Vergesst AV-Receiver: Das Kino ist der beste Verstärker

Redaktionsleiter Chris ist wie alle auf Kino-Entzug. Zwar besitzt er Heimkino, doch nichts kommt an die Wucht und die Kraft eines regulären Kinos heran. Etwas, das ihn Finchers «Se7en» lehrte.

Morgan Freeman und Brad Pitt in «Se7en» © Warner Home Video

Aufgerüstet habe ich schon lange vor COVID-19. Seit 2011 bin ich stolzer Besitzer eines HD-Beamers, der sein Licht auf eine knapp drei Meter breite Leinwand wirft. Über die Jahre wurden ständig Updates vorgenommen, sodass nun sogar vier Boxen an der Decke hängen und so Dolby Atmos sowie DTS:X ihre ganzen Kräfte ausspielen können - mir graut es regelmässig vom nächsten Zügeltermin, wenn die Lautsprecher herunterkommen und die Löcher gestopft werden müssen. Auch wenn ich mir zu Hause diesen Luxus gönne, gibt es meiner Meinung nach das erstklassige Filmerlebnis trotzdem nur im Kino. Das machte mir David Fincher mit seinem Thriller-Meisterwerk Se7en unmissverständlich klar.

Aufgrund meines Jahrgangs 1988 war es mir leider nicht möglich, Se7en 1995 im Kino zu sehen. In dem zarten Alter von sieben Jahren hatte ich ohnehin nur Augen für Woody und Buzz. So kam es, dass ich die Nervenprobe mit Morgan Freeman und Brad Pitt zum ersten Mal mit etwa zwölf Jahren gesehen habe - natürlich aufgenommen auf einer Videokassette mit vier Stunden Laufzeit.

Die vier Stunden brauchte man, dass man den Recorder um 20:15 auf ORF 1 starten konnte und somit die Eltern im Glauben lassen konnte, dass man My Best Friend's Wedding aufzeichnete. Für die liebe Schwester, natürlich. Das stimmte selbstverständlich hinten und vorne nicht, denn der Plan war, die Kassette mit dem ganzen Abendprogramm bis Viertel nach Mitternacht zu füllen. Denn ich war vor allem auf den Film scharf, der um 22:00 startete und bei dem neben dem Logo des ersten Programms des österreichischen Rundfunks ein «X» platziert war, welches «Nicht für Kinder» bedeutete und somit viel interessanter als der Julia-Roberts-Film war.

Ermöglichte viel gute Unterhaltung
Ermöglichte viel gute Unterhaltung © OutNow

«Begehrter» waren eigentlich nur Filme, die neben dem ORF-Logo ein «O» hatten, was «Nur für Erwachsene» bedeutet und unter anderem bei 8mm und erst gerade kürzlich bei der ungekürzten Nachtwiederholung von Logan zum Einsatz kam. Wenn ich heute beim Durchzappen das «X» oder das «O» neben dem ORF-Logo sehe, werde ich gleich nostalgisch.

So kam es, dass ich im Jahre 2000 auf dieser 4-Stunden-Kassette zum ersten Mal Se7en sah. Ein eindrücklicher Film mit einem fiesen Finale. Moll, der war wirklich cool. Als ich dann genug alt war, kaufte ich die DVD und später die Blu-ray des FSK-16-Filmes. Doch als ich ein paar Jahre später sah, dass das auf Reprisen spezialisierte Kino Xenix in Zürich den Fincher-Film zeigt, wollte ich mir diesen natürlich auch mal auf der Leinwand geben. Obwohl ich die Mörderhatz bereits ein halbes Dutzend Mal gesehen hatte, konnte mich das nicht darauf vorbereiten, was ich während den zwei Stunden im Xenix erleben würde.

Denn die düsteren Bilder von Darius Khondji und der bedrohliche der Score von Howard Shore entfalten ihre ganze Kraft und Wucht in einem dunklen Raum, in dem man nirgends anders hinschauen kann als auf die Leinwand. Im Kino gibt man sich völlig in die Hände der Geschichtenerzähler, man wird völlig in die präsentierte Welt hineingezogen und fühlt so viel mehr mit den Figuren mit. Die schiere Grösse der Leinwand lassen Details wie ein Foto der Mordwaffe bei der Todessünde Wollust in ihrem ganzen kranken Glanz erscheinen.

Ablenkungen sind (mit dem genügend entgegengebrachten Respekt der anderen Zuschauer) nicht möglich und so ist man in einem Film wie Se7en völlig gefangen. Ich war am Ende des Filmes so verstört wie noch selten zuvor. Es war, als hätte ich einen brandneuen Film gesehen. Hat man einen Film erst (richtig) gesehen, wenn man ihn im Kino gesehen hat? Diese Frage bejahe ich.

Das Erlebnis zeigte mir überdeutlich auf, dass die Situation «Kino» einfach jeden Film besser macht - egal, wie gut er auch ohne dieses Setting ist. Leiden in einem Spannungsfilm, Kaputtlachen bei einer Komödie oder das Weinen bei einem Drama: Alles wird im Kino verstärkt. Wie hiess es in einem deutschen TV-Spot vor ein paar Jahren mal so schön: «Kino, dafür werden Filme gemacht!» Dem kann ich nur beipflichten. Die (sichere) Rückkehr in die Lichtspielhäuser kann nicht früh genug kommen.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Er liebt die Filme von Christopher Nolan, die Festivals in Cannes und Toronto und kann nicht wirklich viel mit Jean-Luc Godard anfangen, was aber wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Gewinner des Filmpodium-Filmbuff-Quiz 2019.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. E-Mail
  4. Twitter
  5. Letterboxd
Teilen
Auf Facebook teilen  Auf Twitter teilen 
Datum
Quelle
OutNow
Thema

Kommentare Total: 2

holzhase

Hallo Chris

Wie ich das Kino vermisse.
Kino bedeute für mich Kurzurlaub in dem ich den Alltag vergesse und in eine andere Welt abtauchen kann.

Dies ist einer der Gründe weshalb ich so gerne ins Kino gehe.

Danke für deine wundervolle Beschreibung.
Holzhase

Eva36

Hallo Chris

Ich hätte es nicht besser formulieren können. Ein Lichtspielhaus (Kino) ist ein Ort der Atmosphäre, der Düfte, der Gefühle und wie die Emotionen alle heissen mögen. Der Spielfilm ist (oft) das Topping (Kirsche), die bodenbildenden Zutaten sind für das Gesamterlebnis unerlässlich und gehören einfach dazu. Gut gebrüllt, Löwe!

Beste Grüsse auch an das ganze Team und gute Gesundheit wünscht
Pille73

Kommentar schreiben