzt teilt bitte diesen Beitrag auf Facebook! [Nicolas Nater]

© Exposure Labs/Netflix

2. Mank

Nachdem sich David Fincher eine Zeit lang der Serienwelt gewidmet hat, präsentiert er endlich wieder einen Spielfilm. Mank zeigt die vermeintliche Entstehungsgeschichte des Klassikers Citizen Kane. Fincher setzt typische Stilmittel der Vierziger ein und beweist eine Detailverliebtheit, die Cineasten-Herzen höherschlagen lässt. Szenen werden weich überblendet, sogenannte «Cigarette burns» tauchen im oberen Bildrand auf und die Tonspur knistert. Auch der Cast um Gary Oldman und Amanda Seyfried spielt toll auf. Allerdings sollte man sich vorab Citizen Kane anschauen und ein wenig in das Studiosystem der damaligen Zeit einlesen, um den Film voll geniessen zu können. [Swantje Oppermann]

© Netflix

1. The Trial of the Chicago 7

Der beste Netflix-Film des Jahres ist gar kein Netflix-Film. Das Passionsprojekt von Oscarpreisträger Aaron Sorkin (The Social Network) wurde für Paramount realisiert, doch verkaufte das Studio mitten in der Pandemie den Film an die Nummer eins beim Streaming, die dem Gerichtsdrama in der Schweiz sogar einen Kinostart ermöglichte. Die wahre Geschichte über die politischen Auswirkungen der Unruhen und Polizeigewalt in Chicago im Jahre 1968 fesselt dank den packenden Dialogen (Sorkin ist halt schon ein Meister), tollen Schauspielerleistungen (Sacha Baron Cohens «Father, no!» ist das Comedyhighlight von 2020) und einer stringenten Inszenierung. Beweisführung abgeschlossen. [Christoph Schelb]

© Netflix

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