«Undine»: Das Interview mit Christian Petzold, Teil 2

Im zweiten Teil unseres Interview mit Regisseur Christian Petzold kommen wir unter anderem auf Unterwasserszenen, Meerjungfrauen sowie Hauptdarstellerin Paula Beer zu sprechen.

© Filmcoopi

Zum ersten Teil des Interviews mit Christian Petzold

Ein Teil des Films spielt im Wasser der Talsperre. Wie liefen die Dreharbeiten unter Wasser und was war dort die grösste Herausforderung?
Die allergrösste Herausforderung war die technische Umsetzung. Ein Film, den Ray Harryhausen mit Einzelbildtechnik gemacht hat - wie Sindbads siebente Reise - ist für meine Kinder und mich von den Tricks her immer noch beeindruckender als zum Beispiel die ersten zwei Star-Wars-Folgen. Das Zaubernde ist eigentlich nicht der neuste technische Stand, sondern es sind auch die Plastikwellen einer Augsburger Puppenkiste, die mehr verzaubern als eine Computersimulation. Die Simulation altert schnell und die Filme sehen dann aus wie Bildschirmschoner.
Um diesen Zauber der Unterwasserwelt zu haben, wie in der Jules-Verne-Verfilmung von Richard Fleischer, müssen wir die Welt bauen. Der Zauber muss nicht nur für die Kamera da sein, sondern auch für die Schauspieler. Die Schauspieler müssen das Gefühl haben, in einem riesigen Märchenaquarium ihre Geschichte zu erleben. Also haben wir in einem Tank in den Babelsberger Filmstudios eine Welt gebaut und dann fingen die Probleme an. Ich wollte Wasserpflanzen und hatte dieses Bild im Kopf aus Charles Laughtons The Night of the Hunter, in dem Shelley Winters Unterwasser ist und ihre Haare diese Wellenbewegungen haben. Deshalb mussten wir Pflanzen finden, die Unterwasser diese Bewegungen haben. Wir konnten aber keine echten Pflanzen nehmen, weil das Wasser dann veralgt worden wäre. Das Wasser muss nämlich 38 Grad für die Taucher und die Schauspieler haben. Das gleiche Problem hatte Jack Arnold in Creature from the Black Lagoon, deshalb hatten die kaum Pflanzen da unten. Aus diesem Grund haben wir Plastikpflanzen bauen lassen und sie in Testaquarien ausprobiert.

Also war Unterwasser alles echt im Film, da war nichts digital in den Einstellungen?
Da war alles total echt. Alles unter Wasser war echt bis auf den Fisch. Die Trübung und das Licht wurden mit dem Computer gemacht, aber es war eigentlich alles ein Zauberreich. Für die Schauspieler war es extrem wichtig.

Meerjungfrauen und Nixen haben im Film oft etwas Bestialisches. Hatten Sie Interesse an der Darstellung von Horror in Undine?
Da muss man immer die Balance finden. Man muss in dem Moment, in dem jemand stirbt, mit dem Opfer fühlen und man muss vor der Mörderin etwas Angst haben. Der Mord darf nicht zu einfach sein. Es war wichtig, dass diese Figur, die wirklich die uneitelste Liebe sucht, in diesem Moment eine kalte Mörderin sein kann.

In einer Kritik zu Undine wird Paula Beer quasi als Nachfolgerin von Nina Hoss beschrieben und in den Raum gestellt, dass es ein Frauenideal bei Christan-Petzold-Filmen gäbe, ganz ähnlich zu Alfred Hitchcock. Würden Sie dem zustimmen, dass es eine typische Frauenfigur in ihren Filmen gibt?
Ich finde, man kann sagen, dass Tippi Hedren, Kim Novak und Grace Kelly ein gewisses Ideal für einen Regisseur darstellen. Meistens erzählen aber Filme über Musen auch gleichzeitig Kritik an dieser Produktion. Hitchcock ist sich dessen immer bewusst in den Filmen. Es ist nicht nur so, dass diese Frauen begehrt werden, sondern die Schauen zurück und machen Angst. Deshalb nehme ich Hitchcock erst mal hier raus. Ich selber habe das Gefühl überhaupt nicht. Damals, als wir Transit gedreht haben, kam ein französischer Journalist und fragte, ob die Paula Beer die Nachfolgerin von Nina Hoss sei.

Das ist auch so ein Journalisten-Ding, dass man immer einen Nachfolger braucht.
Absolut. Und dann habe ich ihm gesagt: «Nee, Franz Rogowski ist die Nachfolgerin von Nina Hoss.»

Franz Rogowski in «Undine»
Franz Rogowski in «Undine» © Schramm Film/Marco Krüger

Eine gute Wahl.
Es ist nicht so, dass weil Nina älter geworden ist, ich jetzt eine um 20 Jahre jüngere Schauspielerin suche.

Sie passt natürlich nicht mehr auf alle Rollen.
Nein, Nina hätte nicht die Undine spielen können und es wäre auch schon in Transit schwer gewesen. Es ging ja auch darum, dass es in Transit ein Mädchen ist, die im Grunde genommen erst zur Frau wird. Ich habe mit Nina auch darüber gesprochen und habe ihr gesagt, dass wir sicherlich auch wieder zusammen arbeiten. Aber diese zwei, drei Projekte jetzt muss ich mit jemandem anders drehen, weil es nicht passt. Aber die Paula ist bestimmt jemand, mit der ich auch öfter arbeiten werde.

Der Kinostart von Undine wurde ja aufgrund der Pandemie verschoben. Andere Film wurden stattdessen als Video-on-Demand veröffentlicht. Welche Bedeutung hat ein regulärer Kinostart für Ihre Filme?
Es gibt ein ganzes altes Zitat von Jean-Luc Godard. Bei jeder Kopie, die in Frankreich ins Kino kommt, steht unten eine Visa-Nummer. Das heisst der Film hat einen Pass, eine Identität. Fernsehfilme hätten kein Visum, sagt Godard.
Ich war selbst an Covid-19 erkrankt und wochenlang zuhause, auch noch in Quarantäne. Ich war natürlich auf den Streamingdiensten und im Fernsehen ordentlich unterwegs in der Zeit. Und das hat alles mit Kino gar nichts zu tun. Das ist mir einfach klar geworden. Das ging mir so auf den Sack, das kann man sich gar nicht vorstellen. Zum Beispiel Uncut Gems, eine Netflix-Produktion.

Der Film lief in der Schweiz leider gar nicht in den Kinos.
Er lief auch in Deutschland nicht, kam gar nicht in den Kinos. Es geht so nicht. Im Grunde genommen bedienen sich die Streamingdienste - genau wie früher das Fernsehen - am Kino wie an einem Wirtstier, wo sie Mythen absaugen. Und dann lassen sie es wie ein ausgeweidetes Tier auf der Strasse liegen. Das hat alles mit Kino überhaupt nichts zu tun. Kino ist ein Ort, wo ich überrascht werde. Wo ich allein bin, in Gesellschaft, was einer der schönsten Zustände ist, die Menschen haben können. Die Bars und das Kino haben etwas miteinander zu tun, auch das Fussballstadion; Geisterspiele sind für mich Netflix.
Ich bin nicht so ein Nostalgiker, obwohl ich den nächsten Film in 35-mm drehen werde. Es gibt viele Gründe, aber das Kino als Ort ist einer der wichtigsten Orte für Städte. Wenn ich in eine Stadt komme, die kein Kino hat, ist das so ähnlich wie diese Durchfahrtsstädte in den USA, wo es nur einen Supermarkt, einen Reifenladen und eine Tankstelle gibt. Kino gehört zu einer Stadt wie ein Park, ein Markt, Boulevard, Bars und Restaurants. Jeder, der dafür sorgt, dass so etwas aus den Städten verschwindet, zerstört Gesellschaft. Und Kino ist Gesellschaft. Fernsehen ist Vereinzelung und Tod.

«Undine»
«Undine» © Schramm Film

Dem kann ich nur zustimmen. Die Kinos hatten auch in Deutschland länger geschlossen. Was war Ihr erster Kinofilm nach der Pause?
Wir waren mit Undine ja der erste Film in Deutschland. Mit uns wurde das Kino wiedereröffnet. In der ersten Woche bin ich herum gefahren, nicht nur, um für den eigenen Film Reklame zu machen, sondern um die Kinos zu begleiten und einen Event zu erschaffen. Das war für mich so ein bisschen wie in einem Science-Fiction-Film. Da kommt ein SOS von einem fernen Planeten, man fährt hin und dort ist eine verlassene Basis. Und dann versucht jemand, die Basis wieder zum Laufen zu bringen und plötzlich gibt es wieder Sauerstoff und Licht. Die Projektoren in den Kinos liefen an, die Popcornmaschinen fingen an. Die Menschen, die dort arbeiten, hatten wirklich Tränen in den Augen, als sie wieder arbeiten konnten. Und die Tour hat sehr viel Spass gemacht.

Und Ihr erster Kinobesuch nach Undine?
Nach dieser Woche bin ich ins Kino gegangen und habe The Wild Pear Tree von Nuri Bilge Ceylan gesehen. Ich war mit meiner Frau dort und es war nur ein anderer Mann im Kino, der sagte, als wir den Saal betraten: «Gott sei Dank bin ich nicht allein!» Und der Film ist toll. Da ist eine Liebesszene, die kannst du dir nicht vorstellen. Es ist eine der Schönsten, die ich seit Jahren gesehen habe.

Ich habe vor Kurzem noch einmal Barbara gesehen und darin sagt Nina Hoss' Figur zu Ronald Zehrfeld den Satz: «Du spinnst. In diesem Land kann man nicht glücklich werden.» Dieser Satz hat sich bei mir so eingeprägt und ich habe mir gedacht, er passt auf sehr viele Film von Christian Petzold. Ich musste sofort an Transit denken, aber auch an Phoenix und jetzt Undine.
Das stimmt, aber ich glaube, wenn die Leute diesen Satz sagen, dann ist das nicht meine Meinung. Ich versuche, die Filme so zu machen, um eine Antwort auf diese Aussage zu bekommen. Natürlich kann man hier glücklich werden! Aber dafür muss gearbeitet werden, dafür müssen wir auch Übertretungen machen, vielleicht kriminell werden. Aber man kann glücklich werden, wenn man diese Welt hier wieder verzaubert, wenn man nicht aufgibt.
Da kommen wir zur Anfangsfrage mit den Gespenstern zurück. Leute, die sagen: «Ich kann hier nicht glücklich werden, ich gehe weg.» Es gab damals einen Film von Michael Klier, Überall ist es besser, wo wir nicht sind. Dort zogen die Leute immer weiter, immer weiter und irgendwann ist Schluss. Da bist du im Westen, stehst in Los Angeles oder San Francisco - wo sollst du jetzt noch hingehen? Es ist doch viel wichtiger, dass man diese Welt angreift, die einen erschöpft. Oder sich einen Teil rausschneidet. Ronald Zerfeld antwortet in Barbara: «Natürlich kann man hier glücklich werden. Wir machen jetzt Aubergine. Wir können uns küssen und wir können so lange operieren, dass dieses System uns am Arsch lecken kann.» Und diesen Glauben hat Barbara (gesp. v. Nina Hoss, Anm. d. Red.) im Film verloren. Im Grunde genommen wird sie wieder ein Mensch durch die Überzeugungskraft des anderen.

Undine läuft seit dem 27. August in den Schweizer Kinos.

© Filmcoopi

Sven Martens [sma]

Sven schreibt seit 2015 als Freelancer bei OutNow. Seine Sehnsucht nach Amerika reicht von Martin Scorseses New York über die weiten Steppen von John Ford bis hin zu Howard Hawks' Traumfabrik in Hollywood. In seiner Freizeit guckt er gerne Filme von Éric Rohmer.

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