«Undine»: Das Interview mit Christian Petzold, Teil 1

Wir trafen den gefeierten Regisseur Christian Petzold anlässlich des Kinostarts seines neuesten Filmes in Zürich. Im ersten Interview-Teil geht es unter anderem um Geister und Adam Sandler.

© Filmcoopi

Die Undine ist ein uralter Wassergeist, eine Sagengestalt, die sich durch die Epochen zieht und von Kunst und Literatur zahlreich aufgegriffen wurde, unter anderem im Märchen von Hans-Christian Andersen oder in der deutschen Romantik von Friedrich de la Motte Fouqué. Die Nixe träumt von der ewigen Liebe und einem Leben über dem Meeresspiegel.

In seinem neuesten Film verlagert der deutsche Regisseur Christian Petzold die Undine ins moderne Berlin. Die Historikerin Undine Wibeau (Paula Beer) droht von ihrem Freund verlassen zu werden. Doch bevor es zum Unglück kommt, verliebt sie sich in den Industrietaucher Christoph (Franz Rogowski). Das Liebespaar pendelt zwischen der Hauptstadt und der deutschen Provinz und versucht dabei, Undines Fluch hinter sich zulassen.

Wir trafen den Regisseur anlässlich des Schweizer Kinostarts von Undine in Zürich zum Interview und sprachen mit ihm über Meerjungenfrauen, Schauspielerinnen als Musen, das Kino nach Corona und noch vieles mehr.

WARNUNG: Dieser Teil des Interviews enthält Spoiler zu Transit und Uncut Gems.

Warum haben Sie sich für Ihren neuen Film ausgerechnet für den Mythos der Undine entschieden?
Das ist schon eine längere Geschichte. In vielen Filmen, die ich gemacht habe, sind Frauenfiguren im Mittelpunkt. Und da besteht immer die Gefahr, dass aus den Frauenfiguren Musen oder Projektionen werden. Und die Undine ist ja so eine Muse. Als ich damals mit Nina Hoss über Phoenix gesprochen habe, sowie über Vertigo und Pygmalion, da kam uns auch der Name Undine noch einmal unter. Ich hatte in der Zeit von Peter von Matt - sogar ein Schweizer - ein Buch namens «Liebesverrat: die Treulosen in der Literatur» gelesen. Dort gibt es ein ganzes Kapitel über die Undine, die ja immer eine Verratene ist. Und es erhebt sich irgendwann die Stimme von Ingeborg Bachmann (Anm. d. Red.: österreichische Schriftstellerin) als Undine, die als Verratene sagt: «Es ist ja grauenhaft, meine Identität ist nur durch Männer und den Verrat definiert. Aber ich möchte selber eine Identität haben.» Und das ist für mich Kino, wenn man jemanden hat, der sich etwas wünscht, was er noch nicht ist. Das ist dann wie ein Bankraub.

Man hat das grosse Ziel immer vor den Augen.
Als wir Undine beendet hatten, habe ich mir den Film Uncut Gems angeschaut.

Toller Film!
Ja, ich war total begeistert. Ich fand den vorherigen Film der Safdie-Brüder auch schon Weltklasse, aber der hat mich noch mal so richtig begeistert. Und dann dachte ich, eigentlich sind die Glückssucher, die es nicht einsehen, die gegen die Mauer laufen und trotzdem immer weiter machen, die Protagonisten des Kinos. Und dann dachte ich Undine und der Adam Sandler, die haben was miteinander zu tun.

Adam Sandler in «Uncut Gems»
Adam Sandler in «Uncut Gems» © A24

Hatten Sie Paula Beer bereits im Kopf als Sie das Drehbuch geschrieben haben?
Damals, als wir Transit gedreht haben, das war die erste Arbeit mit Franz Rogowski und Paula Beer, sassen wir am letzten Drehtag in der Pizzeria des Films. Wir hatten alles abgedreht und in einer halben Stunde würde der LKW kommen und den Laden abreissen. Es gab so eine sentimentale Stimmung und ich sagte: «Gut, jetzt bist du ertrunken, Paula. Unterwasser suchst du weiter nach deinem Mann und Franz ist oben am Strand und wartet, dass die Schiffbrüchige doch noch zurückkommt.» Ich hatte eine Kurzgeschichte zu Undine geschrieben. Darin geht es um eine Frau, die aus dem Wasser kommt und die Liebe sucht. Und einen Mann, der ins Wasser geht und die Liebe sucht. Das wäre doch eine Fortsetzung für die beiden Figuren aus Transit. Den Rest habe ich improvisiert, denn ich hatte nur den Dialog aus dem Mythos: «Wenn du mich verlässt, dann musst du sterben». Sie haben mir danach gesagt, das wäre perfekt gewesen. Aber ich glaube, sie haben gemerkt, dass ich improvisiert habe. Damit war der Vertrag eigentlich schon geschlossen.

Was fasziniert Sie besonders an Geistern oder gespenstischen Figuren, die ihre Filme durchziehen?
Es ist so eine komische Erfahrung, die ich gemacht habe. Mit 16 habe ich angefangen, regelmässig ins Kino zu gehen, also so eine Art Nerd-Cineast zu werden. Und ich habe erst zehn Jahre später ein bisschen darüber nachgedacht, was ich eigentlich die ganze Zeit da angucke. Ich habe dann Harun Farocki (deutscher Regisseur, Anm. d. Red.) kennengelernt und wir haben sehr viele Filme gemeinsam gesehen. Irgendwann haben wir darüber gesprochen, dass fast alle Figuren, denen wir im Erzählkino folgen, im Begriff sind zu verschwinden. Es löst sich etwas auf: eine Ehe, ein Arbeitsverhältnis, eine Existenz. Die Figuren sind im Begriff, Gespenster zu werden. Oder die Filme handeln von Gespenstern, die sich materialisieren wollen. Zum Beispiel nach 25 Jahren Knast der eine letzte Überfall oder Uncut Gems: Das mache ich. Die zwei Millionen, die gewinne ich. Der arme Kerl, der Adam Sandler, wird ja erschossen am Ende von diesen primitiven Geldeintreibern, weil er etwas hat, was sie nicht haben, nämlich Begeisterung. Das ist auch etwas, was Gespenster auszeichnet, sie haben eine Begeisterung. Sie haben tiefe Gefühle, die wir nicht mehr haben. Die Gespenster zeigen uns eigentlich an, was wir verloren haben.

«Undine»
«Undine» © Schramm Film

Undine ist ja ein sehr romantischer Film. Sehen sie räumliche Distanz zwischen Undine und Christoph auch als eine Art Stadtflucht oder passt das einfach zu Undines Figur, dass sie auf der Flucht vor dem eigenen Schicksal ist?
Ich hätte die Geschichte natürlich auch so schreiben können, dass die Undine aus dem Wasser der Spree oder der Havel kommt. Dann hätte man alles in Berlin gedreht. Die Wahl der Drehorte hat nichts mit der Filmförderung zu tun, sondern ich stamme aus der Region der Talsperren. Und diese Talsperren sind zumeist in Tälern, in denen Dörfer geflutet wurden. In dieser Gegend gibt es Sagen und Mythen, und es gibt auch Gunther, den Zwei-Meter-Wels. Es gibt dort viel mehr zu erzählen als in Berlin. Berlin ist eigentlich sagenfrei. Es ist eine preussisch-protestantische Stadt und alles, was in Berlin an Erzählungen da ist, kommt von aussen. Entweder von den Studenten der 68er-Bewegung, von den Hugenotten oder von den Juden, die aus dem Osten kamen. Die haben Kultur in Berlin gemacht. Berlin bearbeitet sie, aber die Mythen kommen woanders her. Deshalb gibt es diese Reise im Film.
Der zweite Grund war, dass diese Talsperren zu einer bestimmten Zeit gebauten wurden. In der Schweiz gab es damals den «blauen Stahl», den Sensenstahl. Und der Thyssen (deutscher Industrieller, Anm. d. Red.) hat dieses Patent gestohlen und es in das Ruhrgebiet gebracht. Der ganze Reichtum des Ruhrgebiets kommt von diesem Diebstahl und von der Energie der Talsperren, die er brauchte.
Die Talsperren sind geflutete, romantische Dörfer. Aber darüber liegt schon die Industrialisierung, die Entzauberung der Welt. Das kann man in den Talsperren sehen. Die Mauern sehen aus wie alte gotische Schlösser, aber es geht eigentlich darum, brutalen Stahl herzustellen. Und das hat mir gefallen, deshalb habe ich die Handlung dorthin verlegt.

Ist Undine bezogen auf diese westfälische Provinz auch ein Stück weit ein Heimatfilm für Sie?
Ja, es war sogar ganz brutal für mich. Ich hatte sechs Monate vor Drehbeginn eine Reise gemacht zu allen Talsperren. Im Winter sehen sie noch mythischer aus. Bei allen Talsperren, die ich ausgesucht habe, wurde uns verboten zu drehen, weil es Trinkwasser-Reservoire sind. Wir durften darin also nicht tauchen. Dann haben sie uns eine andere Talsperre angeboten und ich dachte nur, die kenne ich. Ist das jetzt so ein krankes Déjà-vu, habe ich mich gefragt, und dann fiel es mir ein. Hier war unser Schullandheim, in dem ich jede Osterferien verbracht habe. Hier habe ich meinen ersten Zungenkuss gekriegt, der schmerzhaft war, weil die Frau nachher nichts mehr von mir wissen wollte. Marienheide hiess der Ort und die Talsperre kenne ich von meiner Kindheit her. Das war nicht gewollt, aber ich bin hineingerutscht.

Einer dieser Zufälle.
Genau.

Christian Petzold am Set von «Undine»
Christian Petzold am Set von «Undine» © Filmcoopi

Im Prinzip sind ja beide Hauptfiguren im Film auf ihre Weise Freelancer. Ist das auch eine Romantisierung eines modernen Berufs, der einem ein Stück Freiheit gibt?
Ich glaube, das ist eine Reaktion auf Sachen, die ich mit Harun schon Ende der Achtzigerjahre besprochen habe. Das Thema für uns im Kapitalismus ist, dass unsere Identität die Arbeit ist. Was wir arbeiten, das ist unsere Identität. Wenn wir auf eine Party sind, fragt man sich: «Was machst du so?»

Das ist hier in der Schweiz noch viel extremer.
Das kann ich mir vorstellen. Also, Arbeit ist unsere Identität, aber gleichzeitig geht uns die Arbeit aus. Entlassungen bei den grossen Firmen, Produktionen wandern ab. Wir haben viele Bereiche, wo die Leute gar nicht mehr wissen, wie man diese Arbeit noch beschreiben kann.
Damals für Yella haben wir in Hannover recherchiert. Wir wollten in einer Firma drehen und da standen unten etwa 300 fahrbare Container, das waren die Büros. Die Leute, die dort im Innen- und Aussendienst bei der Versicherung beschäftigt sind, brauchen nicht dauernd ein eigenes Büro. Aber auf jedem Container klebten Kinderbilder, Urlaubsbilder, Blümchen. Dadurch, dass jeder kein soziales Umfeld mehr hat, weil er seinen Container immer an einen anderen Platz fährt, ist das so, als wenn wir in einem No-Name-Hotel eincheckten. Dadurch herrschen eine unfassbare Einsamkeit und eine Zerstörung des Kollektiven und des Gemeinwesens. Das ist so ein bisschen das Thema des Films. Und deshalb kann ich mir heutzutage Berufe nur noch in der Form des Freelancers vorstellen. Die neoliberale Ideologie, die sagt: «Das ist Freiheit», das glaubt jetzt langsam keiner mehr. Das ist keine Freiheit, das ist furchtbar.

Undine läuft seit dem 27. August in den Schweizer Kinos.

Zum zweiten Teil des Interviews mit Christian Petzold

© Filmcoopi

Sven Martens [sma]

Sven schreibt seit 2015 als Freelancer bei OutNow. Seine Sehnsucht nach Amerika reicht von Martin Scorseses New York über die weiten Steppen von John Ford bis hin zu Howard Hawks' Traumfabrik in Hollywood. In seiner Freizeit guckt er gerne Filme von Éric Rohmer.

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