«Irgendwann spiele ich die Grossväter»: Das Interview mit Til Schweiger zu «Gott, du kannst ein Arsch sein»

In dem Film von André Erkau spielt Schweiger einen Vater, der seiner ausgebüxten schwerkranken Tochter Richtung Paris hinterherjagt. Wir trafen den deutschen Star während des 16. ZFF zum Gespräch.

Schweiger in «Gott, du kannst ein Arsch sein» © Impuls Pictures AG

Warum hat dich die Rolle angesprochen?
Das Wichtigste ist, dass das Drehbuch mir insgesamt gefällt. Ich schaue eher auf das Gesamtpaket als auf eine Rolle. Eine gute Rolle in einem schlechten Drehbuch bringt genauso wenig wie umgekehrt. Ich fand das Drehbuch sehr schön. Es hat mich ein bisschen an Knockin' on Heaven's Door erinnert, und ich fand natürlich auch die Rolle stark genug, dass ich sie spielen wollte.

Was ist dein persönlicher Bezug zum Titel?
Er gefällt mir sehr gut, weil er provokant ist. Ich selbst habe keinen Bezug dazu, da ich eher zu den Ungläubigen gehöre. Mit 15 ist mein heissgeliebter Kater verschwunden und wir haben den tagelang gesucht, sind die Strassen abgelaufen und haben geguckt, ob er irgendwo überfahren worden ist. Da habe ich jede Nacht zu Gott gebetet, dass mein Kater wieder zurückkommen möge. Da kam der aber nicht und so dachte ich, dass das ja auch nichts bringt.

Seither glaubst du nicht mehr an Gott?
Zwar glaube ich schon, dass es so was gibt wie Geister in Form von Energien. Ich habe Menschen verloren, die ich noch immer stark um mich herum spüre, aber an den lieben Gott und den Himmel glaube ich leider nicht. Ich würde gerne daran glauben. Ich versuche das seit Knockin' on Heaven's Door. Damals bin ich das auch gefragt worden und das ist jetzt fast 25 Jahre her. Bis jetzt ist mir das noch nicht gelungen, aber ich arbeite weiter daran.

Heike Makatsch mit Til Schweiger in «Gott, du kannst ein Arsch sein»
Heike Makatsch mit Til Schweiger in «Gott, du kannst ein Arsch sein» © UFA FICTION 2019 Thomas Kost

Welche künstlerischen Begegnungen haben dich in deiner Karriere am meisten geprägt und dazu beigetragen, dass du heute der Schauspieler bist, den wir in diesem Film gesehen haben?
Mich hat irgendwie alles geprägt, weil ich wie ein Schwamm bin. Ich bin sehr neugierig und habe schon früh alles beobachtet. Bereits nach Manta, Manta habe ich mir überlegt: wieso macht der Regisseur das so? Warum hält der Kameramann die Kamera dahin? Warum stellt der Oberbeleuchter den Butterfly hier auf und nicht dorthin? Das hat mich schon sehr früh geprägt, und ich habe immer zugeguckt, wie die das machen, im Guten wie im Schlechten. Ich hatte auch Regisseure, bei denen ich gedacht habe, dass der Film so gar nicht gut werden kann, wenn sie so mit den Leuten gingen. Das schauspielerisch prägendste Erlebnis war wohl mein erster Dreh mit Heiner Lauterbach.

Weshalb?
Er hat zwischen den Takes die ganze Zeit rumgealbert und ich sagte ihm, dass er sich mal auf seine Rolle konzentrieren müsse. Da sagte er, er sei total konzentriert, er albere hier rum, damit er vergesse, dass er am Filmset sei und ihm 100 Leute zuguckten. Da dachte ich mir, dass das gar nicht so dumm sei und habe mir das abgeguckt. Bei Manta, Manta, meinem ersten Film, war mein Puls zwischen den Takes auf 180, weil ich so nervös war. Ich dachte, dass ich perfekt spielen müsse. Dann setzt du dich unter Druck und wirst nervös. Wenn du nervös bist, kannst du nicht locker sein. Und das ist die Grundvoraussetzung vom Schauspiel. Das war ein super Tipp vom Heiner.

Worin unterscheidet sich dein Ansatz in deinen Rollen als Schauspieler, Regisseur und Autor?
Wenn du Regie machst oder ein Drehbuch schreibst, bist du kreativ, und wenn du Schauspieler bist, bist du nicht kreativ, sondern du setzt das um, was irgendjemand anders kreiert hat. Du bringst das zum Leben, was jemand anders geschrieben hat oder was jemand anders inszeniert. Filme machen ist ein Gesamtwerk. Darin sind ja ganz viele Gewerke, die zusammenspielen mit ganz vielen Leuten wie Regie, Kamera, Ton, Makeup oder Kostüm. Das sind alles kreative Menschen und da ist der Schauspieler eigentlich der unkreativste davon. Der muss einfach nur gut spielen.

Til Schweiger mit Regisseur André Erkau am Set von «Gott, du kannst ein Arsch sein»
Til Schweiger mit Regisseur André Erkau am Set von «Gott, du kannst ein Arsch sein» © UFA FICTION 2019 Thomas Kost

Wie war es für dich, als Vater in diese Rolle zu schlüpfen?
Das habe ich ganz strikt getrennt. Für mich war das ein Film und ich war diese Figur. Wenn ich diese Figur spiele, denke ich, dass das real ist. In dem Fall bin ich nicht der Til, der jetzt an seine Kinder denkt, sondern der Frank, der erfährt, dass seine Tochter todkrank ist. Ich stelle mir vor, dass das passiert, dass das real ist, aber ich denke in dem Moment nicht an meine Kinder. Ich kann aber die Angst, die ich als Vater habe, die jeder Vater, jede Mutter hat, die ihre Kinder lieben, nachempfinden. Es ist das Schlimmste, was passieren kann, wenn ein Kind von dir geht.

Ist dir das in deinem Umfeld auch schon passiert?
Ja, schon mehrfach, und ist einfach schrecklich. Das ist die grösste Angst, die man hat. Man muss sich von der Angst zu lösen versuchen, weil man sonst verrückt wird. Wenn ein Kind geboren wird, hast du zwei ganz grosse Gefühle. Das eine ist unendliche Liebe und im nächsten Moment praktisch gleichzeitig unendliche Angst und das verlierst du dein Leben lang nicht.

Wie ist es, eine reale Figur zu spielen, die ein Zeitgenosse ist?
Ich habe Frank Pape erst während der Dreharbeiten getroffen. Er kam mal zum Set und war auch auf der Premiere in München. Er hat sehr schöne Worte zu meiner Darstellung gefunden. Er fand es ganz toll war sehr dankbar. Wenn ich die Chance gehabt hätte, ihn vorher zu treffen, hätte ich das vermieden. Ich will frei sein, die Figur, die auf dem Papier steht, so zu spielen, wie ich sie empfinde. Ich versuche, mir vorzustellen, wie ich reagieren würde, wenn ich diese Figur wäre und sie so zu interpretieren. Jemanden nachspielen wollte ich nicht.

«Gott, du kannst ein Arsch sein»
«Gott, du kannst ein Arsch sein» © UFA FICTION 2019 Thomas Kost

Wie haben sich deine Rollenangebote in der Zeit verändert?
Mein Papa hat sich früher immer Sorgen gemacht, dass ich meine Rollen nicht mehr spielen kann, wenn ich älter werde und nicht mehr so jung aussehe. Daraufhin sagte ich ihm, dass ich dann halt die Väter spiele, was ich ja schon ein paar Mal getan habe. Irgendwann spiele ich die Grossväter, und ich erklärte ihm, so viel müsse er mir schon zutrauen, dass ich das gebacken kriege. Das Schöne am Schauspielberuf ist ja, dass man, wenn man halbwegs gesund bleibt, bis ins hohe Alter spielen kann. Die Rollenanforderungen verändern sich einfach.

Gott, du kannst ein Arsch sein läuft seit dem 8. Oktober 2020 in den Schweizer Kinos.

Giancarlo Schwendener [gia]

Giancarlo ist James Bond 15 Jahre lang auf Augenhöhe begegnet. Mit dem Abgang von Daniel Craig ist damit vorerst Schluss, aber er hat diese Zeit genossen. Er liebt die grosse Anzahl an denkwürdigen Filmen, aber drei Leute bilden für ihn das Triumvirat: Sergio Leone, Robert De Niro und Marlon Brando.

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