Blockbuster bereits 31 Tage nach dem Kinostart zuhause streamen?

Was von ein paar Jahren noch undenkbar schien, könnte bald Realität werden. Universal schloss mit der Kinokette Cinemark einen Deal ab, mit dem es grosse Filme schneller ins Heimkino schaffen.

«Fast & Furious: Hobbs & Shaw» © Universal

Wie wir vor ein paar Wochen berichteten, hat Universal mit der Kinokette AMC vereinbart, dass das Hollywoodstudio seine Kinofilme 17 Tage nach dem Release in den Lichtspielhäusern als «Premium Video on Demand» anbieten darf. Die Filme werden also nach drei Wochenenden in den Kinos zum Streamen zuhause verfügbar sein - AMC wird im Gegenzug am «PVOD»-Umsatz beteiligt. Wir vermuteten damals, dass vor allem kleine Filme betroffen sein werden, welche in den Kinos nicht massiv viel Geld einspielen. Die grossen Blockbuster-Franchises wie «Jurassic Park», «Minions» oder «Fast & Furious», die auch Wochen nach dem Start immer noch mehrere Millionen in den Kinos einspielen, dürften ausgenommen sein. Da könnten wir jedoch falschgelegen haben...

Kleine Filme nach 17 Tagen, Blockbuster nach 31 Tagen

Der Hollywood Reporter berichtet von einer Übereinkunft zwischen Universal und Cinemark, dem drittgrössten Kinobetreiber in den USA. Der Deal beinhaltet ebenfalls das exklusive Kinofenster von 17 Tagen, doch gibt es einen entscheidenden Unterschied: Universal-Filme, die an ihren Startwochenenden in den USA weniger als 50 Millionen Dollar einspielen, dürfen nach 17 Tagen als «Premium Video on Demand» angeboten werden. Titel von Universal, die bis und mit dem ersten Sonntag nach ihrem Start mehr als 50 Millionen an den Kinokassen erwirtschaften, können nach 31 Tagen (nach fünf Wochenenden) als PVOD lanciert werden. Blockbuster könnten also einen Monat nach Kinostart schon Zuhause gestreamt werden - momentan dauert es meistens mehr als drei Monate.

Wäre nach 31 Tagen als PVOD erschienen: Horrorfilm «Us»
Wäre nach 31 Tagen als PVOD erschienen: Horrorfilm «Us» © Universal Pictures International Switzerland. All Rights Reserved.

Was für Filme wären betroffen?

Schaut man sich die Filme an, die Universal im Jahr 2019 in die US-Kinos gebracht hat, hätte das im Vorjahr folgendermassen ausgesehen:

Als PVOD nach 17 Tagen

- Pets 2 (US-Startwochenende: 46 Millionen)
- Good Boys (21 Millionen)
- Everest - Ein Yeti will hoch hinaus (20 Millionen)
- Ma (18 Millionen)
- Yesterday (17 Millionen)
- Last Christmas (11 Millionen)
- Cats (6 Millionen)

Als PVOD nach 31 Tagen

Us (US-Startwochenende: 71 Millionen)
Fast & Furious Presents: Hobbs & Shaw (60 Millionen)
How To Train Your Dragon: The Hidden World (55 Millionen)

Da bleiben also nicht mehr viele Filme übrig, die länger als drei Wochenenden exklusiv im Kino gezeigt worden wären. Es muss jedoch gesagt werden, dass Universal lediglich das Recht hat, diese Filme so auszuwerten. Ob man davon auch Gebrauch machen will, muss bei jedem Film einzeln entschieden werden.

Einem Animationsfilm wie Pets 2, der vielleicht etwas schwächer gestartet ist, als man gehofft hat, wird man sicherlich mehr Zeit exklusiv im Kino zugestehen, da durchaus Potential für mehr Einnahmen vorhanden ist. Anders sieht dies bei vermurksten Horrorfilmen wie Ma oder einer filmischen Katastrophe wie Cats aus, welche wohl eher schnell auf PVOD-Portalen landen werden.

Wäre noch viel schneller aus den Kinos geflogen: Musicaladaption «Cats»
Wäre noch viel schneller aus den Kinos geflogen: Musicaladaption «Cats» © Universal Pictures International Switzerland. All Rights Reserved.

Was sind PVOD-Portale?

Mit PVOD-Portalen sind Plattformen gemeint, auf denen man Filme einzeln für einen bestimmten Preis kaufen kann. Wir reden also von Plattformen wie Google Play, Swisscom blue TV oder iTunes. Trolls: World Tour, der nach den Kinoschliessungen in diesem Jahr als PVOD ausgewertet wurde, kostete auf diesen Portalen zu Beginn 20 Franken. Netflix ist hingegen keine solche Plattform, da man dort nicht pro Film bezahlt, sondern ein Monats-Abo löst.

Was für Auswirkungen hat das auf die Schweiz?

Der Deal zwischen Universal und Cinemark gilt zwar nur für die USA, doch ist es unvermeidlich, dass das Hollywoodstudio auch ausserhalb der Staaten solche Vereinbarungen abschliessen wird. Zum einen wollen die Kinos auch hierzulande sicherlich einen Anteil an den PVOD-Erlösen. Besonders, weil die Besucherzahlen der Schweizer Kinos seit Jahren rückläufig sind.

Zum anderen besteht nach einem Video-On-Demand-Release immer die Gefahr, dass die Filme wenig später auf Piraterie-Seiten auffindbar sind oder sich schlaue User VPN-Dienste zu Nutze machen, welche ihre Location verschleiern, und so von der Schweiz aus Filme anschauen können, die nur für den US-Markt bestimmt sind. Liegt zum Beispiel ein Schweizer Kinostart vier Wochen vom US-Release entfernt, könnte es sein, dass der betroffene Film schon im Internet zu finden ist, bevor die Lichtspielhäuser hierzulande ihn überhaupt ins Programm genommen haben. Um das zu verhindern, braucht es eine weltweite Gleichschaltung bei den Kino- und PVOD-Veröffentlichungsterminen.

Nehmen wir mal an, dass Universal dies bewerkstelligt. Dann stellt sich einfach noch die Frage, was dann bezüglich «17 Tage oder 31 Tage» entscheidend sein soll? Es kommt immer mal wieder vor, dass US-Filme ausserhalb der Staaten besser laufen als in der Heimat. Während Baywatch zum Beispiel in den USA ein Flop war, belegte der Film in der Schweiz den 12. Rang in den Jahrescharts. Stellt man die Filme dann trotzdem schon nach 17 Tagen auf PVOD-Portale und verärgert so die Kinos, in denen ein Film immer noch sehr gut läuft?

Darüber werden sich die Verantwortlichen bei Universal sicherlich in den kommenden Monaten die Köpfe zerbrechen. Eines ist sicher: Die Kinobranche wird sich in nächster Zeit deutlich verändern.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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Hollywood Reporter
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