«Berlin Alexanderplatz»: Das Interview mit Regisseur Burhan Qurbani

Burhan Qurbani hat sich den gefeierten Roman von Alfred Döblin vorgenommen und daraus ein dreistündiges Epos gemacht. Wir trafen den filmbegeisterten Regisseur in Zürich zum Gespräch.

Burhan Qurbani (in der Mitte) am Set von «Berlin Alexanderplatz» © Filmcoopi

Alfred Döblins «Berlin Alexanderplatz» gehört zu den bekanntesten und wichtigsten deutschen Romanen der Weltliteratur. Bereits 1980 hat der legendäre Rainer Maria Fassbinder das Buch in einer über 15-stündigen Miniserie umgesetzt. Nun hat sich auch Burhan Qurbani an den schweren Stoff gewagt und ein äusserst unterhaltsames Gangster-Epos geschaffen.

Qurbani hat dabei die fast über 100 Jahre alte Geschichte genommen und sie ins neue Jahrtausend gebracht. Aus dem deutschen Protagonisten Franz Biberkopf hat er den Flüchtling Francis (Welket Bungué) gemacht. Dieser schafft es nach einer beschwehrlichen Reise illegal nach Deutschland und möchte in der Hauptstadt Berlin nun endlich zur Ruhe kommen. Doch die schlechte Welt und allen voran der schmierige Drogendealer Reinhold (Albrecht Schuch) machen es ihm überhaupt nicht leicht.

Wir trafen den Regisseur anlässlich des Schweizer Kinostarts von Berlin Alexanderplatz in Zürich zum Interview und sprachen mit ihm über Popkultur, Lieblingsfilme, Geheimtipps, Overacting, Netflix, Neonlichter und noch vieles mehr.

Was sind so deine drei Lieblingsfilme?
Das verändert sich natürlich immer mal wieder, aber so Sachen, die einem für immer bleiben, sind jene Filme, die man in der psycho-sexuellen Prägezeit gesehen hat. Eyes Wide Shut ist so einer. Da war ich baff, dass es so etwas geben kann. Ich erinnere mich auch sehr gut an Fight Club, weil ich damals 16 und wütend war. Und dann würde ich noch Das letzte Einhorn nennen, der mich übrigens auch an die Filmschule gebracht hat. Ich wurde bei der Aufnahmeprüfung gefragt, was mein Lieblingsfilm sei, und da war meine Antwort Das letzte Einhorn. Ich weiss noch, als ich es ausgesprochen habe, ich mir gedacht habe, wie dumm diese Antwort doch ist. Aber in diesem irgendwie komischen, weil eckigen Animationsfilm, den ich sicher eine Million Mal gesehen habe, geht es immer nur um Sehnsucht. Und das hat mich einfach umgehauen. Zudem schaue ich mir The Godfather 2 und Apocalypse Now einmal pro Jahr an und ich bin ein grosser Star Wars-Fan. Ich muss aber einwerfen, dass ich kein Arthouse-Urgestein bin. Ich habe jeden Marvel-Film mindestens einmal gesehen, während Filme von Lars von Trier oder Michael Haneke für mich mehr Arbeit sind. Wenn ich den Kopf ausschalten möchte, schaue ich mir Iron Man an.

Gehörte für dich der Roman «Berlin Alexanderplatz» in der Schule zur Pflichtlektüre? Falls ja: Warst du ein Fan?
Es war Pflicht und es war eine der mühsamsten Leseerfahrungen meines Lebens. Ich habe auch mein Abitur zu dem Buch geschrieben und bin daran gnadenlos gescheitert. Ich hätte eigentlich Medizin studieren sollen, nur konnte ich das dann wegen des versauten Abiturs nicht mehr machen. Der Roman hat mich danach nie richtig losgelassen. Nicht nur, weil es eine traumatische Leseerfahrung war, sondern weil ich dieses Buch immer mal knacken wollte. Ich weiss nicht, ob ich es jetzt geschafft habe. Aber am Roman hat mich immer gestört, dass der Autor Alfred Döblin den Leser bei den Figuren immer auf Abstand gehalten hat. Für mich war das Gegenteil das Ziel der Übung. Selbst bei einer Arschlochfigur wie Reinhold wollte ich einen Zugang zu seinem Herzen legen - selbst, wenn man ihn zwischendurch hasst.

Albrecht Schuch als Reinhold und Welket Bungué als Francis
Albrecht Schuch als Reinhold und Welket Bungué als Francis © Filmcoopi

Albrecht Schuch, der den Reinhold spielt, ragt aus dem Ensemble mit seiner Performance heraus, natürlich auch weil er mit einem krummen Rücken und der feinen Stimme am meisten «schauspielern» darf. Musstest du Albrecht Schuch bei der Performance etwas zurückhalten? Denn sowas kann ja schnell mal zu Overacting führen.
Im Gegenteil. Er war öfters verstört, dass ich ihn so viel machen liess. Vor allem wenn man für den deutschen Fernsehbetrieb arbeitet, ist man als Schauspieler immer etwas zur Mittelmässigkeit gezwungen. Ich habe mit 16 begonnen am Theater zu arbeiten und ich finde die Performances dort viel spannender, weil es so extravotiert ist und auch mal gefährlich sein kann. Vom amerikanischen Kino kennt man das ja auch, dass Schauspieler am Rand des Wahnsinns spielen. Das wollte ich hier auch schaffen und ich bin Albrecht Schuch unglaublich dankbar, dass er mir da vertraut hat. Denn es hätte auch gerade so gut sein können, dass seine Performance die Leute aus dem Film rauswirft. Das ist aber zum Glück nicht passiert.

Musstet ihr lange suchen, bis ihr mit Welket Bungué euren Franz Biberkopf, der bei euch zu Francis wird, hattet?
Unsere Casterin Suse Marquardt hat zwei Jahre lang gesucht. Sie hat erst Deutschland abgesucht, dann Frankreich, die Benelux-Länder und England. Wir haben sogar Leute aus Südafrika eingeflogen. Wir wussten, dass der Film mit Franz Biberkopf steht und fällt. Wir haben uns auch überlegt, einen Laiendarsteller, einen echten Geflüchteten, zu verpflichten und haben auch eine Weile so gesucht. Doch wir realisierten, dass dies eine zu grosse emotionale Belastung wäre. Ein Film soll ja nicht einen Menschen kaputtmachen.

Dann haben wir Welket Bungué an der Berlinale 2017 in dem Film Joaquim gesehen und Suse meinte sofort, dass er unser Mann ist. Ich fand ihn zuerst zu schön, denn Biberkopf ist im Roman ein schwerfälliger Grobian. Welket füllte überhaupt nicht das Rollenprofil aus. Ich traf ihn dann mal mit meinem Kameramann und Albrecht Schuch und Letzterer war sofort Feuer und Flamme für Welket. Ich war immer noch nicht richtig überzeugt, merkte aber, dass er den Part ausfüllt und er diesen Film tragen kann.

Welket Bungué als Francis
Welket Bungué als Francis © Filmcoopi

Hast du deinen Schauspielern geraten, dass sie sich mit dem Roman oder der Fassbinder-Version befassen sollen, oder hast du davon abgeraten?
Ich habe sie angehalten, dass sie alles absorbieren sollen. Das Ziel war, dass sie dann zu mir kommen und mir sagen können, was ihnen noch an ihren Figuren fehlt. Am Ende müssen die Schauspieler ihre Figuren am besten kennen. Wenn am Set dann was schiefläuft - und es läuft immer etwas schief -, kannst du viel besser reagieren und Sachen erfinden, da du deine Figur kennst und weisst, woher sie kommt.

Wie ist die Idee entstanden, überhöht klingende Textzeilen aus dem Buch zu verwenden?
Wir hatten mit dem Buch eine Vorlage, die in zwei oder drei, oder sogar in 14 Stunden, wie es Fassbinder gemacht hat, nicht komplett zu fassen ist. Wir haben deshalb den Roman auf die Plotpoints reduziert, die es braucht, um die Geschichte nach vorne zu treiben. Nachdem wir dies nach zwei Jahren Arbeit geschafft hatten, haben wir einzelne Aspekte wieder zurückgebracht, wie einzelne Textzeilen. Dabei haben wir uns aber nicht nur bei Döblin bedient, sondern auch ganz frech bei Shakespeares King Lear. «Everything is a remix» im Jahr 2020, man bedient sich überall. Da gibt es auch diese Szene in Avengers: Age of Ultron, wo der Roboter plötzlich den Spruch «Upon this rock I will build my church» raushaut. Du weisst, dass dies von komplett irgendwo anders herstammt (Anm. der Redaktion: Es handelt sich um ein Bibel-Zitat), es aber einfach geil klingt.

Dein Film ist nun drei Stunden lang. Ist das dein Final Cut oder gibt es die Möglichkeit auf eine Extended Version?
Ich habe nach den Dreharbeiten meinen Cutter mit dem Material zwei Monate lang alleine gelassen. Der allererste Rohschnitt, den er mir gezeigt hat, war 5 Stunden und 45 Minuten lang. Dann haben wir angefangen den Film zu verdichten. Am Ende haben wir eigentlich nur zwei oder drei Szenen aus dem Film geschmissen, der Rest war Verdichtung. Wir hatten zum Beispiel eine Prügelszene, welche wir als kleine Verbeugung vor Park Chan-wooks Korridorszene in Oldboy als One-Take gedreht hatten. Dies hat zwar am Set funktioniert, das Ergebnis war aber nicht so richtig geil. So haben wir dann geschnitten und die Szene um 70 % gekürzt. Wir haben bei der Szene nun zwar alles drin, aber halt nicht mehr so ausführlich. Um die Frage zu beantworten: Dies ist mein Final Cut.

Jella Haase als Mieze
Jella Haase als Mieze © Filmcoopi

Wenn man sich den Film ansieht, merkt man, dass du ein grosser Fan von Neonlichtern bist. Was waren die filmischen Vorbilder dafür?
Wenn ich mich auf einen Film vorbereite, dann schaue ich keine anderen Filme und beschäftigte mich stattdessen viel mit moderner Kunst. Vor den Dreharbeiten zu Berlin Alexanderplatz hatte ich etwa 4'000 Bilder auf meinem Rechner, wo diese Neonwelt immer wieder vorkam. Die Inspiration kam von diesen Bildern und nicht etwa von Filmen wie Drive oder Only God Forgives, die sehr in Mode waren.

Gab es auch mal die Idee, den Film als Serie auf Netflix zu veröffentlichen, oder war das Projekt immer als Kinofilm geplant?
Ich wollte unbedingt ins Kino. Das Schöne ist, dass die Zuschauer im Kino mir gehören. Netflix schaue ich oft nur so nebenbei, wenn ich noch was anderes mache. Im Kino hingegen gibt es eine soziale Kontrolle, die dich vor deinem Handy abhält. Zwar mag das Visuelle auf dem Laptop bei Netflix ja noch funktionieren, aber vom Sound her ist es im Kino was ganz anderes. Wir haben Berlin Alexanderplatz sehr bewusst in Dolby Surround 5.1 gemixt. Was unsere Sound-Design-Legende Michel Schöpping auf der Tonebene gebaut hat, ist sensationell. Das bekommt man auf dem Laptop alles nicht mit. Da tun mir diese Leute fast schon leid, die den Film so sehen werden.

Welket Bungué als Francis und Jella Haase als Mieze
Welket Bungué als Francis und Jella Haase als Mieze © Filmcoopi

Hast du noch ein paar filmische Geheimtipps für unsere Leserschaft, welche glaubt, schon alles gesehen zu haben?
Ich bin während eines Rückflugs von Südafrika über American Animals gestolpert. Dieser Film ist der Wahnsinn und hat den besten Soundtrack der letzten fünf Jahre. Ich habe selten einen solch guten Mix aus Doku und Fiktion gesehen, der dermassen gut aufgeht. Zudem baut er eine unglaubliche Spannung auf, obwohl eigentlich nicht viel passiert. Den Film kennt keine Sau.

Ansonsten ist da noch Léolo, einer meiner All-Time-Favorites. Der Regisseur Jean-Claude Lauzon starb im Alter von 43 Jahren bei einem Flugzeugabsturz. Dieser Film ist ein poetisches Meisterwerk und hat nie die Aufmerksamkeit bekommen, obwohl er einer der aussergewöhnlichsten und schönsten Filme über Kindheit und das Erwachsenwerden ist, die es gibt.

Berlin Alexanderplatz läuft seit dem 9. Juli 2020 in den Schweizer Kinos.

© Filmcoopi

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Er liebt die Filme von Christopher Nolan, die Festivals in Cannes und Toronto und kann nicht wirklich viel mit Jean-Luc Godard anfangen, was aber wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Gewinner des Filmpodium-Filmbuff-Quiz 2019.

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