Sechs Gründe, warum ich Filmfestivals liebe

Morgen Dienstag hätte das Festival in Cannes begonnen. Unser Redaktor, der eigentlich zum 13. Mal an die Croisette gereist wäre, verrät, weshalb er sich den Trubel jedes Jahr wieder antut.

Cannes by Night - dieses Jahr leider ohne uns. © OutNow/ebe

Glanz und Glamour gehen mir am Allerwertesten vorbei. Menschenmengen sind mir nicht erst seit Corona ein Gräuel, und ich hasse Anstehen. Wenn ich an der Migros-Kasse zum Warten gezwungen werde, verfluche ich innerlich das Schicksal, das mich auf so unvorstellbar grausame Weise prüft.

Da stellt sich schon die berechtigte Frage: Warum um alles in der Welt reise ich denn seit 2008 jeden Frühling nach Cannes? Warum war ich zusätzlich noch siebenmal in Venedig, viermal in Berlin und dreimal in Toronto? Denn Filmfestival, das heisst in erster Linie: seeehr viele Menschen. Aufgetakelte Möchtegern-Stars und kreischende Fans. Und vor allem: seeeeehr lange anstehen. Immer. Überall.

Wieso also nehme ich das auf mich? Denn mal ehrlich: Tolle Filme lassen sich auch ausserhalb von Festivals entdecken. Und spätestens seit dem Lockdown wissen wir: Man muss dafür nicht mal zwingend die eigenen vier Wände verlassen. So richtig befriedigend ist die Begründung deshalb nicht. Ich muss da etwas tiefer graben. In der Folge liste ich sechs Faktoren auf, weshalb ich Filmfestivals liebe. Ich beziehe mich dabei meistens auf Cannes, da mir dieses Festival nach meinen zwölf Besuchen am nächsten ist. Doch lassen sich die meisten Punkte auch auf andere Filmfestivals übertragen.

1. Die Wundertüte

Filme, die an grossen Festivals gezeigt werden, sind zumeist Weltpremieren. So gibt es noch keine Kritikerstimmen, keine Social-Media-Reaktionen und meistens auch keine Trailer. Gerade diese Wundertüte, ob es sich um den nächsten Hit oder um eine Gurke handelt, macht das Festival für mich so reizvoll. Ich liebe es, mich in Filme reinzusetzen, von denen ich im Voraus fast oder gar nichts weiss. Und so kann ich Perlen entdecken, von denen ich sonst vielleicht nie etwas mitbekommen hätte. Filme wie Borgman, Sound of Noise oder Sell out! sind Beispiele, die ich an Festivals entdeckt habe, die ausser mir fast niemand kennt und die so auch ein wenig «meine» Filme geworden sind.

Aber auch ein schlechter Film kann seinen Reiz haben. Denn es ist ein Teil der Festivalerfahrung, auch mal so richtige Schnarcher zu erdulden, vorzugsweise in Gesellschaft, siehe auch Punkte 5 und 6. Und ähnlich wie erst ein Bösewicht den Filmhelden erst richtig interessant macht, so sind es die spektakulären Bruchlandungen wie beispielsweise The Last Face oder The Sea of Trees, die genauso zum Festival gehören wie die gloriosen Überflieger.

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2. Die Geschichten

Jedes Festival schreibt seine Geschichten. Sei es ein Lars von Trier, der an der Pressekonferenz irgendeinen Hitler-Quatsch rauslässt und nachher zur Persona non grata erklärt wird; sei es die Zankerei zwischen der Festivalorganisation und Netflix; sei es die Diskussion um die Untervertretung von weiblichen Regisseuren im Wettbewerb; oder seien es einfach besonders spezielle (gute oder schlechte) Filme, die während zehn Tagen das Gesprächsthema der ganzen Stadt sind.

Doch schreibt das Festival auch meine ganz persönlichen Geschichten: Vier Stunden anstehen für Inside Llewyn Davis mit gleichzeitiger Mitverfolgung des Eishockey-WM-Halbfinals! Gin-Tonic bechern und anschliessend leicht angeschwipst Paradies: Glaube schauen! An der Weltpremiere von Jean-Luc Godards Adieu au langage das irritierte Publikum und die verlegene Hauptdarstellerin beobachten! Die persönlichen Erinnerungen an die betreffenden Filme werden bei mir für immer mit diesen Geschichten verknüpft bleiben.

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3. Die Tradition

Federico Fellini! Martin Scorsese! Francis Ford Coppola! Steven Soderbergh! Terrence Malick! Und natürlich Quentin Tarantino. Wie gerne wäre ich dabei gewesen, als dieser mit Pulp Fiction die Croisette gerockt und die Goldene Palme gewonnen hat. Die Liste der Palmen-Gewinner und der Palmen-Gewinnerin (leider ist Jane Campion mit The Piano noch immer die bis dato einzige Regisseurin, die zu diesen Ehren kam) ist lang und illuster. Aber auch Steven Spielberg hat hier als Abschlussfilm ausser Konkurrenz einen gewissen E.T. präsentiert.

Seit 80 Jahren ist Cannes ein Ort, an dem Film-Legenden entstehen. Die Tradition hat deshalb gerade hier einen hohen Stellenwert. Die Hoffnung, den nächsten Pulp Fiction-Moment zu erleben, schwingt auch immer ein wenig mit, wenn im Kinosaal die Lichter ausgehen und das Cannes-Logo auf der Leinwand erscheint, begleitet von den unverkennbaren Klängen von Saint-Saens' Aquarium. Zur Tradition gehören aber auch die Diskussionen darüber, welcher Film denn nun hätte gewinnen sollen/müssen und welcher Film skandalöserweise zu Palmen-Ehren gekommen ist. Davon ein kitzekleiner Teil zu sein, ist ein ganz besonderes Gefühl.

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4. Der Angeber-Faktor

Wenn ich aus Cannes zurückkehre, fragen mich meine weniger filmversessenen Bekannten als Erstes: «Und? Welche Stars hast du gesehen?». Meine Antwort lautet dann ungefähr so: «Ach, weisst du, ich gehe ja wegen der Filme nach Cannes, nicht wegen der Stars. Soo viele habe ich nicht gesehen. Ausser Ryan Gosling. Und Cate Blanchett. Und ah ja, George Clooney auch noch, aber nur schnell von der Seite». Nun ja. Ich kann nicht leugnen, dass das ein geiles Gefühl ist, festzustellen, wie mein Gegenüber dann vor Neid erblasst.

Noch ein geileres Gefühl ist es, zum exklusiven Kreis derjenigen zu gehören, die den neuen Tarantino oder den neuen Coen-Brothers-Film als erstes sehen dürfen, während die breite Masse an Zuschauern noch mehrere Wochen oder gar Monate darauf warten muss. Ja, ich gebe zu, dieser Angeber-Faktor ist zwar nicht meine einzige Motivation, an das Festival zu reisen (und soll es auch nie werden), aber doch eine nicht völlig unangenehme Nebenerscheinung.

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5. Das Kollektiv

In Cannes oder Venedig atmet während zehn Tagen eine ganze Stadt Film. Wo sonst kann man in der Warteschlange zu einem chilenischen Film mit einem südkoreanischen Kritiker-Kollegen über den kontroversen ungarischen Wettbewerbsfilm diskutieren? Auch geben sich alle eine Spur wichtiger, als sie es eigentlich in Tat und Wahrheit sind und haben irgendeinen Badge um den Hals baumeln. Cannes ist manchmal mehr Schein als Sein, aber das gehört zum Programm.

Doch das grosse Kollektiv aus Tausenden Filmschaffenden, Produzenten, Journalisten und Fans hat auch seine ganz eigene Dynamik. Die entrüsteten Publikumsreaktionen bei der Weltpremiere von kontroversen Filmen wie beispielsweise The Neon Demon oder Antichrist muss man einfach mal erlebt haben. Gleiches gilt aber auch für euphorisch aufbrandenden Schluss- oder Szenenapplaus bei Filmen wie Drive, Holy Motors oder Toni Erdmann. Auch hier gilt, was in Punkt 3 beschrieben wurde: Solche Erlebnisse prägen die Erinnerung an den Film nachhaltig - etwas, das Heimkino nie kann.

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6. Die Kollegen

Der letzte Punkt ist gleichzeitig einer der wichtigsten: Niemals würde ich mir die Festival-Tortur freiwillig antun, gäbe es nicht andere «Spinner», die ähnlich ticken wie ich und während zehn Tagen nur Filme, Filme und noch mehr Filme im Kopf haben. Gemeinsam am Festival einen Film von Ulrich Seidl, Vincent Gallo oder Noomi Kawase durchzustehen, das schweisst zusammen. Genauso wie die gemeinsame Freude, wenn uns ein Film so richtig begeistert hat.

Gleichzeitig motivieren mich die Festival-Gspänli auch dazu, Vollgas zu geben beim Schreiben, denn man will ja im Privatvergleich nicht ins Hintertreffen geraten. Zu guter Letzt wäre das Festival nur halb so interessant, wenn man nicht am Ende eines anstrengenden Fünf-Filme-Tages bei einem Bier, Hamburger oder einer Pizza angeregt über die geschauten Filme diskutieren könnte. Alleine würde ich mir wohl irgendwann die Sinnfrage stellen - gemeinsam hingegen motivieren wir uns gegenseitig und stecken uns an mit der Filmbegeisterung.

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Deshalb möchte ich hier zum Ende dieses langen Textes meinen grossen Dank aussprechen. Danke allen, die ihr schon mit mir in Cannes wart! Danke Chris! Danke Roland! Danke Yannick! Danke Gianluca! Danke Jonas! Danke Diana! Danke Dani! Danke Marlen! Und danke allen weiteren OutNowern, die meine Begeisterung und meine Leidenschaft teilen und dazu beitragen, dass die Festivals für mich nicht wie für so viele Journalistenkolleginnen und -kollegen zur lästigen Pflicht geworden sind, sondern auch nach vierzehn Jahren noch immer Freude und glänzende Augen bereiten. Wenn auch Cannes dieses Jahr leider ausfällt - das nächste Festival wird kommen.

In diesem Sinne: Bis hoffentlich bald wieder an der Croisette, am Lido oder auch nur am Limmatquai!

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OutNow