Wie das Kino die Menschen zusammenbringt

Auch wenn sich Teresa von «undisziplinierten» Kinogängern schnell gestört fühlt: Einen Film im Kino auf grosser Leinwand sehen zu können, möchte sie trotzdem nicht aufgeben.

«Jigsaw» © Ascot Elite

Menschen, die während des Films kommentieren, ihre Mobiltelefone anlassen, damit spielen oder mit Essen und anderen Dingen rascheln oder sonstige laute Geräusche machen, kann ich nicht ausstehen. Genauso wenig, wenn ich nicht das volle Bild sehen kann, weil mir jemand die Sicht versperrt. Deswegen bedarf es oft einer genauen und langen Überlegung, wo man sich genau hinsetzt (insbesondere, wenn man wie ich eine Person von kleiner Statur ist und in einem Land lebt, in dem die Menschen durchschnittlich alle grösser sind) - und glaubt man sich dann endlich auf dem besten Platz, kommt doch noch im letzten Moment jemand rein, der den Plan durchkreuzt.

Manchmal schaue ich mir einen Film mit einem Finger im Ohr an, wenn neben mir getuschelt und kommentiert wird. Da der Ton des Films meist laut genug ist, geht das, doch es ist auf die Dauer anstrengend. Wie wohl jeder seine Macken hat, brauche ich Ruhe im Kino. Lachen darf man natürlich - aber mit Mass...

Einmal, als ich mit einem Freund die Nachmittagsvorstellung von Jigsaw besuchte, waren wir noch während der Werbung in einem riesigen, wohl etwa 500 Plätze grossen, Multiplex-Saal alleine, als mit dem Filmbeginn eine Gruppe von vier Freunden reinkam. Die ganze, auch wirklich die ganze, Dauer des Films haben sich diese unterhalten. Nicht einmal flüsternd und auch nicht den Film auf der Leinwand zum Thema habend. Nach ein paar fehlgeschlagenen Versuchen, sie zur Ruhe aufzufordern, gab ich es auf, drückte mir die Ohren zu, und schliesslich fanden wir die Situation auch ein bisschen amüsant. Sie ergab zumindest mehr Gesprächsstoff nach dem Film als der Film selbst. Als mir das Gleiche bei Jim Jarmuschs Only Lovers Left Alive passierte, war ich allerdings wütend.

«Only Lovers Left Alive»
«Only Lovers Left Alive» © filmcoopi

Oft hilft es, sich das richtige Kino auszusuchen, um auf ein konzentriertes und, wie ich sagen würde, «respektvolleres» Publikum zu treffen. Das finde ich zum Glück weitgehend im Programmkino wieder, für das ich selbst als Programmberaterin und Kuratorin arbeite. Das Kino zeigt regelmässig ältere Filme, weswegen es für mich dort immer wieder zu einzigartigen Erlebnissen kommt. Zu sehen, wie Die Müssiggänger von Federico Fellini von der Leinwand hinuntergrinsen, tanzen und streiten oder wie ein vergessenes Meisterwerk des japanischen Films der Dreissigerjahre, The Million Ryo Pot von Sadao Yamanaka, zum Leben erweckt wird und ein heutiges Publikum berührt, gehört dabei zu den schönsten Erfahrungen.

Grossen Eindruck hat mir auch Freaks von Todd Browning gemacht. Den Film habe ich mehrere Male auf DVD auf meinem, ja, Röhrenfernseher, gesehen, doch im Kino stand ich nochmals unter einer ganz anderen Spannung. Die mir vertrauten Figuren haben einen noch bleibenderen Eindruck gemacht. Für solche Momente sorgt das Kino. Es zeigt, wieso Filme die grosse Leinwand brauchen.

Was Kino auch noch zeigt, ist, dass man dort nicht nur den Film erlebt. Abgesehen von den erwähnten «Störfaktoren», die für mich eine unangenehme Erfahrung sind, können die Reaktionen des Publikums von unschätzbarer Bedeutung sein. Dies habe ich in Südkorea gemerkt. Das Land produziert für meinen Geschmack eine grosse Bandbreite an herausragenden Filmen, weswegen ich versuche, das einmal im Jahr stattfindende Festival in Busan zu besuchen. (Es macht mich sehr traurig, dass dies vielleicht dieses Jahr nicht möglich sein sollte. Muss ich darauf verzichten, fällt für das Jahresereignis schlechthin weg, auf das sich jeder gesparte Urlaubstag und Rappen konzentriert.)

Bei meinem ersten Besuch in Korea, als mir die Kultur noch verhältnismässig neu war und das Wissen aus den Filmen sich doch als nur bruchstückhaft erwies, ging ich also ins Kino. Hier gibt es keine «alten» Kinos mehr, nur noch Multiplexe, mit gemütlichen Sitzen, manchmal zu gemütlich, wenn man vom Jetlag geplagt ist, aber Sitzen von denen aus jeder freie Sicht auf die Leinwand hat. Meistens befinden sich die Kinos im obersten Stock eines riesigen Kaufhauses, die man nur über einen beschwerlichen Weg über die Rolltreppen oder im Lift wie eine Sardine gequetscht erreicht.

«Truman»
«Truman» © Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Einer meiner ersten Filme vor Ort war ein europäischer. Die Vorführung des spanischen Dramas Truman von Cesc Gay fand in einem riesigen Auditorium statt, es war ausverkauft. Auffällig viele Schulkinder in Uniform waren anwesend. Ich dachte, dass sich das Thema Tod, das im Film verhandelt wird, offenbar für eine pädagogische Auseinandersetzung eignet. Der Film ist harmlos, künstlerisch nicht sehr bedeutend, auch wenn Ricardo Darín und Javier Cámara in der Hauptrolle eine gute Leistung erbringen. Doch im allerletzten Zehntel kommt eine völlig unmotivierte, explizite, sehr lange Sexszene vor. Als mir noch durch den Kopf ging: «Musste das jetzt sein?», schwellte im Saal ein lautes Raunen an, das sich wie eine akustische Welle über den Saal ergoss.

Die Kinder waren gleichzeitig aufgeregt, geschockt und belustigt ab der Szene, die sie so ganz offensichtlich sonst nicht zu sehen bekommen. Da der Film dann auch gleich zu Ende ging, erholten sich die Kinder auch nicht mehr. Die Szene wird für sie das Einzige bleiben, was sie sich vom Film gemerkt haben werden. Und ich werde ihre Reaktion nicht mehr vergessen. Ohne physisch real existierendes Kino wäre es mir verwehrt geblieben.

Teresa Vena [ter]

Alles begann bei Teresa damit, dass sie, noch viel zu jung dafür, ihren Vater überzeugen konnte, «Gremlins» im Fernsehen schauen zu dürfen. Seitdem gehört absurder Humor und Spannung zu jedem guten Film dazu. Kino aus Asien und Lateinamerika, aber auch aus der Schweiz sind ihre Steckenpferde.

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