ONFF 2020: Der Rückblick

Das erste OutNow Film Festival ist Geschichte, die Preise sind vergeben. Was waren unsere persönlichen Highlights? Neun Redaktoren verraten ihre Lieblingsfilme, -szenen und -momente.

Szene aus «So long, my son», dem Sieger des Goldenen Sofas am ONFF. © trigon-film

Von 14. bis am 24. Mai ging das OutNow-Filmfestival über die Bühne - und wir sind begeistert! Die Meinungen über die gesehenen Filme gingen teilweise stark auseinander, dementsprechend hitzig waren die Diskussionen - doch genau dies macht ja ein gutes Festival aus. Hier präsentieren euch neun Redaktoren ihr Film-Highlight, je eine denkwürdige Szene sowie ihren persönlichen ONFF-Moment. Have fun!

Tom (arx)

Mein Film-Highlight

Euthanizer: ein Film, der ernsthaft und konsequent tierethische Fragen behandelt und mit Veijo eine diesbezüglich unheimlich spannende Figur in den Raum stellt, die sich hoffentlich im Filmschaffen etablieren kann.

Meine denkwürdige Szene

Le miracle de Saint Inconnu: «Das Gehirn» öffnet seine Cola-Dose und gleichzeitig fliegen die heiligen Hallen des Geldes in die Luft. Nicht nur urkomisch inszeniert, sondern womöglich auch sehr prophetisch. Warum? Nun, dass Menschen mit dem Tragen von Atemschutzmasken überfordert sind, hat dieser Film ja auch vorausgesehen.

Mein ONFF-Moment

Kurz vor Festivalbeginn, als es hiess: «Leute, wir führen unser eigenes Festival durch!» In kürzester Zeit haben crs und ebe einen grundsoliden Event aus dem Boden gestampft, wofür sie sich zu Recht auf die Schultern klopfen dürfen. Geile Idee, geiles Engagement, geili Sieche. Bis nächstes Jahr!

«Euthanizer»
«Euthanizer» © Outside the Box

Chris (crs)

Mein Film-Highlight

God Exists, Her Name Is Petrunija gehört zu der besten Sorte Festivalfilme. Ein Film, der sich auf dem Papier zwar nicht so spannend anhört, den man ihn sich als Komplettist aber trotzdem anschaut und dann allerbestens unterhalten wird. Genau wegen solcher Entdeckungen reisen wir gerne an Festivals - oder im Falle des ONFF vom Bett zum Sofa.

Meine denkwürdige Szene

Die letzte Szene von Piercing, die den Film für mich ein wenig auf den Kopf gestellt und mir klar gemacht hat, in welchem Genre wir überraschungsweise angekommen sind. Musste den ganzen Abspann durch grinsen - und tue es immer noch, wenn ich an die letzten Worte des Filmes denke.

Mein ONFF-Moment

Als kurz vor Festivalbeginn plötzlich die vielen Anmeldungen für die Berichterstattung reinkamen. Cannes und Co. führen zwar das Online-Festival «We Are One» durch, aber unsere Freelancer und Redaktoren haben bereits mehr als zwei Wochen vorher bewiesen, dass man bei OutNow schon viel länger «We Are One» praktiziert. Und dann der riesige Einsatz während dem Festival. Einfach nur grossartig. Es kamen mir vor Freude fast die Tränen.

«God Exists, Her Name Is Petrunya»
«God Exists, Her Name Is Petrunya» © trigon-film

Simon (ebe)

Mein Film-Highlight

Die beiden Gewinnerfilme So Long My Son und The Art of Self Defense waren auch meine beiden Favoriten im Wettbewerb - hoch verdienter Sieg! Mein heimliches Highlight war aber Piercing, ein schräger kleiner Thriller mit reichlich schwarzem Humor. Kein Film, der Preise gewinnt (und das ist auch gut so), aber den Wettbewerb so richtig aufmischt und für Diskussionen sorgt. Guilty Pleasure!

Meine denkwürdige Szene

Die Eröffnungsszene von Ultras: eine Horde von Fussball-Hooligans gibt einem ihrer Kumpels nach der kirchlichen Trauung ein grölendes Hochzeitsständchen. Bizarr, abstossend und trotzdem irgendwie rührend.

Mein ONFF-Moment

Jedes Update des täglichen Kritikerspiegels - und dabei festzustellen, mit welch grossartigem Engagement auch meine Kollegen das ONFF mitverfolgen.

«Piercing»
«Piercing» © NIFFF

Gianluca (gli)

Mein Film-Highlight

God Exists, Her Name is Petrunya war eindeutig mein Highlight des Festivals. Aufgrund des absurden Titels waren meine Erwartungen sehr beschränkt, und umso grösser war die positive Überraschung. Kritisch, mutig, frech und zum Denken anregend. Sowohl mit den Worten als auch den Bildern clever erzählt.

Meine denkwürdige Szene

Die Flucht von Teddy und Enzo aus der Jugendanstalt in Mon frère hat mich emotional mitgerissen. Zwei völlig unterschiedliche Jungs, die sich anfangs nicht leiden können, helfen sich gegenseitig. Es wirkt erfrischend, sie auf dem anschliessenden Roadtrip erstmals glücklich und entfesselt zu sehen.

Mein ONFF-Moment

An jenem Tag, über welchen ich Mitte des Festivals im Tagebuch berichtete, geriet ich regelrecht in einen Festivalrausch. Ich rollte den beigen Teppich für imaginäre Ehrengäste aus, dekorierte die Wände mit Festivalplakaten und verschaffte mir abends mit entsprechenden Delikatessen ein Lido-Feeling.

«God Exists, Her Name Is Petrunya»
«God Exists, Her Name Is Petrunya» © trigon-film

Marco (ma)

Mein Film-Highlight

A Russian Youth, der mit seiner authentisch auf alt getrimmten Ästhetik begeisterte und mit der interessanten Integration des Orchesters überraschte.

Meine denkwürdige Szene

Das Lebendige Efeu in Paradise Hills. Endlich kommt ein wenig B-Movie-Stimmung auf am sonst eher bierernsten Festival!

Mein ONFF-Moment

Nach einem langsamen Start war ich überrascht, dass mich das Festivalfieber dann doch packte mit seiner spannenden Filmauswahl und den Diskussionen untereinander bis in die frühen Morgenstunden.

«A Russian Youth»
«A Russian Youth» © Lenfilm Studio

Nicolas (nna)

Mein Film-Highlight

Der finnische Eröffnungsfilm Euthanizer hat mich fasziniert. Alle Figuren sind schrecklich und so wirklich «für» jemanden sein konnte man auch nicht. Dennoch hat mich der Film in seinen Bann gezogen. Und Finnisch ist einfach eine endlos coole Sprache.

Meine denkwürdige Szene

Die etwa zweieinhalbstündige Szene zwischen Vor- und Abspann von The Forest of Love.

Mein ONFF-Moment

Godard für einen Ehrenpreis vorzuschlagen! Spass beiseite: der Endspurt am Auffahrtswochenende, gekoppelt mit dem virtuellen WhatsApp-Stammtisch liess richtiges Festivalfeeling aufkommen.

«Euthanizer»
«Euthanizer» © Outside the Box

Sven (sma)

Mein Film-Highlight

The Forest of Love hat mich daran erinnert, dass ich zu wenig japanische Filme gucke. Die absurde Geschichte über einen Trickbetrüger verbindet Kulturen und überwindet Genregrenzen. Hauptdarsteller Kippei Shiina überzeugt als Popstar, Regisseur und Foltermeister.

Meine denkwürdige Szene

Euthanizer beginnt mit der Tötung einer Katze. Die Vergasung eines Tieres in einer selbst gebauten Vorrichtung hat mich doch etwas schockiert. Besonders da in Hollywood sonst Tieren kein Haar gekrümmt wird. Abgesehen von John Wicks Hund.

Mein ONFF-Moment

Am dritten Tag hat sich bei mir echtes Festival-Feeling eingestellt, damit hatte ich nicht gerechnet. Die Neugier auf mehr interessante und unbekannte Filme wuchs. Und ich habe wieder mehr als ein Film pro Tag gesehen. Der Kritikerspiegel und der Gruppenchat sorgten für zusätzliche Motivation.

«The Forest of Love»
«The Forest of Love» © Netflix

Teresa (ter)

Mein Film-Highlight

So Long, My Son war von Anfang an mein Favorit und ist es bis zuletzt geblieben. Der Film erzählt eindrücklich über dreissig Jahre hinweg vom Schicksal eines Paares, das unweigerlich mit der chinesischen Geschichte zusammenhängt.

Meine denkwürdige Szene

Die Schlussszene bei Piercing. Än Guete.

Mein ONFF-Moment

Im Gruppenchat mit den Kollegen nachzulesen, wer sich über welchen Film aufregt. Kurz stand mein Herz still, als jemand vorschlug, Godard einen Ehrenpreis zu verleihen - zum Glück wurde diese Drohung nicht wahr.

«So Long, My Son»
«So Long, My Son» © trigon-film

Yannick (yab)

Mein Film-Highlight

Ganz klar: Die franko-kanadische Coming-of-age-Geschichte Une colonie: ein Film über ein Mädchen, welches seinen Platz und Wert in der Gesellschaft sucht und dabei mit Rückschlägen und Enttäuschungen zu kämpfen hat. Dazu gesellen sich sozio-kritische Themen wie der Umgang mit Minderheiten oder die Eingliederung in bestehende Gesellschaftsgruppen. Brillant gespielt von Emilie Bierre und Irlande Côté, hat dieser Film verzaubert und mitgerissen!

Meine denkwürdige Szene

Die Eröffnungssequenz von Une colonie, als sich Camille zu einem totgepickten Huhn auf den Boden legt, in der Annahme, es lebe noch. Sie spricht mit ihm und streichelt über dessen Federn, in unheimlich unschuldiger Annahme, es habe sich nur hingelegt. Was darauf folgt, steht stellvertretend für unsere heutige Gesellschaft: Die restlichen Kinder johlen, hinter dem Haus liege ein behindertes Mädchen bei einem toten Huhn. Wer dem Konsens nicht entspricht, wird verstossen, ausgegrenzt oder geplagt.

Mein ONFF-Moment

Neben der Arbeit war kaum Zeit, mir täglich die zwei Wettbewerbsfilme anzuschauen, auch wenn ich es stets versuchte. Mein ONFF-Moment waren somit die freien Tage, an welchen ich nachholen konnte, was liegengeblieben ist - teilweise mit vier Screenings, bis spät in die Nacht, kam richtiges Festival-Feeling auf. Herzlichen Dank an crs und ebe für die Idee, Organisation und Umsetzung!

«Une colonie»
«Une colonie» © Outside the Box

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OutNow