Das ONFF-Tagebuch von OutNow: Tag 5 und 6 - Blick in die Zukunft

Die Erstausgabe des Festivals heisst auch: Pionierzeit! Wir werfen einen Blick in die Zukunft, von der wir schliesslich auf die Vergangenheit blicken, also die heutige Gegenwart. Alles klar? «ebe»n.

Kennt auch sie die Zukunft? Szene aus «Das Mädchen vom Änziloch». © Impuls Pictures AG

Wir schreiben das Jahr 2040. Das OutNow Film Festival hat sich zum renommierten Online-Filmfestival gemausert und feiert sein 20-jähriges Bestehen mit der Weltpremiere des Alterswerks von Quentin Tarantino (77). Gleichzeitig wird in OutCast Episode 1125 ein Interview mit einem Gründer - nun, mir - geführt, ganz ähnlich dem Interview, wie wir es anlässlich unseres 20-Jahr-Jubiläums in unserem OutCast mit den OutNow-Gründern und -Patenonkeln geführt haben (sehr spannend übrigens, unbedingt reinhören!).

Und so stelle ich mir vor, wie ich dann in 20 Jahren auf die erste Festival-Ausgabe im Jahr 2020 zurückblicken werde, im Gründungsjahr, wo wir noch keine so gigantische Organisation mit 1000 Mitarbeitenden und einem Millionenbudget waren, sondern in dem alles ganz klein begann, mit einer verrückten Idee während des Corona-Lockdowns (bei der Frage des 19-jährigen Jungjournalisten, was denn Corona sei, werde ich nur leicht genervt das Gesicht verziehen). Ja, dann werde ich den ungläubigen Zuhörern verraten, wie ich damals sozusagen alle Funktionen in Personalunion ausgeführt habe.

So sei ich, wie ich erzählen werde, damals Programmdirektor, Filmkritiker und Jurymitglied zugleich gewesen. Was natürlich nicht ganz unproblematisch ist - so eine Machtfülle kennt man schliesslich sonst nur von Bananenrepubliken. Es sei so vorgekommen, dass der Kritiker «ebe» dem Programmdirektor «ebe» vorhielt, ein seichter Scorsese-Abklatsch wie The Ruthless habe doch nichts im internationalen Wettbewerb verloren. Der Programmdirektor seinerseits rollte die Augen über die Gockeleien dieser selbst ernannten Edelfeder, die doch nichts über die Herausforderungen der Festivalorganisation wisse.

Denn die Schwierigkeiten und möglichen Interessenskonflikte begannen bereits vor dem Festivalstart. Dass der Programmdirektor «ebe» beispielsweise mit The Art of Self Defense einen Film in den offiziellen Wettbewerb aufnahm, von dem er im Voraus wusste, dass er dem voraussichtlichen Jurymitglied «ebe» ganz gut gefallen wird, sorgte beim unabhängigen Kritiker «ebe» für Stirnrunzeln, weshalb er diesen Filz in einem Festivaltagebuch-Eintrag gnadenlos anprangerte.

Dennoch, so werde ich in meinem Interview 2040 sicherlich zum Schluss kommen, sei es schon auch eine schöne Zeit gewesen damals in der Pionierzeit. Man habe einfach mal was machen können und müsse nicht die ganze Zeit Interviews führen und sich am roten Teppich fotografieren lassen. Und Quentin Tarantino sei halt schon auch auch nicht mehr das, was er einmal gewesen sei. Once Upon A Time in Hollywood, ja, DAS sei noch ein Film gewesen - auch wenn ich den nicht am ONFF gesehen hätte, sondern in Cannes, wie ich dem Nachwuchsjournalisten mit leuchtenden Augen erzählen werde. Dessen verständnislose Gegenfrage, was denn genau in diesem Cannes abgegangen sei, werde ich geflissentlich und mit einem nostalgischen Lächeln ignorieren.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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OutNow