Hot Takes! Die über- und unterbewertesten Filme und Serien von 2020

Was haben unter anderem das Musical «Hamilton» und das Whodunit «Knives Out» gemeinsam? Beide wurden von vielen gefeiert, jedoch halten einige von uns sie auch etwas überbewertet.

«Knives Out», «Birds of Prey», «Tenet» © Impuls, Warner Bros., Warner Bros.

«Du häsch doch kei Ahnig!» Dieser immer mit einem anschliessenden Lächeln präsentierte Satz kam auch in diesem Jahr wieder einige Male in der OutNow-Redaktion zum Einsatz. Wo über Filme und Serien diskutiert wird, wird jeweils auch gerne gestritten. Die Meinungen sind verschieden und das Verwerfen der Hände macht eben jedesmal auch ein klein bisschen Spass.

Zum Jahresabschluss haben wir unsere Autorinnen und Autoren gefragt, mit welchen beliebten Filmen und Serien sie wenig bis gar nichts anfangen konnten und welche Werke ihrer Meinung nach völlig zu Unrecht unter die Räder gekommen sind. Achtung, es wird kontrovers!

Dani «muri» Maurer

Überbewertet: Birds of Prey

«Harley Quinn isch en Scheiss!» - Nein, so einfach ist es dann doch nicht mit der Begründung, dass Birds of Prey: And the Fantabulous Emancipation of One Harley Quinn durchfällt. Obwohl, die Figur hat halt eben schon einen extrem hohen Nervfaktor. Dabei ist Margot Robbie eigentlich eine wunderbare Darstellerin, aber in dieser Schrott-Story hat man mit ihr und auch Ewan McGregor schon Erbarmen. Einfach «crazzzyy» sein reicht auch in einem Superheldinnenfilm nicht. So plätschert das Ding dann einfach vor sich hin, für die Höhepunkte braucht man eine Lupe und am Ende ist gewiss: Dieser Quatsch ist genau so langweilig, wie der Titel lang ist.

Unterbewertet: Jagdzeit

Die Firma Walser kriegt einen neuen CEO aus Deutschland, der die schleppenden Geschäfte wieder profitabel machen soll. Von der Reorganisationswelle verschont bleibt der CFO, Alexander Maier, der aber schon bald merkt, wie der Deutsche wirklich tickt. Der Druck am Arbeitsplatz steigt so ins Unerträgliche und die grosse Explosion steht kurz bevor. Mit Jagdzeit hat Regisseurin Sabine Boss einen Schweizer Thriller geschaffen, der unter die Haut geht: Manager im Dauerstress, das Menschliche, das auf der Strecke bleibt und die ständige Gefahr des grossen Knalls werden von Ulrich Tukur und Stefan Kurt grandios dargestellt. Bravo, Schweizer Film - weiter so!

«Jagdzeit»
«Jagdzeit» © Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Tom von Arx

Überbewertet: Knives Out

Es hätte das Schnittmuster des Detektivkrimis neu formen sollen, doch nach einer gloriosen Eröffnung vertändelt dieses Whodunit seine Vorlage - und schneidet sich damit tief ins eigene Fleisch. Allfälligen überraschenden Wendungen wird zu oft der Wind aus den Segeln genommen, das Geschehen fällt nach und nach in ausgetretene Erzählmuster zurück und die Charaktere werden zunehmend eindimensionaler. Diese selbstverschuldete Enttäuschung der Zuschauer machen auch der glamouröse Cast (mit einer tollen Ana de Armas), die pittoresken Schauplätze und die netten (mitunter genialen) Details nicht wett.

Unterbewertet: Frieden

Zwar nicht gerade «underrated», sondern vielmehr «underpromoted» ist diese von SRF und Arte koproduzierte Serie um die Schweiz kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Am historischen Scheideweg zwischen Krieg und Frieden zieht sich ein politischer Graben durchs Land; zwischen Aufdecken und Verwischen von Verbrechen und Verbrechern ist jede öffentliche und private Entscheidung eine Zitterpartie. Misstrauen, Schwerenot und Überforderung unserer (Ur-)Grosseltern werden in diesem Sechsteiler hochgradig spannend sowie visuell wunderbar zur Schau gestellt und getragen von einem brillant aufspielenden Jungcast um Annina Walt, Max Hubacher und Dimitri Stapfer.

«Frieden»
«Frieden» © SRF/Sava Hlavacek

Simon Eberhard

Überbewertet: Hamilton

Musicals sind live ja meist ein beeindruckendes audiovisuelles Erlebnis. Wäre ich bei einer Aufführung von Hamilton selbst dabei gewesen, hätte mich Lin-Manuel Mirandas Gründungsväter-Epos vielleicht ebenfalls gepackt. Aber zuhause vor meiner Heimkino-Leinwand zehrten die mehr als zweieinhalb Stunden abgefilmtes Singen und Tanzen arg an meiner Geduld. Da mögen die Songs noch so fetzig sein, irgendwann wurde das Schauen zur Durchhalteübung. Immerhin, etwas Positives hat die Sache: Es ist der ultimative Beweis dafür, dass kein Streaming je das Live-Erlebnis mit Publikum ganz wird ersetzen können.

Unterbewertet: Downhill

Das ist nicht euer Ernst!? Ein Will-Ferrell-Remake des brillanten schwedischen Films Turist? Nur schon die Ankündigung liess Filmfans erschaudern und die vernichtenden Kritiken schienen die Befürchtungen zu bestätigen. Dabei ist der Streifen gar nicht mal so übel. Die Macher widerstehen der Versuchung, den schwarzen Humor des Originals massentauglich abzuflachen, Julia Louis-Dreyfus spielt grossartig und auch Ferrell hält sich mit seinem Overacting zurück. Ist das Original besser? Natürlich! Doch wer nicht gerne Untertitel liest, hat hier eine passable Alternative.

«Downhill»
«Downhill» © Fox Searchlight Pictures

Yannick Bracher

Überbewertet: The Hunt

Was genau soll das? Wenn The Hunt Satire sein soll, finde ich sogar den Joker (Phoenix, nicht Ledger) lustig. The Hunt vereinbart eine schwachsinnige Slasher-Story mit nervtötenden Charakteren und einer erzwungenen Gesellschaftskritik am amerikanischen Polit-System (ja, wir haben's verstanden!). Es gilt das gleiche wie bei Trump: Bitte nicht nochmals!

«The Hunt»
«The Hunt» © Universal Pictures International Switzerland. All Rights Reserved.

Christian Wolf

Überbewertet: Color out of Space

Hand aufs Herz: Ein Film muss schon etwas mehr aufweisen als pinkiges, halluzinogenes Color-Grading und einen pseudo-sphärischen Soundtrack. Und nur weil die Story von Lovecraft inspiriert wurde, ist dies nicht automatisch ein Qualitätsmerkmal. Nicholas Cage passt perfekt in Color Out of Space - denn genau so unmotiviert und doof wie das Drehbuch agiert auch der einstige Actionstar im faden Kampf gegen das ausserirdische Farbdingsbums. Da hätte man das Drehbuch lieber in der Schublade liegengelassen. Laaaaangweilig!

Unterbewertet: Underwater

Irgendwie wurde dieser Film auf allen Ebenen leider total ignoriert - ob es an Kristen Stewart lag? Dabei ist es Jahrzehnte her seit dem letzten cool umgesetzten Unterwasserfilm. Und wir sprechen hier nicht von uninspiriert bösartigen Haien, die an der Oberfläche herumschwirren und auf Menschenjagd gehen. Nein, wir reden von den unheimlichen Tiefen irgendwo im Nirgendwo unter dem Meersspiegel. Underwater hat alles: Klaustrophobie, Spannung, Action und ein Monster als Endboss. Kristen Stewart beweist, dass sie auch als Actionheldin überzeugen kann. Kommt schon, der Film hat mehr Applaus verdient!

«Underwater»
«Underwater» © 20th Century Fox

Petra Schrackmann

Überbewertet: Tenet

Klar, auf Chris Nolans neustem Streich lastete grosser Druck, sollte er doch nicht weniger als das Kino an sich retten. Aber mal Hand aufs Herz: Selbst ohne diese hohen Erwartungen hätte mir der Film kaum mehr als ein «meh» entlockt. Eigentlich ist es ja schön, wenn ein Film so ein abgefahrenes Sci-Fi-Szenario einfach mal durchspielen darf. Dass man sich dabei so ultra wichtig und clever gibt und die Darsteller dabei grässliche Dialoge runterleiern lässt, liess die Vorfreude aber bald mal verfliegen. Und ganz ehrlich: Der ganze Film hätte auch sehr gut mit 98 Prozent weniger Frauenquälen funktioniert.

Unterbewertet: New Mutants

Gefühlte 400 Jahre mussten X-Men-Fans auf Josh Boones New Mutants warten, der die jüngsten aus dem Fox-Superhelden-Portfolio in einem süffigen Horrorszenario zeigt. Nach unzähligen Verschiebungen landete der Film dann endlich doch für kurze Zeit in den Kinos. Dass der Streifen nicht zu den Meisterwerken der Filmkunst gehört, ist auch mir klar. Spass machte der Mindtrip mit Superkräften aber allemal, können Fans von Marvels Mutanten doch in fast jeder Szene coole Details aus der Comicvorlage entdecken. Von diesem Team - und dem angedeuteten Bösewicht - hätte ich gerne mehr gesehen.

«New Mutants»
«New Mutants» © 20th Century Studios

Swantje Oppermann

Überbewertet: The Undoing

Die Serie mit Nicole Kidman und Hugh Grant in den Hauptrollen brach in den USA in diesem Jahr Zuschauerrekorde. Dabei zeichnet sie sich vor allem durch irrational agierende Figuren aus, die sich alle möglichst verdächtig verhalten. Zwar schafft The Undoing es immer wieder, die Zuschauerinnen und Zuschauer mit neuen Red Herrings bei der Stange zu halten, aber bei genauerer Betrachtung ist die Serie doch eher «Guilty Pleasure» als «Premium TV». Leider lenkt Nicole Kidmans geglättetes Gesicht zudem enorm von der eigentlichen Handlung ab. Schade.

«The Undoing»
«The Undoing» © HBO Entertainment

Christoph Reiser

Überbewertet: Maniac

Emma Stone und Jonah Hill sind die Protagonisten in dieser Sci-Fi-Serie. Stones Figur hat Probleme mit ihrer Familie und Hill spielt einen schizophrenen Mann. Sie stellen sich beide einer pharmazeutischen Studie zur Verfügung. Sally Field, Gabriel Byrne und Justin Theroux spielen Nebenrollen. Dies alles sind hervorragende Zutaten für eine tolle Serie. Doch das Ganze artet fast in jeder Episode zu einer seltsamen Darstellung eines Drogentrips aus. Die Ausgangslage der Serie wird ab Episode 3 gekonnt ignoriert, in Folge 7 löst sich alles in Wohlgefallen auf. Kaum zu glauben, was da Regisseur Cary Fukunaga verbrochen hat.

Unterbewertet: Good Girls

Drei Mütter (Christina Hendricks, Mae Whitman und Reta) machen krumme Geschäfte, um ihr schmales Budget aufzupeppen. Sie überfallen Supermärkte und Geldinstitute und stellen Falschgeld her. Eine Dramedy, die zwar Tiefgang hat, aber nie schwer ist. Das Besondere an der Serie sind die witzigen Dialoge, die ganz natürlich und nie erzwungen erscheinen. Es geht in die Richtung Breaking Bad, zwar weniger brutal und um einiges witziger, aber genauso spannend. Und jede der drei Protagonistinnen ist auf ihre Art sehr sympathisch. Der heimliche Star der Serie ist Manny Montana, der den Geldwäscher Rio spielt.

«Good Girls»
«Good Girls» © NBC Universal

Teresa Vena

Überbewertet: Unorthodox

Maria Schrader hat diese Miniserie für Netflix inszeniert. Sie wurde nach ihrer Ausstrahlung gefeiert und gewann einen Emmy sowie den Deutschen Fernsehpreis. Interessant ist die Darstellung des jüdisch-orthodoxen Umfelds in den USA, doch von Anfang an haftet der Inszenierung etwas Künstliches und Steriles an. Als sich der Schauplatz nach Berlin verlagert, verliert die Serie ihre letzte Glaubwürdigkeit, zeigt sie die Stadt doch einzig als Überbegabten-Hipster-Hochburg. Die Entwicklung der Protagonisten wirkt nur wenig glaubhaft und auch den Ausbruch aus einem derart repressiven Umfeld hätte man sich differenzierter und schwieriger vorgestellt.

Unterbewertet: Matthias & Maxime

Xavier Dolans neuer Film wurde kritisiert, weil er eine Ansammlung bereits bekannter Elemente aus seinen früheren Filmen sei. Doch überzeugt er durch seine Konzentration auf wenige Protagonisten, die mit wenigen Worten und noch weniger Handlungen eindrücklich von Sehnsucht und Vertrautheit erzählen. Dolan beweist einmal mehr, dass er formal eine eigenständige Sprache spricht, indem er ein einheitliches ästhetisches Konzept durchsetzt, einen souveränen Umgang mit Musik und eine aussergewöhnliche Bildfindung pflegt. Die Beziehung zwischen Mutter und Sohn, aber vor allem das Thema Freundschaft und die Inszenierung einer zärtlichen Liebesgeschichte fühlen sich natürlich und lebensecht an.

«Matthias & Maxime»
«Matthias & Maxime» © Pathé Films

Sven Martens

Überbewertet: Jojo Rabbit

Jojo Rabbit ist ein geschmackloser Film über den Holocaust. Durch die Augen eines kleinen Jungen soll die Ideologie der Nationalsozialisten ins Lächerliche gezogen und zugleich entlarvt werden. Tatsächlich werden Bücherverbrennungen unkommentiert als Ferienlageraktivität gezeigt und der Regisseur Taika Waititi liefert sich mit Hauptfigur Jojo einen Wettbewerb, wer denn öfter «Heil Hitler» in Folge sagen kann. Abgesehen vom fehlenden Respekt und Feingefühl verrennt sich Waititi auch inhaltlich total. Bitte weniger Filme mit Adolf Hitler als imaginären Freund.

Unterbewertet: Underwater

Gut geklaut ist besser als schlecht selbst gemacht. Nach diesem Sprichwort funktioniert auch William Eubanks Sci-Fi-Horror als gelungener Alien-Klon. In den Tiefen des Marianengrabens kämpft Kristen Stewart auf einer verlassenen Station um ihr Leben. Neben dem tödlichen Druck warten auch gefrässige Monster auf die leicht bekleidete Heldin. Mithilfe von Dunkelheit und kleinen Tricks kann Underwater sein Budget gut verstecken. Es ist ein spannender und ansehnlicher Blockbuster, der den Tauchgang auf jeden Fall wert ist.

«Jojo Rabbit»
«Jojo Rabbit» © 2019 Twentieth Century Fox Film Corporation. All Rights Reserved.

Gianluca Izzo

Überbewertet: Never Rarely Sometimes Always

Keine Frage, dies ist ein guter Film, der ein ernstzunehmendes gesellschaftliches Problem thematisiert. Er ist authentisch erzählt und wird mit einer zur Geschichte passenden Atmosphäre inszeniert. Doch der stets begleitende melancholische Unterton und das passive, nüchterne Schauspiel von Hauptdarstellerin Sidney Flanigan stossen mir persönlich schwer auf. Der Hype, den die amerikanische Indie-Produktion auslöste, ist für mich daher nicht ganz nachvollziehbar. Ein wenig mehr Zugänglichkeit zur Hauptfigur und ein paar Hoffnungsschimmer mehr hätten dem Drama nicht geschadet.

«Never Rarely Sometimes Always»
«Never Rarely Sometimes Always» © Universal Pictures International Switzerland. All Rights Reserved.

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OutNow