«Cortex»: Das Interview mit Regisseur und Darsteller Moritz Bleibtreu

Zum ersten Mal in seiner Karriere hat Schauspieler Moritz Bleibtreu mit «Cortex» einen Film selbst inszeniert, geschrieben und produziert. Wir sprachen mit ihm über seine neugewonnenen Erfahrungen.

© Warner Bros.

Er gehört dank Filmen wie Lola rennt, Das Experiment und Der Baader Meinhof Komplex zu den bekanntesten deutschen Schauspielern: Moritz Bleibtreu. Nun hat sich der geborene Münchner zum ersten Mal in seiner Karriere hinter die Kamera gewagt. Mit dem Psycho-Thriller Cortex gibt Bleibtreu dabei nicht nur sein Regie-Debüt, sondern verantwortete auch das Drehbuch.

Im Film geht es um den von Bleibtreu gespielten Hagen, der verstörende Albträume entwickelt und dem es bald nicht mehr gelingt, zwischen Traum und Realität zu unterscheiden. Es beginnt ein Verwirrspiel, bei dem das Thema «Bodyswitch» eine wichtige Rolle spielt und in dem sogar Christopher Nolans Inception zitiert wird. Fans von Mindfuck-Filmen werden auf ihre Kosten kommen.

Anlässlich der internationalen Premiere von Cortex am Zurich Film Festival trafen wir Bleibtreu zum Interview und sprachen mit ihm unter anderem über Inspirationen, einen kostengünstigen Hauptdarsteller sowie über einen guten Ratschlag von Steven Spielberg.

Wie ist die Idee zu Cortex entstanden, oder um es anders zu sagen, wie kam es zu der «Inception»?
Ich habe mich gewundert, weshalb noch nie jemand einen psychologischen Bodyswitch gemacht hat. Meistens kommen Bodyswitches in Komödien oder Actionopern wie Face/Off vor. Vom Psychologischen her ging jedoch noch kaum jemand an die Sache heran. Dabei ist es doch das Naheliegendste. Als ich jung war, habe ich mich nur in Leute hineingeträumt. Ich wollte nie ich sein, wollte lieber Bruce Lee oder andere sein. Was wäre also, wenn du tatsächlich im Körper eines anderen erwachen würdest? Was würde das psychologisch mit dir machen? Also habe ich mir gedacht: «Bodyswitch» und «psychologisch», wie könnte das zusammenkommen? So kam es zur Idee.

«Cortex»
«Cortex» © Warner Bros. Ent. All Rights Reserved.

Was waren die Inspirationen beim Drehbuchschreiben?
Die Initialzündung, zumindest für die Narrative, war sicherlich Memento, weshalb ich im Film auch Nolan mit Inception und dem Kreisel zitiere. Nolan hat mit seinen Filmen die Erzählstrukturen im Kino nochmals vollkommen auf den Kopf gestellt. Ich mochte das auch schon in der Literatur, dass man jemanden auf die falsche Fährte lockt. Das ist jedoch unglaublich schwer zu schreiben, da du nicht emotional schreibst, sondern der Prozess eher an Soduku erinnert. Aber mich reizte das. Mit Cortex wollte ich - um es mit den Worten von Quentin Tarantino zu sagen - einen Film machen, den ich selbst gerne auf einer (deutschen) Leinwand sehen würde.

Neben der Rolle als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent bist zu bei Cortex ja auch noch einer der Hauptdarsteller. War das so vorgesehen?
Ursprünglich wollte ich gar nicht mitspielen. Dass ich es trotzdem getan habe, lag an meiner Nichterfahrung als Regisseur. Als sich Warner Bros. entschieden hat, den Film zu produzieren, ging alles plötzlich ganz schnell und ich hatte drei Monate Zeit, den Cast zusammenzubekommen. Beim Casting habe ich dann niemanden gefunden, bei es wirklich «Klick» gemacht hat. Das lag aber auch an mir. Denn ich war so blöd, das Drehbuch zu schreiben, ohne dabei an Schauspieler zu denken. Ich dachte dann einfach, bevor ich jemanden nehme, bei dem ich nicht 100 % sicher bin, verpflichte ich lieber mich selber. Dann kann ich nur mir vorwerfen, dass ich mich selbst fehlbesetzt habe. Auch produktionstechnisch war es ganz gut, weil wir den Bleibtreu ganz billig bekommen haben (lacht).

Mit Stereo hast du ja schon mal einen Mindfuck-Film gedreht.
Ich war etwas genervt, als ich das Skript zu Stereo bekommen habe, denn damals hatte ich die Idee zu Cortex schon und dachte zuerst, dass mir jemand zuvorgekommen ist. Aber man muss sagen, dass Stereo dann schon nochmals eine ganze Schippe anders ist. Aber dieser Film und Lola rennt sind schon die einzigen deutschen Filme, die man mit Cortex vergleichen kann. Solche Filme werden ja auch eher selten in Deutschland gemacht.

Moritz Bleibtreu und Jürgen Vogel in «Stereo»
Moritz Bleibtreu und Jürgen Vogel in «Stereo» © Wild Bunch

Du kennst das Filmemachen ja schon sehr gut durch deine jahrzehntelange Tätigkeit als Schauspieler. Hast du jetzt als erstmaliger Regisseur und Drehbuchautor noch Aha-Momente erlebt?
Als Schauspieler denkst du dir, dass du, wenn du mal Regie führen wirst, alles so machen wirst, wie du es dir vorstellst. Aber das ist ein Denkfehler und war für mich der grösste Aha-Effekt. Am Ende machst du im besten Fall einen Film, den alle gemacht haben.

Du hast in deiner Karriere mit bekannten Regisseuren zusammengearbeitet. Hast du von diesen wertvolle Tipps für dein Regiedebüt bekommen?
Als ich mit Steven Spielberg während den Dreharbeiten zu Munich mal zu Abend gegessen habe, wollte ich von ihm wissen, ob er mir in einem Satz erklären könne, was ihn und seine Arbeit ausmache. Auf English: «How do you do it?» Er sagte mir dann, dass er eigentlich nichts täte. Was er jedoch mache, ist, die besten Leute auf der Welt zu engagieren und diesen dann zu sagen, wie grossartig sie sind. Diesen Ratschlag habe ich nie vergessen.

Und was war der schlechteste Ratschlag?
«Mach keine Kompromisse». Das geht jedoch nicht, Filmemachen ist ein ständiger Kompromiss - von morgens bis abends. Wenn du nicht bereit bist, dich von deinen Vorstellungen zu lösen und das Neue anzunehmen, dann wird es schwer. Du kannst natürlich schon dein Ding durchziehen, aber dann machst du dir viele Feinde, schläfst schlecht und es wird ziemlich anstrengend.

Cortex läuft ab dem 22. Oktober 2020 in den Schweizer Kinos.

© Warner Bros. Ent. All Rights Reserved.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Er liebt die Filme von Christopher Nolan, die Festivals in Cannes und Toronto und kann nicht wirklich viel mit Jean-Luc Godard anfangen, was aber wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Gewinner des Filmpodium-Filmbuff-Quiz 2019.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. E-Mail
  4. Twitter
  5. Letterboxd
Teilen
Auf Facebook teilen  Auf Twitter teilen 
Datum
Quelle
OutNow
Themen