Netflix will unbedingt ein paar Oscars: Streaminganbieter mit vielversprechendem Awards-Line-up

Weil die grossen Studios auch ihre Awards-Filme verschieben, könnte die Oscar-Verleihung 2021 zur grossen Netflix-Show werden. Denn der Streamingdienst hat gleich mehrere heisse Eisen im Feuer.

«The Trial of the Chicago 7», «Mank», «The Midnight Sky» © Netflix

Selbst wenn 2020 normal verlaufen wäre, hätte Netflix ein sackstarkes Awards-Line-up gehabt. Wegen des Coronavirus sieht sich der Streaming-Gigant nun jedoch mit deutlich weniger Konkurrenz konfrontiert. Das war in den Jahren zuvor noch anders. Filme wie Roma und The Irishman waren zwar mit ihren Nominationen in der Königskategorie «Best Picture» schon ganz nahe dran am ganz grossen Oscar-Coup, doch standen ihnen dann letzten Endes Green Book und Parasite vor der Sonne. Nun scheint jedoch für Netflix die Zeit reif zu sein. Wir stellen euch die Oscar-Hoffnungen des Streamingdienstes vor.

Da 5 Bloods

Mit Da 5 Bloods legte Regisseur Spike Lee im Juni 2020 sein BlackKlansman-Nachfolgeprojekt vor, welches in den USA die Kritiker begeisterte - 92 Prozent auf RottenTomatoes sprechen eine deutliche Sprache. Der Film erzählt die Geschichte von vier afroamerikanischen Veteranen, die nach Vietnam zurückkehren, um dort eine Kiste voller Gold zu finden. Vor allem Hauptdarsteller Delroy Lindo soll gute Chancen auf eine Nominierung in der Kategorie «Bester Hauptdarsteller» haben. Eine Nominierung in der Kategorie «Best Picture» wird davon abhängen, was da noch alles an Awards-Filmen kommen wird.

Da 5 Bloods ist seit dem 12. Juni 2020 auf Netflix abrufbar.

«Da 5 Bloods»
«Da 5 Bloods» © Netflix

I'm Thinking of Ending Things

Für das Skript zu Eternal Sunshine of the Spotless Mind erhielt Charlie Kaufman (zusammen mit Michel Gondry, Pierre Bismuth) den Oscar für das beste Drehbuch. Ob es für seine Regie- und Drehbucharbeit bei I'm Thinking of Ending Things ebenfalls für eine Auszeichnung reichen wird, darf jedoch bezweifelt werden. Als «zu kompliziert» wird Kaufmans neuster Film wahrgenommen.

Es geht darin um eine junge Frau, die mit ihrem Freund dessen Eltern auf dem Land besucht. Während der langen Fahrt hinterfragt sie ihr Leben und ihre Beziehung. Nachdem sie auf der entlegenen Farm angekommen sind, ereignen sich seltsame Dinge. Doch vielleicht wird der Mut, einen solch schrägen Film auf die Beine zu stellen, ja belohnt. Filme wie dieser sind besonders in Zeiten des Superheldenkinos äusserst rar geworden.

I'm Thinking of Ending Things ist seit dem 4. September 2020 auf Netflix abrufbar.
Zu unserer Kritik.

«I'm thinking of ending things»
«I'm thinking of ending things» © Netflix

The Trial of the Chicago 7

Beim neusten Film von Aaron Sorkin handelt es sich gar nicht um eine Netflix-Produktion. Das Passionsprojekt des oscarprämierten Drebuchautors von The Social Network war zuerst die grosse Awards-Hoffnung von Paramount. Doch das Hollywoodstudio verkaufte den Film vor ein paar Monaten an Netflix, sodass der Streamingdienst nun noch einen weiteren Pfeil im Köcher hat.

Der Film bringt einen zurück in den Sommer 1968, wo es in Chicago zum gewaltsamen Konflikt zwischen Demonstranten und Einsatzkräften kommt. Für den neugewählten Präsidenten Richard Nixon werden die Aktivisten damit zur politischen Zielscheibe. Den acht Angeklagten droht ein Schauprozess vor den Augen der Welt. Der mit Eddie Redmayne, Sacha Baron Cohen, Yahya Abdul-Mateen II, Mark Rylance und Joseph Gordon-Levitt exzellent besetzte Gerichtsthriller ist klassischer Oscar-Stoff, da er auf wahren Begebenheiten basiert und zum anderen einfach sehr gut geschrieben ist. Eine Nomination in der Königskategorie scheint zum Greifen nahe.

The Trial of the Chicago 7 läuft seit dem 1. Oktober in den Schweizer Kinos und ist seit dem 16. Oktober auf Netflix abrufbar.
Zu unserer Kritik.

«The Trial of the Chicago 7»
«The Trial of the Chicago 7» © Netflix

Hillbilly Elegy

Amy Adams und Glenn Close kommen zusammen auf 13 Oscar-Nominationen - gewonnen haben beide jedoch noch nie. In Hillbilly Elegy spielen die beiden Schauspielerinnen nun zum erstem Mal Seite an Seite. Ob es in Bezug auf Oscarauszeichnungen was bringen wird? Die Hoffnung ist sicherlich da, wurde die Bestsellerverfilmung doch immerhin von Oscarpreisträger Ron Howard inszeniert. Zudem kommen solch gut besetzte Adaptionen bei den Abstimmenden jeweils immer gut an.

Im Zentrum des Filmes steht der von Gabriel Basso gespielte J. D. Vance, der durch eine Familienkrise in seine Heimat zurückgerufen wird, die er eigentlich wegen seiner suchtkranken Mutter (Adams) hinter sich lassen wollte. Während er dort ist, erinnert er sich an seine Kindheit, die vor allem von seiner resolutenGrossmutter Mamaw (Close) geprägt war.

Hillbilly Elegy kommt am 12. November 2020 in die Schweizer Kinos und wird ab dem 24. November auf Netflix abrufbar sein.

«Hillbilly Elegy»
«Hillbilly Elegy» © Netflix

Mank

This is the big one! Die Oscar-Hoffnung Nummer eins für Netflix ist zweifelsohne Mank, der neue Film von David Fincher. Der Gone Girl-Regisseur ist berüchtigt dafür, dass er sich immer mal wieder mit Studiobossen anlegt, weil diese seine Visionen nicht akzeptieren. Netflix hingegen ist bekannt dafür, sich nicht gross in Produktionen einzumischen - die Regisseure haben fast komplett freie Hand und müssen es auch nicht unbedingt so genau mit dem Budget nehmen, denn die Konten von Netflix sind gut gefüllt. So kann man gespannt sein, was ein völlig losgelöster Fincher hier auf die Beine gestellt hat.

Er erzählt die Geschichte des alkoholkranken Drehbuchautor Herman J. Mankiewics und wie dieser das Skript zu Citizen Kane verfasste. Filme über die Traumindustrie sind beliebt bei der Academy - man erinnere an die Oscartriumphe von The Artist, Argo und bis zu einem gewissen Grad auch Birdman. Mit Gary Oldman, Amanda Seyfried und Charles Dance ist Mank zudem auch noch erstklassig besetzt. Es würde schockieren, wenn Fincher mit diesem Film bei der 93. Oscarverleihung nicht gross mitmischen würde.

Mank kommt am 19. November 2020 in die Schweizer Kinos und wird ab dem 4. Dezember auf Netflix abrufbar sein.

«Mank»
«Mank» © Netflix

Ma Rainey's Black Bottom

Einer der letzten Filme, die Chadwick Boseman (Black Panther) vor seinem Tod drehte, war diese Adaption des gleichnamigen Bühnenstücks des zweifachen Pulitzer-Preisträgers August Wilson. Das Musiker-Drama spielt während einer Plattenaufnahme in den 1920er-Jahren. Der legendäre Musiksuperstar Ma Rainey (Viola Davis) verspätet sich, weshalb die Band in einem viel zu engen Proberaum des Studios warten muss. Während dieser Wartezeit provoziert der ehrgeizige Trompeter Levee (Boseman) seine Bandkollegen mit enthüllenden Geschichten über Wahrheiten und Lügen.

Wird Boseman nach Peter Finch (Network) und Heath Ledger (The Dark Knight) zum dritten Schauspieler, der nach seinem Tod mit einem Oscar ausgezeichnet wird? Insider berichten, dass die Chancen nicht schlecht stehen. Eine Nomination sollte mindestens drinliegen.

Ma Rainey's Black Bottom hat noch keinen Schweizer Kinostart, wird jedoch am 18. Dezember 2020 auf Netflix veröffentlicht.

«Ma Rainey's Black Bottom»
«Ma Rainey's Black Bottom» © Netflix

The Midnight Sky

Dies dürfte zwar nicht gerade der heisserwarteste Film in dieser Liste sein, aber definitiv der grösste. Im Mittelpunkt dieser postapokalyptischen Geschichte steht Augustine (George Clooney), ein einsamer Wissenschaftler in der Arktis, der verzweifelt versucht, Sully (Felicity Jones) und ihre Astronautenkollegen daran zu hindern, nach Hause zurückzukehren, wo sie eine mysteriöse globale Katastrophe vorfinden würden.

Clooney scheint nach seinem Weltraumausflug in Gravity Gefallen an Sci-Fi-Geschichten gefunden zu haben. In weiteren Rollen in der Verfilmung von Lily Brooks-Daltons gefeiertem Roman «Good Morning, Midnight» sind David Oyelowo, Kyle Chandler, Demián Bichir und Tiffany Boone zu sehen. Wegen fehlender Blockbuster von den grossen Studios könnte The Midnight Sky zum Oscar-Abräumer in den technischen Kategorien werden.

The Midnight Sky kommt am 10. Dezember 2020 in die Schweizer Kinos. Der Netflix-Start ist am 23. Dezember.

«The Midnight Sky»
«The Midnight Sky» © Netflix

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Er liebt die Filme von Christopher Nolan, die Festivals in Cannes und Toronto und kann nicht wirklich viel mit Jean-Luc Godard anfangen, was aber wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Gewinner des Filmpodium-Filmbuff-Quiz 2019.

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