Simons MUBI-Woche #8: Pärchenzwist und Herumstreicher

Vier Filme hat unser Redaktor diese Woche geschaut, darunter einmal Godard und einmal Jarmusch. Doch die beiden Altmeister werden in den Schatten gestellt von einem rumänischen Regisseur.

Szene aus «Permanent Vacation» © STUDIOCANAL GmbH

Vladimir et Rosa

Auf MUBI verfügbar bis: 15. Mai 2020

Ich glaube, ich muss einfach wiedermal À bout de souffle oder Le mépris schauen, zwei unbestritten tolle Filme von Jean-Luc Godard. Denn langsam wird es mir peinlich, ihn immer wieder aufs Neue zu bashen. Doch das zweite Elaborat seiner marxistischen Groupe Dziga Vertov lässt mir fast nichts anderes übrig. Auch dies ist wieder mehr eine Text-Bild-Collage als ein Film. Diesmal geht es um eine nachgestellte Gerichtsverhandlung gegen linke Aktivisten, kommentiert von einem näselnden Voiceover.

MUBI will darin einen subversiven Slapstick erkennen, genauso wie verschiedene Kommentierende auf den einschlägigen Filmportalen. Ich oute mich an dieser Stelle daher wiedermal als Banause und gebe freimütig zu, dass ich den Film weder verstanden habe noch verstehen will. Ein Produkt seiner Zeit, schlecht gealtert, aber sicherlich eine Fundgrube für Godard-Jünger.

Permanent Vacation

Auf MUBI verfügbar bis: 30. Mai 2020

Etwas interessanter war das Debüt von Jim Jarmusch, das der Regisseur 1980 für eine Handvoll Dollar (12'000 waren's gemäss MUBI) hingelegt hat. Die Geschichte um einen ziellosen jungen Herumstreicher in New York, der bei seiner Tour auf verschiedene kuriose Gestalten trifft, nimmt vieles vorweg, was den Regissseur später berühmt gemacht hat: lakonischen Humor, langsames Erzähltempo, exzentrische Charaktere. Es ist sozusagen ein Jarmusch in der Roh-Version.

Permanent Vacation präsentiert den «Big Apple» als veritable Müllhalde, in denen der Protagonist vom einen versifften Ort zum nächsten zieht. Eine gewisse Faszinationskraft kann ich dem Film nicht absprechen, aber mit dem fast gänzlichen Verzicht auf eine Handlung hatte ich denn doch ein wenig meine Mühe. Wobei ich auch zugeben muss, dass dies nicht der einzige Jarmusch-Film ist, bei dem mir dies so gegangen ist.

Ana, mon amour

Auf MUBI verfügbar bis: 19. Mai 2020

Ein kleiner Überraschungshit war dieses rumänische Scheidungsdrama von Calin-Peter Netzer, der für seinen Vorgängerfilm Child's Pose 2013 den Goldenen Bären in Berlin geholt hatte. Auch für Ana, mon amour gab's 2017 in Berlin eine Auszeichnung, und zwar für den besten Schnitt. Und ja, der Schnitt ist in diesem Film insofern relevant, als er verschiedene Zeitebenen wild durcheinanderwirbelt, vom Kennenlernen des Paares über die ersten Krisen bis hin zur Scheidung.

Das ist zuweilen etwas verwirrend, handkehrum aber auch sehr subtil in Szene gesetzt. Erschienen zwei Jahre vor Marriage Story, der ähnliche Themen aufgreift, zeigt dieser Film, wie sich ein Paar langsam voneinander entfremdet. Trotz einer stattlichen Länge von zwei Stunden konnte mich Netzers Werk bei der Stange halten und auch berühren. Nur eine explizite Sexszene ist ein wenig überflüssig. Es scheint fast so, als ob der Regisseur damit den Nachweis erbringen wollte, dass es sich hier um einen europäischen Film handelt.

Antoine et Antoinette

Auf MUBI verfügbar bis: 31. Mai 2020

Siebzig Jahre älter ist dieser Film von Jacques Becker, doch auch hier geht es ums Beziehungsleben eines Ehepaars. In der Drama-Komödie ziehen ein Mann und eine Frau aus der Arbeiterklasse im wörtlichen Sinne «das grosse Los» in der Lotterie, doch wie's nicht anders sein kann, kommt ihnen dieses Los abhanden.

Neben diesem klassischen Plot porträtiert der Film eine Reihe von Nebencharakteren, bei denen vor allem die Männer eine schlechte Figur abgeben: ein aufdringlicher Verehrer, ein eifersüchtiger Ehemann, ein hochnäsiger Bräutigam oder ein junger Schwerenöter. Da kommt mir unweigerlich ein 50 Jahre später aufgenommener Ärzte-Song in den Sinn.

Dieser Fokus auf Nebencharaktere hat mich zuweilen etwas irritiert, handkehrum macht es den Film aber auch etwas interessanter. Zumindest hat er mich neugierig gemacht darauf, mehr Werke des Regisseurs anzuschauen. Zumindest eines davon sollte in den nächsten Tagen folgen, zumindest suggeriert dies das Label «Jacques Becker im Doppelpack», unter dem der Film auf MUBI läuft.

Auf der Watchlist

In den nächsten zwei Wochen werde ich wegen eines anderen OutNow-Projektes (to be communicated!) wohl nicht so häufig dazukommen, mich MUBI zu widmen. Ein Film, den ich mir aber auf keinen Fall entgehen lassen möchte, ist Louis Malles Black Moon. «Ein wahrlich unidentifizierbares Filmobjekt mit Zügen von Freud, Buñuel und Carroll» schreibt MUBI - und hat mich damit neugierig gemacht. Ich erwarte ein ziemlich abgedrehtes Filmerlebnis. Bin gespannt!

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OutNow.CH
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