Das ONFF-Tagebuch von OutNow: Tag 3 - Strapazen

Dass die Kinovorführung in den eigenen vier Wänden stattfindet, heisst noch lange nicht, dass sie nicht anstrengend sein kann. Dafür bietet sie einige andere Vorzüge gegenüber einem «echten» Festival.

Ein Blick in den Projektionssaal. © OutNow/ter

Meistens beginnt die erste Vorstellung des Festivals noch vor dem Frühstück. Wie der Schlaf kommt auch das Essen während der Festivaltage durcheinander und zu kurz. So kann es sein, dass es zwischen zwei Vorstellungen einmal für einen Apfel oder ein schnell heruntergewürgtes Sandwich reicht. Zu einem ausgewogenen Lebensstil gehört der Besuch von Filmfestivals schon mal nicht. Tagelang im Dunkeln zu sitzen, strapaziert den Körper.

Am Sitzen hat sich bei unserem Online-Festival nichts geändert - leider ist der Bürostuhl nicht annähernd so bequem wie ein Kinosessel. Schlaf bekomme ich aber genug, und der Kühlschrank ist nur ein paar Schritte entfernt. Also kommt es dieses Mal nicht zum meist angenehmen Nebeneffekt, dass während des Festivals ein paar Fettreserven schmelzen. Dafür kann ich zum ersten Mal meine Notizen im Nachhinein entziffern und bleibt genügend Zeit, um über die einzelnen Filme nachzudenken, ohne von einem Spielort zum anderen hasten zu müssen. Auch muss ich die, manchmal, herzzerreissende Entscheidung nicht treffen, welcher Film wegen des dichten Zeitplans geopfert werden muss.

Gestern zeigten wir in unserem Wettbewerb den Mafiafilm The Ruthless (Lo spietato) aus Italien. In meiner Kindheit lief im italienischen Fernsehen - und wir haben viele der Filme immer noch irgendwo auf VHS liegen - ein Mafiafilm nach dem anderen. Ich habe sie geliebt, sie sorgten für ein paar «harmonische» Familienmomente, alle schauten gebannt. Kein anderes Genre schaffte es nämlich sonst, dass nicht den ganzen Film über kommentiert oder gestritten wurde und dass auch kein Fussballspiel der untersten Ligen dem Film vorgezogen wurde. Die Filme übten auf meine Familie, die ursprünglich aus Kalabrien stammt, eine ungewöhnliche Faszination aus. Vielleicht standen sie stellvertretend für eine Realität, die wir, glücklicherweise, nie selbst erlebt hatten, obwohl sie theoretisch möglich gewesen wäre.

Doch zurück zum Film von Renato De Maria. Leider kann er seinen Vorbildern nicht standhalten. Es bleibt spannend, wie die Jury den Film beurteilen wird. Für den Preis des besten Hauptdarstellers sind die Chancen durchaus da. Grosse Erwartungen bestanden auch für den Kompilationsfilm Switzerlanders unter der Leitung von Michael Steiner, der bei uns ausser Konkurrenz läuft. Vor genau einem Jahr hat die 20 Minuten-Gratiszeitung das Projekt aufdringlich beworben. Der Anspruch war kein geringerer, als ein «authentisches Porträt der Schweiz» zu schaffen. Ein Film der viele Fragen aufwirft. Eine davon ist: Wer findet sich darin wieder?

Morgen geht es einmal mit einer Komödie, The Art of Self-Defense von Riley Stearns, weiter. In der Hauptrolle erwarten wir Jesse Eisenberg, der für mich, egal was er tut, immer der Epigone des Facebook-Gründers Zuckerberg bleiben wird.

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OutNow