Filme auf dem Weg zurück ins Leben

Freelancer Giancarlo erzählt, welche Rolle Filme nach einem schweren Unfall für ihn spielten. Sein sehr persönlicher Bericht handelt nicht nur vom Kinoerlebnis, ist aber selbst ganz grosses Kino.

© Universal Pictures International Switzerland

Vor sieben Jahren war Züri-Fäscht. Am Sonntagnachmittag war die grosse Feier am Ausklingen. Eine Freundin von mir fragte mich per SMS, ob ich auch zum Schwimmen mitkommen wolle. Die Sonne schien und es war heiss. Ich konnte die Erfrischung gut gebrauchen. Plötzlich fand ich mich in einem Rollstuhl wieder. Ich blickte mich um und stellte fest, dass ich mich in einer Klinik befand. Am Abend stand plötzlich eine gute Freundin von mir in meinem Klinikzimmer. Meine Freude über ihren Besuch war gross und irgendwann fragte ich ganz beiläufig, wieso ich eigentlich in der Klinik war. Sie sagte mir, dass ich einen Fahrradunfall geraten war. Ich konnte mir nichts darunter vorstellen, aber ich empfand sogleich ein Gefühl von grosser Dankbarkeit.

Band Of Brothers

Am Tag darauf sass ich um die Mittagszeit im Rollstuhl auf dem Hof der Unfallklinik in Bellikon. Ich blickte mich um und sah viele Patienten, die in einem schlimmen Zustand waren. Es gab Menschen mit amputierten Armen oder Beinen oder es gab Patienten im Rollstuhl mit Helmen und einem leeren apathischen Blick. Mein erster konkreter Gedanke zu meinem Unfall war eine Szene aus der Episode 7 von Band Of Brothers, die mir in den Sinn kam:

«Die Granate, die das Schützenloch getroffen hatte, in dem Luz und ich sassen, ist ein Blingänger gewesen. Die, die bei Muck und Penkala eingeschlagen ist, nicht. So war‘s eben.»

Ich war daran, mich zu erholen. Dieser Gedanke war ganz wichtig für mich, um die Situation zu eichen.

«Das Sperrfeuer am 3. Januar und der Beschuss am 9. Januar markierte für viele der Männer in der Easy Company den Tiefpunkt des Krieges. Es gaben nur sehr wenige wirklich auf, aber ich wusste, dass der Terror des Artilleriebeschusses und der Druck, dem wir seit Bastogne ausgesetzt waren, auf andere Art Tribut fordern konnte.»

Geboren am 7. Juli

Nein, der Titel ist kein Schreibfehler. Der Film von Oliver Stone mit Tom Cruise ist die Inspiration dafür. Da ich keine Schmerzen hatte, dachte ich mir, dass der Unfall gar nicht so schlimm gewesen sei. Ich verstand auch nicht, wieso ich die ganze Zeit in diesem Rollstuhl sitzen musste. Im Laufe der Rehabilitation erfuhr ich, dass mir drei Wochen Erinnerungen fehlten und dass ich mit einem Helikopter der REGA mit mehreren Knochenbrüchen und einem schweren Schädel-Hirn-Trauma ins Unispital geflogen worden war. Ich hatte mich anscheinend mit dem Rennrad in einer Abfahrt befunden, als ein Auto aus einem Parkplatz in die Strasse einbog, ohne mir den Vortritt zu gewähren. Seither feiere ich zwei Geburtstage: Geboren am 7. Juli.

Raging Bull

In den zahllosen Therapiestunden - Physiotherapie, Logopädie, Krafttraining, Neuropsychologie und Ergotherapie - hatte ich immer wieder ein Bild vor Augen. Am Anfang von Raging Bull steht Robert De Niro als Jake LaMotta mit seinem Mantel im Boxring und wärmt sich in Zeitlupe mit Schattenboxen für einen Kampf auf, begleitet vom musikalischen Intermezzo der Cavalleria Rusticana von Pietro Mascagni. Jake LaMotta war der Boxer mit den grössten Nehmerqualitäten in der Geschiche dieses Sports. Er musste 19 Niederlagen einstecken, aber er ist nie k. o. gegangen. Scorsese und De Niro haben ihm mit diesem Meilenstein in der Filmgeschichte ein unvergessliches Denkmal gesetzt.

«Raging Bull»
«Raging Bull» © Studio / Produzent

Django Unchained

Die Hommage von Quentin Tarantino an Sergio Corbucci ist der erste Film, den ich nach meinem Unfall auf Grossleinwand im Kino der Klinik gesehen habe. Für zweieinhalb Stunden waren die Klinik und die Reha weit weg und ich befand mich im Süden der USA vor dem Bürgerkrieg. Wenn Doctor King Schultz dem Sklaven Django am abendlichen Feuer mitten in der Dunkelheit von Brunhilde, der schönsten Frau aller nordischen Legenden, erzählt, bekomme ich noch heute eine Gänsehaut.

«Django Unchained»
«Django Unchained» © 2012 Sony Pictures Releasing GmbH

Die Another Day

Lange Zeit fand ich Filme schauen einfach spannend. Als ich aber mit 11 Jahren meinen ersten James-Bond-Film im Fernsehen anschauen konnte, sprang der Funken der Leidenschaft für Filme bei mir über und das Feuer lodert seither.

Wenige Tage, nachdem ich nach fünf Monaten stationärer Reha wieder zuhause angekommen war, habe ich Die Another Day gesehen. Der Film ist zwar nicht die grösste Stunde der Franchise, aber eine Szene hat eine ganz besondere Bedeutung für mich. James Bond kann von einem Schiff fliehen, das vor Hong Kong ankert. Er hat von der mehrmonatigen Gefangenschaft in Nordkorea immer noch lange Haare und einen Vollbart. Als er an Land kommt, sieht er das Nobelhotel, in dem er normalerweise absteigt. Mit seiner Grunge-Frisur, Vollbart und Pyjama geht er zur Rezeption: "Die übliche Suite bitte." Gleich darauf kommt der Hotelmanager und wenig später fragt er: "Muss ein harter Job gewesen sein, Mr Bond?". James Bond lächelt und antwortet entspannt: "Ich hab's überlebt, Mr Chang - ich hab's überlebt."

«Die Another Day»
«Die Another Day» © Studio / Produzent

Bad Grandpa

Wir kennen alle die Situationen, die amüsant sind und die uns ein Schmunzeln auf die Lippen zaubern. Während meines Aufenthalts in der Klinik konnte ich nicht schmunzeln. Ich musste unweigerlich loslachen. Die Sorge war da, dass mich das in eine peinliche Situation bringen würde. Ganz am Anfang der Reha sagte mir mein Vater: "Weisst du, ein Schädel-Hirn-Trauma ist ganz einfach. Die Erinnerungen sind noch da. Das Hirn muss einfach neue Verbindungen machen." In dem Moment war ich wieder das Kind, dem der Vater die Richtung weist. Dieser Satz nahm mir die Sorgen.

Als ich schon einige Wochen zuhause war, schaute ich mir Bad Grandpa an. Über das Niveau dieses Films muss ich nichts schreiben, aber ich konnte 90 Minuten Tränen lachen. Bei der Szene des Furzduells zwischen dem Opa und seinem Enkel im Restaurant konnte ich nicht mehr. Ich hatte danach Bauchschmerzen, aber ich muss seither nicht mehr unkontrolliert loslachen, wenn ich eine amüsante Szene sehe.

«Bad Grandpa»
«Bad Grandpa» © Paramount Pictures Switzerland

Last Boy Scout

Die Zeit in der Klinik habe ich in guter Erinnerung. Jeden Tag gelangen mir grosse Fortschritte und das fühlte sich an, als ob ich an der Tour de France einen Pass hochführe und die Fans am Strassenrand mich anfeuerten. Das Leben ist schön, aber es bringt auch grosse Herausforderungen mit sich. In freier Wildbahn kam es in der beruflichen Integration zu ersten Rückschlägen. Als wir einen temporären Arbeitseinsatz beenden mussten, fühlte ich mich orientierungslos. Mir kam dabei die wohl kaputteste Figur der Filmgeschichte in den Sinn.

Aus der Feder von Shane Black, dem Autor von Lethal Weapon, stammt Last Boy Scout. Bruce Willis spielt den Privatdetektiv Joe Hallenbeck. Der ehemalige CIA-Agent ist in Ungnade gefallen und ganz unten angekommen. Seine Frau betrügt ihn mit seinem besten Freund. Der wiederum setzt ihn auf einen Fall an, der ihn beinahe das Leben kostet. Er muss eine exotische Tänzerin beschützen, die jedoch erschossen wird. Ihr Freund Jimmy Dix war einst einer der besten Football-Spieler gewesen, bevor seine Karriere wegen Medikamentenmissbrauchs ein jähes Ende fand. Die beiden raufen sich zusammen, um die Frau zu rächen und den Fall aufzuklären.

In einer ausweglosen Situation sagt Hallenbeck, dass er einen Jig tanzt, wenn er den Fall überlebt. Am Schluss steht er alleine auf dem Stadiondach. The Irish Washerwoman erklingt und er tanzt einen Jig. Irgendwann möchte ich auch gerne in die Situation kommen, die mir Anlass zu einem Jig gibt. Ich bin noch immer unterwegs und noch nicht ganz so weit.

«Last Boy Scout»
«Last Boy Scout» © Studio / Produzent

Darkest Hour

Nach einer mehrmonatigen beruflichen Abklärung konnte ich bei einem grossen Fahrzeugimporteur einen Arbeitsversuch beginnen. Schon bald stellte sich heraus, dass ich mit meinen Texten das Team unterstützen konnte. Das war Balsam auf meine Seele und es war eine tolle Zeit, die eineinhalb Jahre dauerte. Dieser Arbeitseinsatz war jedoch zeitlich befristet, da das Budget für eine neue Stelle fehlte. In einer neuen Abteilung bekam ich einige Male eine Vertragsverlängerung für ein paar Monate. Die präzisen Strukturen fehlten aber und mir wurde bewusst, dass ich nicht wirklich dort hinpasste. Trotzdem warf ich jeden Tag bei der Arbeit alles in die Waagschale. Es konnte ja sein, dass sich etwas ergab. Ich war nahe dran und die Motivation war gross. In dieser Zeit sah ich Darkest Hour, was mir einen riesigen Schub gab. Anfang Herbst in jenem Jahr lief der Vertrag dann aber definitiv aus.

Auch intensive berufliche Eingliederungsversuche haben bisher nicht gefruchtet. Durch das Schädel-Hirn-Trauma habe ich eine eingeschränkte Konzentrationsfähigkeit. Mein Auto ist genauso stark und schnell wie vor dem Unfall, aber es braucht mehr Benzin. Der Schlaf in der Nacht ist meine Tankstelle. Für ein Vollzeitpensum reicht es leider nicht mehr. Wie viel noch drin liegt, ist immer noch offen. Die Abklärungen mit den involvierten Versicherungen dauern lange und ich hänge oft in der Luft, was viel Geduld erfordert. Das bewegte Bild greift mir aber oft unter die Arme und gibt mir viel Schwung.

«Wir werden an den Stränden kämpfen, wir werden an den Landungsabschnitten kämpfen. Wir werden auf den Feldern kämpfen und auf den Strassen. Wir werden in den Hügeln kämpfen. Wir werden niemals aufgeben!»

«Darkest Hour»
«Darkest Hour» © Universal Pictures International Switzerland. All Rights Reserved.

Giancarlo Schwendener [gia]

Giancarlo ist James Bond 15 Jahre lang auf Augenhöhe begegnet. Mit dem Abgang von Daniel Craig ist damit vorerst Schluss, aber er hat diese Zeit genossen. Er liebt die grosse Anzahl an denkwürdigen Filmen, aber drei Leute bilden für ihn das Triumvirat: Sergio Leone, Robert De Niro und Marlon Brando.

  1. Artikel
  2. Profil
Teilen
Auf Facebook teilen  Auf Twitter teilen 
Datum
Quelle
OutNow