Das ONFF-Tagebuch von OutNow: Tag 4 - Der ganz normale (Festival-)Alltag

Statt in Cannes sitzt auch Freelancer Yannick in der Schweiz fest. Was so die krassen Unterschiede zwischen der Croisette und der lokalen Festivals sind, davon berichtet er in seinem Tagebucheintrag.

The Ruthless © Netflix

Wow, das Wetter in Cannes war auch schon besser! Ich schaue aus dem Fenster und sehe einen wolkenbehangenen, grauen Himmel, nicht das kleinste Anzeichen eines Sonnenstrahls. Und kalt ist es geworden an der Côte d'azur. Nichts mehr zu spüren von Mittelmeer-Flair.

Ich stehe also auf, in aller Früh, wie es sich für ein Filmfestival gehört. Kratze meine nötigen Utensilien zusammen, werfe einen letzten Blick auf den (Arbeits-)Tagesplan und los geht's. Auf meinem Weg mache ich Halt in der «Bäckerei», statt Pain au chocolat gibt's heute aber nur Müesli mit Früchten. Spätestens jetzt realisiere ich, dass ich mich nicht in Cannes befinde, dem Filmfestival, welches sich während den letzten zwei Jahre zu meinem Lieblingsfestival gemausert hat.

Die Stimmung, das Ambiente, das Cinema à la plage und das französische Savoir-vivre, dazu der beginnende Sommer unter den Palmen Cannes' zu erleben, sind Gefühle und Emotionen, welche ich nur ungern missen möchte. Auch wenn ich nicht direkt darauf stehe, ist der Glamour in Cannes einfach ein anderer als an den restlichen (zum Beispiel lokalen) Filmfestivals. Ich meine, mit Nicolas Cage im Saal zu sitzen und gemeinsam Mandy zu sehen oder eine persönliche Widmung in mein Programmheft («Ne bois pas! Gaspar») von Gaspar Noé nach Climax zu erhalten, das erlebe ich nicht jeden Tag!

Dieses Jahr aber ist alles ein wenig anders: Corona ist ausgebrochen, statt innige Umarmungen zu verteilen, halten wir nun zwei Meter Abstand, desinfizieren uns die Hände wie blöd und reisen nicht in die Filmmetropole Cannes.

In Tat und Wahrheit befinde ich mich nämlich in der Institution für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung, in welcher ich arbeite. In der Pause, zwischen zwei zusammengehängten Schichten, widme ich mich dem 1. Outnow-Film Festival. Mit einem Teller «Pasta al zafferano» schaue ich mir den italienischen Mafia-Movie The Ruthless an, und finde ihn gar nicht so schlecht. Ok, ein Scorsese ist es zwar nicht, aber durchaus passabel anzusehen. Dann heisst es, zurück an die Arbeit.

Nach Feierabend und endlich zu Hause angekommen, widme ich mich noch The Art of Self-Defense, einer schwarzen Komödie mit Jesse «Mark Zuckerberg» Eisenberg. Leider bin ich so müde, dass ich beschliesse, den durchaus unterhaltsamen Film, am nächsten Tag zu Ende zu schauen. Es wird sich lohnen, wie sich herausstellen wird.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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OutNow